Ana o Keke - Jungfrauenhöhle - Bericht von Thor Heyerdahl

Ana o Keke - Jungfrauenhöhle - Bericht von Thor Heyerdahl


Bericht Thor Heyerdahl über die Besichtigung der Jungfrauenhöhle (Ana O Keke)
Auszug aus dem Buch "aku-aku – Das Geheimnis der Osterinsel"

Ana o Keke - Die Jungfrauenhöhle
"Eines Tages besuchte uns Pater Sebastian, um uns nach Ana o Keke, der heiligen Bleichstätte der Neru-Jugfrauen, mitzunehmen. Neru nannte man auserwählte junge Mädchen, die man in eine tiefe höhle sperrte, um sie für bestimmte religiöse Feste so bleich und weiß wie möglich zu machen. Lange, lange Zeit sahen sie weder das Tageslicht noch andere Menschen. Das Essen wurde zur Höhle getragen und ihnen von eigens dazu bestimmten Frauen durch die Öffnung zugeschoben. Die Eingeborenen konnten sich noch erinnern, dass damals, als die vom Festland zurückkehrenden Sklaven dem Blatterntod über die ganze Insel brachten, die fürchterliche Krankheit die Neru-Jungfrauen zwar nicht erreichte, aber sie mussten in ihrer Höhle verhungern, weil niemand mehr da war, der ihnen Essen bringen konnte.

Der Eingang zur Jungfrauenhöhle Ana o Keke lag an der östlichen Spitze der Insel. Der Name bedeutet: "Höhle zur Inklination der Sonne". Um dorthin zu gelangen, mussten wir den östlichen Vulkan der Insel, den Katiki, passieren. Hinter ihm lagen die drei Hügel, wo die Spanier einst ihre ersten Kreuze aufgerichtet hatten. Riesenfratze Thor Heyerdahl auf der Poike-Halbinsel 1955Dort befand sich ebenfalls eine Höhlenwohnung, und daneben war eine diabolische Riesenfratze in die Bergwand gehauen. Ihr geöffnetes Maul fing das Regenwasser auf, es klaffte so gewaltig, dass ich hineinkriechen und mich mit größter Leichtigkeit hinter der Unterlippe verbergen konnte.

Aber Pater Sebastian führte uns weiter, hinaus an den Rand der wilden Felswand, die sich rund um die hochragende Poikehalbinsel zieht und direkt zum Meer abbricht. Dort begann er so waghalsig an der äußersten Kante entlang zu spazieren, dass wir vier Begleiter ihm wie aus einem Munde zuriefen, sich weiter innen zu halten. Ein ungewöhnlich heftiger Ostwind pfiff um die Klippen und zerrte an unseren Kleidern, so dass sich keiner sicher auf den Beinen fühlte. Aber unser weißgewandeter Freund in seinem fußlangen flatternden Kittel und den schweren schwarzen Stiefeln trabte unbeirrt längs der äußersten Kante weiter. Offenbar suchte er nach einer bestimmten Stelle und erinnerte sich nicht genau, wo sie lag.

Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf, und er winkte mit den Armen: hier war es! Er brach ein Stück des losen gelbbraunen Gesteins ab, um zu zeigen, wie verwittert es war; wir sollten also vorsichtig sein. Er selber trat kühn an den Rand; Kapuze und Kutte bauschten sich unter einem heftigen Windstoß, wir schrien auf – und weg war Pater Sebastian. Carl set5zte sich nieder und nahm vor lauter Aufregung seinen Hut ab. Ich krabbelte hinaus und spähte vorsichtig über die Kante. Hier ging es wirklich nicht mehr weiter. Tief drunten sehe ich den Fuß des Berges, wo die weißen Wogenkämme der Brandung langsam herangerollt kamen. Die Luft war erfüllt vom Heulen des Windes und vom Brausen der See. TOP

Weg am Steilhang zur JungfrauenhöhleAuf einem schmalen Felsband ganz links entdeckte ich endlich die weiße Kutte Pater Sebastians, an der der Wind riss und zerrte. Der Priester drückte sich dicht an die Felswand und schob sich seitlich tiefer. Das Meer drunten war von Schaumkronen bedeckt, schwere Windstöße rüttelten an uns, bald von hier, bald von dort, da wir von keiner Seite geschützt waren. Plötzlich erfüllte mich unbegrenzte Bewunderung für den alten Mann, der da unten seelenruhig und sicher kletterte, weil er die Wirklichkeit mit seinem Glauben so identifizierte, dass ihn keine Furcht vor physischer Gefahr ankam. Ich glaube fast, er hätte auch über das Wasser wandeln können. Er drehte sich zu mir und lachte herauf, zeigte etwas tiefer nach unten und deutete dann mit dem Finger auf den Mund: ich möge die Lunchpakete mitnehmen, da drunten wollten wir essen.

