Georg Forsters Reisebericht über die Osterinsel
Georg Forsters Reisebericht über die Osterinsel
Auszug aus Georg Forsters Reisebericht "Reise um die Welt" aus
dem Jahre 1784: Nachricht von der Oster-Eyland und unseren Aufenthalt
daselbst.
Am 13ten, früh morgens, liefen wir dicht unter die südliche
Spitze der Insel. Die Küste ragte in dieser Gegend senkrecht
aus dem Meer empor, und bestand aus gebrochenem Felsen, deren schwammige
und schwarze eisenfarbige Masse vulkanischen Ursprungs zu sein
schien. Zwei einzelne Felsen, lagen ungefähr eine Viertel Meile
von dieser Spitze im See. Einer derselben hatte eine sonderbare
Form, er glich nämlich einer großen Spitz-Säule
oder Obelisk, und beide waren von einer ungeheuren Menge Seevögel
bewohnt, deren widriges Geschrei uns die Ohren betäubte.
Nicht lange nachher entdeckten wir eine andere Landspitze,
ungefähr
10 Meilen von der ersten; und hier ward das Land nach dem Ufer
herab, etwas flacher und ebener. In dieser Gegend entdeckten
wir auch einige bepflanzte Felder; doch schien die Insel, im
Ganzen genommen, einen elenden dürren Boden zu haben. Der
Pflanzungen waren so wenige, dass wir uns eben keine Hoffnung
zu vielen Erfrischungen machen durften; dennoch blieben unsere
Augen unablässig darauf gerichtet.
Mittlerweile sahen wir viele, fast ganz nackte Leute von
den Bergen gegen die See herabkommen. So viel wir unterscheiden
konnten,
waren sie unbewaffnet, welche uns ein Merkmal friedlicher Gesinnungen
zu sein dünkte. Wenige Minuten nachher, schoben sie ein
Kanu ins Wasser, in welchen sich zwei von ihnen zu uns auf den
Weg machten, die, indem sie sehr rasch ruderten, in kurzer Zeit
neben dem Schiff waren.
Sie riefen, wir mögen ihnen einen Strick zuwerfen, dessen
Benennung in ihrer Sprache ebenso als in der Tahitischen lautete.
Sobald wir’s getan hatten, befestigten sie einen großen
Klumpen reife Pisangs daran, und winkten nun, dass man den Strick
wieder heraufziehen möge. Welche allgemeine und unvermutete
Freude der Anblick dieser Früchte bei uns verursacht habe,
ist kaum zu beschreiben; nur Leute, die eben so elend sind, als
wir damals waren, können sich einen richtigen Begriff davon
machen. Mehr als fünfzig Personen fingen aus Übermaß der
Freude auf einmal an, mit den Leuten im Kanu zu sprechen, die
natürlicherweise keinen einzigen antworten konnten.
Kapitän Cook nahm allerhand Bänder, befestigte Medaillen
und Corallen daran, und ließ ihnen solche zum Gegengeschenk
herab. Sie bewunderten diese Kleinigkeiten sehr; eilten aber
unverzüglich wieder ans Land. Als sie auf dem Rückwege
um das Hinterteil des Schiffs herum ruderten und daselbst eine
ausgeworfene Angelschnur vom Verdeck herabhängen sahen,
banden sie zum Abschieds-Geschenk, noch ein klein Stückchen
Zeug daran. Beim Heraufziehen fanden wir, dass es aus eben solcher
Baumrinde als das Tahitische verfertigt und gelb gefärbt
war.
Den wenigen Worten nach zu urteilen, die wir von ihnen gehört
hatten, dünkte uns ihre Sprache ein Dialekt der Tahitischen
zu sein. Es wird also an beiden Enden der Südsee einerlei
Sprache geredet. Ihr ganzes Ansehen ließ uns vermuten,
dass sie ein Zweig desselben Volk-Stammes sein müssten.
Sie waren von mittlerer Größe, aber mager, und der
Gesichtsbildung nach, den Tahitiern ähnlich jedoch nicht
so schön. Der eine von den beiden, die im Kanu waren, hatte
einen Bart, der bis auf einen halben Zoll abgeschnitten war.
Der andere war ein junger Mensch von siebzehn Jahren. Sie hatten über
den ganzen Körper eben solche Punkturen als die Neu-Seeländer,
und als die Einwohner der Societäts- und der freundschaftlichen
Inseln; gingen aber völlig nackend. Das Sonderbarste an
ihnen war die Größe ihrer Ohren, deren Zipfel oder
Lappen so lang gezogen war, dass er fast auf den Schultern lag;
daneben hatten sie große Löcher hinein geschnitten,
dass man ganz bequem vier bis fünf Finger durchstecken konnte.