Ich fühlte mich so unsicher in den unregelmäßigen Windstößen, dass ich wieder ein Stück zurückkroch und mir das Hemd auszog, bevor ich unsere Butterbrote ergriff und das Wagnis unternahm, Pater Sebastian in die Felsen zu folgen. Als meine Kletterei begann, war er wieder verschwunden. Ich sah keine Spur mehr von seiner Kutte, nur zweihundert Meter senkrecht unter mir die donnernde Brandung.

Felskletterei ist nicht meine stärkste Seite, und ich fühlte mich nicht besonders wohl in meiner Haut, als ich mich vorsichtig auf das Band hinunterließ. Ich drückte mich mit dem Bauch gegen die Wand und zog mit erheblichem Herzklopfen in Pater Sebastians Richtung los. Schritt für Schritt tastete ich mich mit dem Fuß über das brüchige Gestein weiter. Das schlimmste von allem war der Wind. TOP

Pater Sebastian Englert vor der JungfrauenhöhleSchließlich kam ich zu einem kleinen Vorsprung in der Felswand. Hier war nur ein einziger Tritt, etwas, was wie ein vertrockneter Erdklumpen aussah und von der Felswand durch einen tiefen Riss getrennt war. Aber hatte er Pater Sebastian getragen, musste er wohl auch mich tragen. Ich schlug versuchsweise mit dem Fuß dagegen, freilich nicht allzu kräftig. Dann schob ich den Kopf um die Felsnase – und da lag der Pater und lachte mir entgegen. Kopf und Schultern ragten aus einem Loch in der Wand, das gerade halb so hoch war wie der Eingang einer Hundehütte. So wird er mir in Erinnerung bleiben: der Diogenes der Osterinsel in der Tonne, mit einer Stahlbrille auf der Nase, weiten, flatternden Ärmeln und einem wallenden Bart. Als er meiner ansicht wurde, hob er mir feierlich beide Arme entgegen und rief: "Willkommen in meiner Höhle!"

Ana o Keke - Jungfrauenhöhle auf der OsterinselIn dem Sausen des Windes konnte ich seine Worte kaum verstehen. Dann rutschte er rückwärts in den engen Kanal, damit auch ich Platz bekäme, denn unter der Öffnung stürzte die Felswand senkrecht in die Tiefe. Ich schob mich bis zu dem Absatz vor der Höhle und zwängte mich nach ihm hinein. Lärm, Wind und Sonne verschwanden, es war fürchterlich eng, aber die Decke wölbte sich bald höher. Im Schoße des Felsens herrschte unerschütterliche Ruhe und Sicherheit. Ein schmaler Lichtstrahl schlüpfte herein, so dass wir einander im Halbdunkel erkennen konnten. TOP

Zeichen und Figuren in der Jungfrauenhöhle Beim Schein der Taschenlampe sah ich, dass seltsame Zeichen und Figuren die Wände bedeckten. Das war also die Jungfrauenhöhle. Hier mussten einst die armen kleinen Mädchen wochen-, vielleicht gar monatelang sitzen und warten, bis ihre Haut so bleich wurde, dass man sie dem Volk vorstellen konnte. die Höhle war nicht einmal eineinhalb Meter hoch und bot höchstens für ein Dutzend Kinder Platz, wenn sie sich an den Wänden entlang niedersetzten.

Nach einer Weile verdunkelte sich die Öffnung. Jemand drängte sich herein. Unser eingeborener Freund stieß zu uns. Er wurde augenblicklich von Pater Sebastian zurückgeschickt, um unsere beiden anderen Begleiter nachzuholen. Für sie gab es keine Ausflüchte, wenn ein Achtundsechzigjähriger den Anfang gemacht hatte. So saßen wir bald alle beieinander und taten uns am Lunch gütlich.

Während des Essens zeigte Pater Sebastian auf ein kleines Loch in der Rückwand. Wenn wir da hineinkröchen, könnten wir noch etwa dreihundertachtzig Meter tief in den Fels vordringen, aber das sei die schlimmste tour, die er je bestanden habe. Ihn bringe niemand wieder da hinein. Auf halbem Weg sei die Passage für eine ganze Weile so eng, dass sich ein Mensch nur mit Mühe durchschieben könne, und gleich dahinter lägen Zähne und Knochenreste wie in einer Begräbnishöhle. Es sei ihm rätselhaft, wie man einen Toten hier hereingebracht habe, denn vor sich herschieben konnte man ihn nicht, und zog man ihn nach, so versperrte man sich selbst den Rückweg.