Dies stimmte genau mit der Beschreibung überein, welche
Roggeveen in seinem Reise-Journal von ihnen macht.
Ihr
Kanu war in seiner Art nicht minder sonderbar. Es bestand aus
lauter kleinen Stückchen Holz, die ungefähr 4 bis 5
Zoll breit und von 3 bis 4 Fuß lang, sehr künstlich
zusammengesetzt waren. Überhaupt mochte es ungefähr
10 bis 12 Fuß lang sein. Das vor- und Hinterteil war jedes
sehr hoch; in der Mitte aber war das Boot sehr niedrig. Es hatte
einen Ausleger oder Balancier von drei dünnen ‚Stangen,
und jeder von den Leuten führte ein Ruder, dessen Schaufel
gleichfalls aus verschiedenen Stücken zusammengesetzt war.
Auch diesen Umstand findet man in den holländischen
Nachrichten welche von Roggeveen Reise im Jahr 1722. Dort
gedruckt ist, ganz gleichlautend angezeigt. Da sie die Sparsamkeit
mit dem Holze so weit treiben; so ist zu vermuten, dass die Insel
Mangel daran haben müsse, wenn gleich in einer anderen Reisebeschreibung
das Gegenteil behauptet wird.
Ungeachtet dessen dass wir der Stelle gegenüber, von wo
das Kanu abgegangen war, einen Ankerplatz fanden, so liefen wir
doch, in der Hoffnung, noch besseren Ankergrund zu finden, noch
weiter längst der Küste, und bis an die nördliche
Spitze derselben hin, die wir gestern, wiewohl von der anderen
Seite, gesehen hatten. Die Hoffnung aber, hier eine bequemere
Reede zu finden, schlug uns fehl, und also kehrten wir nach vorgedachten
Platze wieder zurück.
Am dem Ufer sah man eine Menge schwarzer Säulen oder Pfeiler,
die zum Teil auf Plattformen errichtet waren, welche aus verschiedenen
Lagen von Steinen bestanden. Wir konnten nun an diesen Säulen
nach gerade so viel unterscheiden, dass sie am oberen Ende eine Ähnlichkeit
mit dem Kopf und den Schultern eines Menschen hatten; der untere
Teil aber schien bloß ein roher unbearbeiteter Steinblock
zu sein.
Von angebauten Ländereien bemerkten wir hier am nördlichen
Ende der Insel nur wenig, denn das Land war in dieser Gegend steiler
als nach der Mitte der Insel hin. Auch
sahen wir nunmehr ganz deutlich, dass auf der ganzen Insel kein
einziger Baum über 10 Fuß hoch war.
Nachmittags setzten wir ein Boot aus, in welchem der Lotse
ans Land gehen sollte, um die Reede zu sondieren, von wo aus
das
Kanu zu uns gekommen war. Sobald die Einwohner unser Boot vom
Schiff abrudern sahen, versammelten sie sich am Ufer, in der
Gegend, nach welche unsere Leute zu steuern schienen. Der größte
Teil der Indianer war nackt, nur einige wenige hatten sich in
Zeug von schöner hellgelber- oder vielmehr Orange-Farbe
gekleidet, und diese mussten unsern bedünken nach die Vornehmen
der Nation sein.
Nun konnten wir auch ihre Häuser unterscheiden. Sie waren
dem Anschein nach ungemein niedrig, aber lang; in der Mitte hoch
und gegen beiden Seiten schräg ablaufend, so dass sie der
Form nach einem umgekehrten Kanu nicht unähnlich sahen.
In der Mitte schienen sie über eine kleine Öffnung
oder Tür zu haben, die aber so niedrig war, dass ein Mann
von gewöhnlicher Größe sich bücken musste,
um hineinzukommen.
Gegen Abend gingen wir an der Südwestlichen Seite der Insel
vor Anker, woselbst wir vierzig Faden Tiefe und einen guten Kies-Grund
hatten. Bald nachher kam der Lotse von seiner Expedition zurück
und brachte einen der Eingeborenen mit an Bord. Dieser Kerl war
ohne Zeremonie oder Einladung dreist ins Boot gesprungen, als
es dicht am Ufer lag, und hatte sogleich Verlangen geäußert,
ans Schiff gebracht zu werden.
Er war von kastanienbrauner Farbe und mittlerer Statur,
ungefähr
5 Fuß 8 Zoll groß; und auf der Brust und über
den ganzen Leib merklich haarig. Der Bart und das Haupthaar waren
in gleichem Verhältnis stark, beides von schwarzer Farbe
und ersteres gestutzt. Er hatte so lange Ohrlappen, dass sie
ihm fast bis auf die Schultern herabhingen; und seine Schenkel
waren felderweise oder nach würfelförmigen Figuren,
und in einem Geschmack punktiert, dergleichen wir sonst noch
nirgends bemerkt hatten. Statt aller übrigen Bekleidung
trug er bloß einen Gürtel um den Leib, woran vorne
ein Netzwerk herabhing, das aber nichts bedeckte.