Da streifte ich mein Hemd über; ich wollte nun auch den Rest der Höhle sehen, obgleich mich Pater Sebastian lachend warnte; ich würde sofort umkehren, wenn ich erst einmal gemerkt hätte, was da drinnen los sei. Nur der Eingeborene war bereit, mitzukommen, als ich durch das Loch hineinkroch. Die Höhle verzweigte sich, aber bald liefen die Gänge wieder zu einer schmalen Passage zusammen, durch die wir kriechen mussten. Dann hob sich die Decke, und wir befanden uns in einem langen Tunnel, der so hoch und geräumig war, dass wir laufen konnten, um Zeit zu sparen. Die Lampe war elend und leuchtete bloß mit halber Stärke; die Batterien hatten im Lager gelitten. Sicherheitshalber trug ich aber eine Stearinkerze und Zündhölzer in der Hosentasche. TOP

Um die Batterie zu schonen, knipste ich die Lampe immer wieder aus, und wir liefen, gingen und krochen im Dunklen vorwärts. Dabei ließ es sich nicht vermeiden, dass wir uns ein paarmal den Kopf an der Wölbung stießen, und dann fielen tropfenförmige kleine Splitter, klingend wie glas, auf Haar und Nacken.

Tief drinnen im Berg kamen wir an eine Stelle, wo der Grund lehmig und von Wasser überspült war. Hier wurde die Decke immer niedriger. Wir mussten uns ducken und auf Händen und Füßen durch Wasser und Schlamm vorwärtskriechen. Aber dann wurde es noch flacher, und schließlich konnten wir uns nur noch auf den Bauch legen und unter den Felsmassen vorschieben, während das eiskalte morastische Nass uns durch Hemd und Hosen drang.

"Prima weg!" rief ich nach hinten.

Mein Begleiter, der hinter mir im Morast lag, lachte und machte ebenfalls seine Glossen. Dann aber begann es wirklich schlimm zu werden. Ich verstand jetzt, was Pater Sebastian meinte; aber wenn er es geschafft hatte, gab es keinen Grund, auf halbem Weg aufzugeben. Gleich darauf reute mich der Entschluss fast. Obgleich ich mit dem halben Körper im Wasser und Schlamm lag, kam die Decke so tief herab, dass ich mich immer wieder vergeblich vortastete, ohne einen Ausweg zu finden. Die Taschenlampe war wasserdicht, aber es war hoffnungslos, das Glas sauber zu halten, wenn ich selber in den Morast gequetscht wurde. Das spärliche Licht, das sie spendete, zeigte deutlich, dass der Durchgang nicht nur niedrig, sondern auch schmal war. Hier hatte sich also Pater Sebastian durchgeschoben. Langsam drängte ich den Brustkorb hinein und spürte, dass ich zur Not noch weiterkäme, falls es nicht ärger würde. Während der Schlamm sich zur Seite schob, der harte Berg von oben und unten auf mich drückte, zwängte ich mich Zoll um Zoll durch den Spalt. Es war so absurd, dass ich mich nicht zurückhalten konnte, dem armen Teufel, der hinter mir herkam, noch einmal "Prima Weg"! zuzustöhnen; aber diesmal funktionierte sein Sinn für Humor nicht mehr. TOP

"Schlechter Weg, Senor", seufzte er. Ganze fünf Meter mussten wir uns durch diesen Schraubstock zwängen, der unsere Rippen umklammert hielt, dann waren wir durch das Nadelöhr und kamen in den Teil, wo die Skelette lagen. Hier war es wieder trocken und mehr Platz unter der Decke, so dass wir abwechselnd auf allen vieren und mit kleinen Schritten die Gänge entlangtappen konnten.

Wahrhaftig keine Mondscheinpromenade für die armen Neru-Jungfrauen, wenn sie sich bei ihrer langen Höhlenhaft einmal die Beide vertreten wollten. Ich war steif und ausgefroren von dem kalten Schlammbad. Als ich mit der Taschenlampe zurückleuchtete, um zu sehen, ob mein brauner Begleiter hinterherkam, sah ich, dass mir eine lebendige Schlammpackung folgte. Nur Augen und Zähne unterschieden ihn von dem Höhlenboden, der uns umgab.