Um den Hals hatte er eine Schnur, an welcher vorn auf der
Brust ein breiter und ungefähr 5 Zoll langer Knochen befestigt
war, der die Figur einer Zunge vorstellen sollte. Er erzählte
uns, dieser Knochen sei von einem Meer-Schwein „Ivi toharra“,
welcher Name in der tahitischen Sprache gerad eben so lautet.
Um sich noch deutlicher zu erklären, nannte er diesen Brust-Zierrat
auch „Ivi-Ika“, welches wie wir wohl verstanden,
einem Fischknochen bedeutet. Sobald er sich im Boote niedergesetzt,
gab er durch sehr vernehmliche Zeichen zu verstehen, dass ihm
friere. Herr Gilbert, der Lotse, gab ihm also eine Jacke und
setzte ihm einen Hut auf; in diesem Staat erschien er bei uns
auf dem Schiff.
Der Kapitän und die Passagiere schenkten ihm Nägel,
Medaillen und Corallen-Schnüre. Letztere verlangte er um
den Kopf gewunden zu haben. Anfänglich war er etwas furchtsam
und misstrauisch, denn er fragte, ob wir ihn als einen Feind
umbringen würden? (Mattetoa?) Da wir ihm aber gute Begegnung
versprachen, so schien er völlig beruhigt und sicher zu
sein, und redete von nichts als Tanzen (Hiwa.) Anfänglich
kostete es uns einige Mühe, seine Sprache zu verstehen;
als wir ihn aber fragten, wie er die Hauptglieder des Leibes
nenne, fand sich bald, dass es eben die Mundart sei, welche auf
den Societäts-Inseln geredet wird, denn die Namen der Gliedmaßen
lauteten hier ebenso als dort.
Wenn wir ein Wort sagten, dass er nichtverstand, so wiederholte
er es oft, und mit einem blick, der sehr lebhaft ausdrückte,
dass er nicht wisse, was wir damit meinten. Bei herannahender
Nacht gab er uns zu verstehen, dass er schlafen wolle, und dass
ihm friere. Mein Vater gab ihm also ein großes Stück
von dem gröbsten tahitischen zeuge. Darin wickelte er sich,
und sagte, dass er nun völlig warm sei. Man brachte ihn
in des Lotsen Kajüte, wo er sich auf einen Tisch niederlegte
und die ganze Nacht sehr ruhig schlief.
Maheine, der schon ungeduldig darüber war, dass er noch
nicht hatte ans Land gehen können, freute sich ungemein,
dass die Leute eine Sprache redeten, die der seinigen ähnlich
war. Er hatte schon verschiedene male versucht, sich mit unserem
Gast in eine Unterredung einzulassen, er war aber noch immer
durch so viele andere Fragen daran gehindert worden.
In der Nacht riss der Anker aus und das Schiff trieb fort, daher
wir die Segel wieder aufsetzen mussten, um unseren vorherigen
Ankerplatz wieder zu erreichen.
Gleich nach dem Frühstück ging der Kapitän mit
dem Wilden, der Maruwahai hieß, im gleichen mit Aheinen,
sowie mein Vater, Doktor Sparrmann und mir ans Land. Mir waren
Beine und Schenkel so dick geschwollen, dass ich fast gar nicht
gehen konnte.
Wir fanden hier eine gute Bucht, die für Boote tief genug
und am Landungsplatze durch Klippen gegen die berghohen Wellen
gedeckt war, welche an den übrigen Stellen der Küste
gewaltig gegen das Ufer anschlugen.
Ungefähr hundert bis hundert und fünfzig Einwohner
hatten sich in dieser Gegend versammelt. Sie waren fast alle
nackend, doch trugen einige einen Gürtel um den Leib, von
welchem ein Stücken Zeug 6 bis 8 Zoll lang oder auch ein
kleines Netz herab hing. Etliche wenige hatten Mäntel, welche
bis auf die Nie reichten. Das Zeug dazu war von derselben Art
als das Tahitische, aber, um solches dauerhafter zu machen, mit
Zwirn gesteppt oder durchgenäht, und mehren teils mit Curkuma-Wurzeln
gelb gefärbt.
Die Leute ließen uns ruhig an Land steigen und machten überhaupt
nicht die mindeste unfreundliche Bewegung; sondern fürchteten
sich vielmehr vor unserem Feuergewehr, dessen tödliche Wirkung
ihnen bekannt zu sein schien. Sie waren größtenteils
unbewaffnet; doch führten einige unter ihnen Lanzen oder
Speere, von unförmlich und höckerig gewachsenem Holz
gemacht und mit einem scharfen dreieckigen Stück schwarzer
Glas-Lava zugespitzt. Einer hatte eine Streit-Kolbe, die aus
einem dicken Stück Holz verfertigt 3 Fuß lang, und
an einem Ende mit Schnitzwerk verziert war, und ein paar andere
hielten kurze, hölzerne Keulen in der Hand, die den Neu-Seeländischen
Pattu-Pattus von Fischknochen völlig ähnlich sahen.
Mitunter hatte einer einen europäischen Hut, ein anderer
eine dergleichen Mütze, dieser ein gestreiftes baumwollenes
Schnupftuch, jener eine alte zerrissene Jacke von blauen wollenem
Zeuge an; alles unstreitbar Denkmäler oder Überbleibsel
von der letzten Anwesenheit der Spanier, die im Jahre 1770 hier
gewesen waren.
Übrigens konnte man es den Eingeborenen in aller Absicht
ansehen, dass ihr Land armselig sein müsse. Sie waren von
Gestalt kleiner als die Neu-Seeländer und als die Einwohner
der Sozietäts- und freundschaftlichen Inseln, ja wir fanden
nicht einen einzigen unter ihnen, den man hätte groß nennen
können. Dabei waren sie mager, und schmaler von Gesicht
als die übrigen Bewohner der Südsee zu sein pflegen.
Ihr Mangel an Kleidung und ihre Begierde nach unseren Waren,
ohne dass sie uns dafür wieder etwas angeboten hätten,
waren zusammengenommen, hinreichende Merkmale ihrer Armseligkeit.
Sie waren durchgehend über den ganzen Leib sehr stark punktiert,
vornehmlich aber im Gesicht. Ihre Frauenpersonen, die sehr klein
und zart gebaut waren, hatten auch Pukturen im Gesicht, die an
Gestalt den Schönheitspflästerchen unserer Damen glichen.
Doch befanden sich unter dem ganzen hier versammelten Haufen
nicht über zehn bis zwölf Frauensleute. Sie waren gemeiniglich
mit ihrer natürlichen hellbraunen Farbe nicht zufrieden,
sondern hatten sich noch das ganze Gesicht mit rotbraunen Röte überschmiert, über
dem denn das schöne Orangenrot der curkuma-Wurzel gesetzt
war; zum Teil hatten sie sich auch das Gesicht mit zierlichen
Streifen von weißem Muschel-Kalk verschönert. Die
Kunst, sich anzumalen, ist also nicht bloß auf die Damen
eingeschränkt, welche das Glück hab en die französischen
Moden nachzuahmen. Die Weiber waren alle in Zeug gekleidet, aber
so sparsam, dass es in Vergleichung mit den vollständigen
und verschwenderischen Trachten, die in Tahiti Mode waren, hier
ungleich seltener zu sein schien. Männer und Weiber hatten
hagere Gesichtsbildungen, doch war nichts wildes in ihren Zügen;
dagegen hatte die brennende Sonnenhitze, für welche man
in diesem kahlen Lande fast nirgends Schatten findet, bei verschiedenen
eine widernatürliche Verzerrung des Gesichts zuwege gebracht,
indem die Augenbrauen zusammen und die Muskeln vom Unterteil
des Gesichts gegen die Augen heraufgezogen waren. Die Nasen sind
nicht breit, zwischen den Augen aber ziemlich flach. Die Lippen
stark, aber nicht so dick als bei den Negern. Das Haar ist schwarz
und kräuselt sich, aber durchgehend verschnitten, und nie über
3 Zoll lang. Ihre Augen sind schwarzbraun und klein; und das
Weiße derselben ist nicht so helle als bei den anderen
Völkern der Südsee; dass sie lange Ohren, und in den
Ohrläppchen ungewöhnlich große Löcher haben,
ist bereits erwähnt. Um letztere so groß zu machen,
bedienten sie sich eines Blattes von Zuckerrohr, das aufgerollt
hindurch gesteckt war, und vermöge seiner eigentümlichen
Elastizität den Einschnitt im Ohre beständig aufgespannt
hielt.
Die unerträgliche Sonnenhitze hat sie genötigt auf
allerhand Mittel zu denken, um den Kopf dagegen zu schützen.