Der Gang endete schließlich in einer glatten, steilen Lehmwand, die zu einer Öffnung in der Decke hinaufführte. Nach mehrfachem Zurückrutschen gelang es mir endlich, mich hochzustemmen. Ich kam in eine kleine, glockenförmige Kuppel, die aussah, als wäre sie von Menschenhand gemacht. Aber es war nur eine Gasblase im Gestein. Hier hatte Pater Sebastian ein Lichtstümpfchen hinterlassen. Meines trug ich noch immer in der Hosentasche, und an Rücken und Hinterteil war ich den Umständen entsprechend, trocken geblieben. Ich probierte Pater Sebastians Kerze, aber sie wollte nicht brennen. Auch mit den Streichhölzern stimmte etwas nicht. Ich fühlte, wie mir der Schweiß auf die Stirn trat; die Luft war schlecht hier drinnen. TOP

Schnell rutschte ich also den Lehmhang wieder hinunter zu meinem schlammbedeckten Gefährten, der auf mich wartete, und dann machten wir uns eiligst auf den Rückweg, so rasch es das elende Licht und die niedrige Decke zuließen. Wie wir da schlichen und krochen, sahen wir wie zwei Gestalten aus der Unterwelt aus, und so fühlten wir uns auch. Durch Wasser und Schlamm ging es mit Scherzworten wieder in die Spalte hinein, die zu dem scheußlichen Nadelöhr führte. Der Eingeborene folgte mir dicht auf den Fersen, Zoll um Zoll schraubten wir uns weiter. Wir spürten den gnadenlosen Griff der Felsen um unsere Brust, der sich nicht um Haaresbreite für zwei Menschenleiber öffnen wollte. Schon beim Hereinschieben war es ein langes Stück gewesen, jetzt kam es mir noch länger vor. Wir versuchten noch immer, die Sache spaßhaft zu nehmen; bald mussten wir ja durch sein. Aber ich fühlte mich unbehaglich nass und verschmiert, der Schweiß rann mir über die Stirn, und meine Kräfte gingen zu Ende. Die Luft war schlecht. Nach einer Weile verstummten wir, quälten uns nur damit ab, den Körper mit ausgestreckten Armen weiterzuschieben, ohne dass die Lampe in den Schlamm tauchte.

War der Spalt nicht zuvor breiter gewesen? Merkwürdig, dass diese enge Passage immer weiterging, dass wir nicht bald den äußeren Tunnel erreichten. Mein erschöpftes Hirn wunderte sich einen Augenblick darüber, während ich mich unablässig vorschob. Da sah ich beim schwachen Schein der Lampe, dicht vor meiner Nase, einen Knick nach aufwärts. Wie konnte man den Körper hier noch durchzwängen? Vielleicht war der Knick in umgekehrter Richtung viel leichter zu passieren gewesen, sodass ich nicht gemerkt hatte, wie schwer es sein würde, auf dem Rückweg durchzukommen. Seltsam, dass ich mich gar nicht daran erinnern konnte. Mit aller Kraft stemmte ich den Körper ein Stück weiter und versuchte, in meiner verkrampften Stellung durch die Öffnung nach oben zu blicken, während Millionen Tonnen Fels auf mir lasteten. Zu meinem Schrecken merkte ich, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Dieser Knick war unpassierbar. TOP