In dieser Absicht trugen die Männer zum Teil einen 2 Zoll
dicken Ring von stark und künstlich geflochtenem Grase um
den Kopf, der rund umher mit einer Menge langer schwarzer Federn
vom Halse des Fregattenvogels besteckt war. Andere hatten große
buschige Mützen von braunen Möwen-Federn, die fast
ebenso dick waren, als die großen Doktor-Perücken
des vorherigen Jahrhunderts. Noch andere hatten einen bloßen
hölzernen Reif auf dem Kopfe, in welchem eine große
Anzahl langer weißer Federn von der Soland-Gans befestigt
waren, die bei dem geringsten Lüftchen hin und her schwankten,
und auf die Art den Kopf nicht nur vor der Sonne schützten,
sondern zugleich kühl erhielten.
 Die
Frauenpersonen trugen einen weiten Hut von artigem Mattenwerk.
Vorn war er spitz; die Vertiefung für den Kopf aber, war
nicht wie bei unserem Hute rund und oben platt, sondern länglich
und von beiden Seiten nach oben hin schräg zusammenlaufend,
und hinten fielen zwei einzelne Krempen herab, welche vermutlich
die Schultern schützen sollten. Diese Hüte fanden wir
ungemein kühlend. Her Hodges zeichnete eine Frauenperson
mit einem solchen Hute, und eine Mannsperson mit einer von den
vorbeschriebenen Kopf-Trachten. Sie sind beide ungemein charakteristisch
ausgefallen und sehr gut in Kupfer gestochen worden. Die einzigen
Zierraten, die wir bei diesen Leuten antrafen, bestanden in dem
vorgedachten zungenförmigen Stück Knochen, welche Männer
und Weiber auf der Brust trugen, und nächst diesen in Halsbändern
und in Ohrringen von Muschel-Schalen.
Nachdem wir eine Weile am Strand bei den Eingeborenen geblieben
waren, so gingen wir tiefer ins Land hinauf. Der ganze Boden
war mit Felsen und Steinen von verschiedener Größe
bedeckt, die alle ein schwarzes, verbranntes, schwammiges Ansehen
hatten, und folglich einem heftigen Feuer ausgesetzt gewesen
sein mussten. Zwei bei drei Grasarten wuchsen zwischen diesen
Steinen kümmerlich auf und milderten einigermaßen,
ob sie gleich schon halb vertrocknet waren, das verwüstete öde
Ansehen des Landes.
Ungefähr fünfzehn Schritte vom Landungsplatze, sahen
wir eine Mauer von viereckig gehauenen Steinen, davon jeder anderthalb
bis 2 Fuß lang und einen Fuß breit war. In der Mitte
betrug die Höhe ungefähr 7 bi 8 Fuß; an beiden
Enden aber war sie niedriger und überhaupt ungefähr
zwanzig Schritte lang. Das Sonderbarste war die Verbindung dieser
Steine, die so künstlich gelegt und so genau in einander
gepasst waren, dass sie ein ungemein dauerhaftes Stück von
Architektur ausmachten.
Der Stein, woraus sie gehauen, ist nicht sonderlich hart,
sondern nur eine schwarzbraune, schwammige, spröde Stein-Lava. Der
Boden lief von der Küste immer bergauf, dergestalt, dass
eine zweite Mauer, welche parallel mit dieser, und zwölf
Schritte weiter hinauf lag, nur 2 bis 3 Fuß hoch sein durfte,
um in dem Zwischenraum eine Art von Terrasse zu formieren, auf
welcher das Erdreich eine ebene Fläche ausmachte, die mit
Gras bewachsen war. Fünfzig Schritt weiter gegen Süden,
fanden wir einen anderen erhabenen ebenen Platz, dessen Oberfläche
mit eben solchen viereckigen Steinen gepflastert war, als man
zum Mauerwerk gebraucht hatte.
In der Mitte dieses Platzes stand eine steinerne Säule,
aus einem Stück, die eine Menschen-Figur bis auf die Hüften
abgebildet, vorstellen sollte und 20 Fuß hoch und 5 Fuß dick
war. Diese Figur war schlecht gearbeitet, und bewies, dass die
Bildhauerkunst hier noch in der ersten Kindheit sei. Augen, Nase
und Mund waren dem plumpen ungestalteten Kopfe, kaum angedeutet.
Die Ohren waren nach der Landessitte ungeheuer lang, und besser
als das übrige gearbeitet, ob sich gleich ein europäischer
Künstler derselben geschämt haben würde. Den Hals
fanden wir unförmig und kurz; Schultern und Arme aber nur
wenig angedeutet.
Auf dem Kopfe war ein hoher runder zylindrischer Stein aufgerichtet,
der über 5 Fuß im Durchschnitt und in der Höhe
hatte. Dieser Aufsatz, der dem Kopfputze einiger ägyptischer
Gottheiten gleich sah, bestand aus einer anderen Steinart, denn
er war von rötlicher Farbe; auch war an dessen beiden Seiten
ein Loch zu sehen, als hätte man ihm seine runde Form durch
einen Dreh- oder Schleifwerk gegeben.
Der Kopf, nebst dem Aufsatz, machte die Hälfte der ganzen
Säule aus, soweit sie über der Erde sichtbar war.
Wir merkten übrigens nicht, dass
die Insulaner diesen Pfeilern, Säulen oder Statuen einige
Verehrung erwiesen hätten; doch mussten sie wenigstens Achtung
dafür haben, denn es schien ihnen manchmal ganz unangenehm
zu sein, wenn wir über den gepflasterten Fußboden oder
das Fußgestell gingen, und die Steinart untersuchten, wovon
sie gemacht waren.
Einige von den Insulanern begleiteten uns weiter ins Land
nach einem kleinen Gebüsche hin, woselbst wir im Pflanzenreich
etwas Neues anzutreffen hofften. Der Weg war ungemein rau, er
ging über lauter vulkanische Steine, die unter den Füßen
wegrollten und an die wir uns bei jedem Schritt stießen.
Die Eingeborenen hingegen, die daran gewöhnt waren, hüpften
ohne eine Schwierigkeit von Stein zu Stein.
Unentwegt erblickten wir etliche schwarze Ratten, die auf
allen Inseln der Südsee anzutreffen sind.
Das Gebüsch, um dessen Willen wir diese Wanderung unternommen,
bestand aus einer kleinen Pflanzung von Papier-Maulbeerbäumen,
aus deren Rinde hier, so wie auf Tahiti, das Zeug zur Kleidung
gemacht wird. Die Stämme waren 2 bis 4 Fuß hoch, und
zwischen großen Felsen, woselbst der Regen ein wenig erde
angeschwemmt hatte, ordentlich in Reihen angepflanzt.
Nicht weit von hier standen auch einige Büsche von Hibiscus
populneus Linnaei, der in allen Südsee-Inseln angetroffen,
und von den Einwohnern zum Gelbfärben gebraucht wird.
Endlich gab es an diesem Fleck noch eine Mimosa, welches
das einzige Gewächs ist, das den Einwohnern Holz zu ihren Keulen,
Pattu-Pattus, und kümmerlich zusammengeflickten Kanus liefert.
Je weiter wir ins Land kamen, desto kahler und unfruchtbarer
fanden wir den Boden. Das kleine Häufchen von Einwohnern,
die uns am Landungsplatz entgegen gekommen, schien der Hauptstamm
des ganzen Volkes gewesen zu sein, denn unterwegs hatten wir
nicht einen einzigen Menschen zu Gesicht bekommen; auch waren
in der ganzen großen Gegend, die wir überschauen konnten,
nicht mehr als zehn bis zwölf Hütten zu sehen.
Eine der stattlichsten war auf einem kleinen Hügel erbaut,
der ungefähr eine halbe Meile weit von der See lang. Die
Neugier trieb uns danach hin, allein es war eine elende Wohnung,
die von der Armut ihrer Eigentümer zeugte. Das Fundament
bestand aus Steinen, die in einer Länge von 12 Fuß
und zwei gegeneinander laufenden krummen Linien, flach auf den
Boden gelegt waren. In der Mitte, wo sich die größte
Krümmung befand, lagen die beiden Reihen Grundsteine ungefähr
6 Fuß, an den äußersten Enden, hingegen kaum
einen einzigen Fuß breit eine von der anderen. In jedem
dieser Steine bemerkten wir ein bis zwei Löscher, worin Stangen
gesteckt waren. Die mittelsten Stangen waren 6 Fuß hoch,
die anderen aber wurden nach beiden Seiten immer kürzer,
so dass die Letzen nur 2 Fuß Höhe hatten. Oben
neigten sich alle diese Stangen zusammen, und waren an Querstangen
gebunden, wodurch sie zusammengehalten wurden. Das Dach war aus
dünnen Ruthen gitterförmig geflochten und außerhalb
mit einer tüchtigen Matte von Zuckerrohrblättern belegt.
Es ruhte auf den vorgedachten Stangen, die das Gerüst der
Hütte ausmachten, reichte unterhalb bis ganz auf den Boden
herab und lief oberwärts von beiden Seiten, schräg in
einen scharfen Winkel zusammen. Auf der einen Seite war eine Öffnung,
die ungefähr 18 Zoll bis 2 Fuß hoch und durch ein vorspringendes
Wetterdach gegen die Nässe geschützt war. Dies stellte
die Tür vor: Wer hinein oder heraus wollte, musste auf allen
Vieren kriechen.