"Hier geht es nicht mehr weiter", sagte ich zum dem Mann, der dicht an meinen Fersen lag. Der Schweiß strömte mir über das Gesicht.
" Nur weiter, Senor", ächzte er, "es gibt keinen anderen Ausgang".
Ich presste mich noch ein winziges Stück vor, den Kopf zur Seite gedreht, um Platz zwischen den engen Steinflächen zu bekommen, meine Brust war teuflisch eingeklemmt. Da sah ich, als ich das Licht ein wenig hob, dass das Loch über mir viel kleiner war als mein Kopf. Hier war es ganz unmöglich durchzukommen.
Im selben Augenblick machte ich die Lampe aus; es galt jetzt, Strom zu sparen, denn nun wurde die Situation kritisch. Nachdenken konnte man auch im Dunkeln. Ich fühlte plötzlich, wie das ganze mächtige Bergmassiv der Poike-Halbinsel auf meinem Körper lag und ihn zusammenpresste. Es war schwer und wurde noch schlimmer, wenn man sich dagegenstemmte. Man musste sich ganz entspannen und sich so dünn wie möglich machen, und trotzdem drückte der Berg von oben und unten.
" Wir müssen zurück!" sagte ich zu meinem Hintermann, "es geht hier nicht weiter."
Er weigerte sich entschieden und bat mich inständig, weiterzukriechen; es sei der einzige Ausweg aus dieser Hölle.
Das konnte nicht gut möglich sein. Ich knipste wieder die Lampe an, schob mich ein wenig zurück und betrachtete den Boden vor meinen Händen. Er sah aus wie eine Mischung aus Erde und halbgetrocknetem Lehm. Der Abdruck meines Hemdes und der Knöpfe war deutlich zu sehen, auch die Spuren meiner Finger, soweit ich mich eben vorgetastet hatte. Aber weiter vorne lagen Lehm und Stein unberührt von Mensch und Tier. Ich löschte das Licht wieder. Die Luft war schwer, die Brust wie eingeschnürt. Gesicht und Körper troffen vor Schweiß. War der uralte Höhlengang eingestürzt, weil wir gesprochen und uns hindurchgezwängt hatten? Wenn die Decke heruntergekommen war und den ganzen Weg vor uns versperrte, wie konnten wir uns wieder ans Tageslicht graben, wenn nicht einmal Platz war, um Lehm und Gestein an uns vorbei nach hinten zu schieben? Konnten wir in dieser elenden Luft aushalten, bis die anderen begriffen, was mit uns geschehen war, und sich bis hierher vorgegraben hatten? Oder krochen wir den falschen Weg, in einem Gang, der blind endete? Wie konnte das sein, wenn die Jungfrauenhöhle in dem Teil, wo wir uns befanden, nur einen einzigen engen Schlauch bildete, nicht breiter als ein Mann? TOP

Der Eingeborene versperrte mir den Rückweg und drückte nach.
" Geh zurück!" schrie ich.
Nun begann er, die Nerven zu verlieren und schob an meinen Füßen. Er hatte ja das winzige Loch nicht gesehen, und ich konnte ihn auch nicht an mir vorbeilassen, damit er sich selber überzeugte.
" Zurück! Zurück!"
Der Mann hinter mir schien in eine Panik zu geraten. Ich schrie ihn an: "So geh doch, geh!" und strampelte mit den Füßen. Das half endlich. Er schob sich Zoll um Zoll zurück, und ich folgte ihm. Langsam, mit kleinen Schüben nach rückwärts, ging es dahin. Meine Hauptsorge war, überall den Kopf durchzubringen, denn der ließ sich nicht wie die Brust zusammendrücken.

Plötzlich hatten wir mehr Raum über uns, wieso, begriff ich nicht. Mir war ganz wirr von der schlechten Luft. Konnten wir schon bei der Stelle mit den Skeletten sein? Ich ließ die Taschenlampe aufblitzen und sah zwei Öffnungen vor mir. Die rechte führte in einem sanften Knick nach oben. Hier hatten wir uns geirrt. Wir waren nach links statt nach rechts oben geschlüpft. Ich drehte mich nach dem Eingeborenen um, der sich automatisch weiter rückwärts schob.

"Hier ist die Stelle!" rief ich und kroch wieder in den linken Eingang. Der Eingeborene folgte mir mechanisch. Der Schacht wurde wieder enger und enger. Es war grauenhaft. Zum Schluss ließ ich die Lampe aufleuchten und sah vor mir genau dasselbe hoffnungslos kleine Loch. Da begriff ich, dass mein Hirn nicht mehr richtig funktionierte. Ich war zum zweiten Mal in die falsche Röhre gekrochen, obwohl ich doch ganz genau wusste, dass ich den rechten Gang zu wählen hatte. TOP

"Wieder zurück!" stöhnte ich, und diesmal ging es bei uns beiden ganz von selbst. Wir schoben uns von neuem nach rückwärts hinaus, und ich hatte dabei nur einen Gedanken: nach rechts, rechts, rechts! Als wir die beiden Gänge wieder sahen, kroch ich automatisch in die rechte Öffnung, und blad konnten wir uns erheben, laufen, kriechen. Wir spürten den Zug frischer, kalter Luft im Tunnel, und schließlich schlüpften wir durch die letzte Enge hinaus in die gemütliche Höhle mit den Zeichen an den Wänden, wo unsere Freunde auf uns warteten.

Es war herrlich, sich aus der Felswand wieder herauszuzwängen in den brausenden Wind. Herrlich, in das blendende Sonnenlicht und die Unendlichkeit da draußen zu blicken, unter sich den jähen Abgrund und vor sich die unbegrenzte Weite von Himmel und Meer.

"Haben Sie aufgeben müssen?" fragte Pater Sebastian gespannt und lachte herzlich bei unserem Anblick.
" Nein", erwiderte ich, "aber jetzt begreife ich, wie in einer solchen Höhle Skelette liegen können."
TOP

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