Auch dies ließen wir nicht unversucht, allein es war der
Mühe nicht wert, denn das innere der Hütte war platterdings
leer und kahl. Man fand nicht einmal ein Bund Stroh darin, worauf
man sich hätte legen können. Bloß in der Mitte
konnten wir aufrecht stehen, und außer dieser Unbequemlichkeit
war es auch ganz und gar finster darin. Unsere indianischen Begleiter
erzählten uns, dass sie die Nacht in diesen Hütten
zubrächten; allein das muss ein elender Aufenthalt sein,
zumal da sie wegen der geringen Anzahl derselben gleichsam einer über
den anderen liegen müssen, es sei denn, dass der gemeine
Mann unter freien Himmel schläft, und diese erbärmlichen
Wohnungen den Vornehmern überlässt, oder nur bei schlimmen
Wetter dahin seine Zuflucht nimmt.
Außer diesen Hütten sahen wir auch etliche Steinhaufen,
die an einer Seite ganz steil waren, und derselbst eine Öffnung
hatten, welche unter die Erde ging. Allem Anschein nach, konnte
der innere Raum nur sehr klein sein, und dennoch ist zu vermuten,
dass auch diese Löcher des Nachts zum Obdach dienten. Vielleicht
hängen sie aber mit natürlichen, unterirdischen Höhlen
zusammen, deren es in vulkanischen Ländern, wo alte Lavaströme
vorhanden sind, so viele gibt. Dergleichen Höhlen findet
man in Island sehr häufig, und noch bis jetzt sind sie dafür
bekannt und berühmt, dass die ehemaligen Bewohner des Landes
sich darin aufgehalten haben. Herr Feber, der erste mineralogische
Geschichtsschreiber des Vesuvs, meldet unter anderem, dass er
eine Höhle in einer der neuesten Lavaen angetroffen habe.
Gern hätten wir dies genauer untersucht; die Einwohner wollten
uns aber nie hineinlassen.
Eine Zuckerrohr- und Pisang-Pflanzung, die neben diesem
Hause angelegt waren, standen dagegen in desto schönerer Ordnung,
soweit es der steinige Boden gestatten wollte. Um jede Pisangpflanze
her, war eine Vertiefung von 12 Zoll gemacht, vermutlich in der
Absicht, dass der Regen da zusammenlaufen und die Pflanze desto
feuchter stehen möge. Das Zuckerrohr wuchs, so dürre
auch das Land ist, 9 bis 10 Fuß hoch, und enthielt einen
ungemein süßen Saft, den die Eingeborenen uns sehr
oft anboten, besonders, wenn wir zu trinken verlangten. Der letztere
Umstand brachte uns auf die Gedanken, dass es gar kein frisches
Wasser auf dieser Insel geben müsse; als wir aber wieder
nach dem Landungsplatz zurück kamen, trafen wir den Kapitän
Cook bei einem Brunnen an, den ihm die Einwohner nachgewiesen
hatten. Er lag nicht weit von der See und war tief in den Felsen
gehauen, aber voll Unreinigkeiten. Als ihn unsere Leute gereinigt
hatten, fanden sie das Wasser brakig, gleichwohl tranken es die
Einwohner mit großen Wohlgefallen.
Der Kapitän war im Handel mit den Leuten nicht glücklich
gewesen. Sie schienen keine Lebensmittel übrig zu haben.
Ein paar Matten-Körbe mit süßen Kartoffeln, etwas
Zuckerrohr, einige Klumpen Pisangs und zwei oder drei kleine
schon gar gemachte Hühner; das war alles, was er für
etwas Eisengerätschaften und Tahitischen Zeug einzuhandeln
im Stande gewesen war. Er hatte den Leuten Corallen geschenkt,
welche sie aber immer mit Verachtung weit von sich geworfen;
was sie hingegen von anderen Sachen an und um uns sahen, verlangten
sie zu haben, ob sie schon nichts wieder zu geben hatten.
Während unserer Abwesenheit hatten sie sich vom Landungsplatz
ziemlich verlaufen, und schienen nach ihren Wohnungen zum Mittagessen
gegangen zu sein. Die Zahl der Weiber war in Verhältnis
zu den Männern immer sehr gering. Bei unserer Landung sahen
wir ihrer nicht über zwölf oder fünfzehn, und
jetzt waren nur noch sechs oder sieben zugegen. Sie waren weder
zurückhaltend noch keusch; für ein Stückchen Tahitischen
Zeug hatten unsere Matrosen von ihnen, was sie wollten. Ihre
Gesichtszüge dünkten uns sanft genug, und der große
gespitzte Hut gab ihnen ein leichtfertiges, buhlerisches Ansehen.
Noch ehe es Mittag war, kehrten wir an Bord zurück und
teilen die eingekauften Baum-Früchte und Wurzeln, soweit
sie reichen wollten, unter die Mannschaft aus, zur großen
Stärkung unserer Kranken, die nach einer Erfrischung schmachteten.
Wir kosteten auch von den Hühnern, die in grüne Blätter
gewickelt, mit heißen Steinen unter der Erde gar gemacht
zu sein schienen, welche Art der Zurichtung in allen Inseln der
Südsee, so viel wir deren bisher gefunden hatten, üblich
ist. Die Kartoffeln waren goldgelb und so süß als
gelbe Rüben; daher schmeckten sie auch nicht einem Jeden;
doch waren sie nahrhaft und sehr antiscorbutisch. Der Saft aller
hiesigen Gewächse, schien durch die Hitze und die Trockenheit
des Bodens ungemein konzentriert zu sein. Die Pisangs wurden
in ihrer Art für vortrefflich gehalten, und das Zuckerrohr
war süßer als wir es in Tahiti gefunden hatten.
Nachmittags gingen wir wiederum an Land, und in einem anderen
Boote ward ein Offizier mit der nötigen Mannschaft an Land
geschickt, um beim Brunnen die Wasserfässer füllen
zu lassen. Wir trafen nur wenig Leute am Landungsplatz an, unter
selbigen aber bemerkten wir einen, der ein gewisses Ansehen zu
haben schien, und sehr geschäftig war, den Kapitän überall
wo er nur Lust bezeigte, hinzuführen. Er tat nicht so scheu
als seine Landsleute; sondern ging immer dreist neben uns, dahingegen
die anderen bei der geringsten ungewöhnlichen Bewegung stutzten
und in Schrecken gerieten.
Aber bei aller ihrer Furchtsamkeit
leerten sie uns die Taschen aus, und entwandten was ihnen sonst
anstand. Wir waren noch keine halbe Stunde an Land, als einer
leise hinter den Maheine herschlich, ihm die schwarze Mütze
die er auf hatte schnell vom Kopfe riss, und damit über den
holprigen Boden voller Steine fortrannte, wo hin keiner von uns
nachzulaufen im Stande war. Maheine geriet darüber in solches
Schrecken, dass er erst eine ganze Weile nach Worte finden konnte,
es dem Kapitän zu klagen; da war der Dieb schon über
alle Berge.
Um eben die Zeit saß Herr Hodges auf einer kleinen Anhöhe,
um einen Prospekt zu zeichnen, und verlor auf gleiche Weise seinen
Hut. Herr Wales stand mit einer Flinte neben ihm, war aber, wie
billig, der Meinung, dass ein so geringes Verbrechen keine Kugel
verdiene.
Indem wir an der Seeküste hin spazierten, fanden wir ein
paar Stauden solchen Selleries, dergleichen auf dem Strande von
Neuseeland so häufig wächst. Auch bemerkten wir ein
paar andere kleine Pflanzen, die wir dort ebenfalls wahrgenommen
hatten. Ob diese Kräuter hier einheimisch oder von Samen
aufgeschossen sein mögen, den die See her geschwemmt oder
die Vögel her gebracht, kann ich nicht entscheiden. Wir
fanden ein Stück Land mit Yams bepflanzt welches der armseligen
Oster-Eiländischen Flora in unseren Augen einen großen
Zuwachs gab.
Die Übereinstimmung, welche sich in den Gesichtszügen,
den Gebräuchen und der Sprache dieses Volkes mit den Einwohnern
der anderen Südsee-Inseln findet, machte uns Hoffnung, dass
wir auch die Haustiere hier finden würden, welche wir auf
Tahiti und Neuseeland angetroffen. Allein des sorgfältigsten
Nachsuchens ungeachtet, fanden wir nichts als das gemeine Huhn,
welches hier von sehr kleiner Art und von unansehnlichem Gefieder
war. Zwar bemerkten wir auch zwei oder drei schwarze Meerschwalben
die so zahm waren, dass sie den Einwohnern auf der Schulter saßen,
es ließ sich aber daraus nicht schließen, dass sie
eine ordentliche Zucht davon hätten.
Bei Untergang der Sonne verließen wir den Wasserplatz,
und gingen nach der Bucht, wo unser Boot vor Anker lag. Unterwegens
kamen wir über den ebenen Platz, auf welchem die vorbeschriebene
Säule aufgerichtet ist. Einige Einwohner, die uns noch begleiteten
winkten uns, dass wir auf dem Grase am Fuß des Piedestals,
und nicht über das Mauerwerk gehen sollten; da wir uns aber
nicht daran kehrten, so hatten sie auch nichts dawider.
Wir erkundigten uns bei einigen, die am verständigsten
zu sein schienen, was diese Steine zu bedeuten hätten, und
so viel wir aus ihrer Antwort schließen und erraten konnten,
müssen es Denkmäler ihrer arikis oder Könige sein.
Also ist das gemauerte Piedestal vermutlich als der Begräbnisplatz
anzusehen; und bei genauerer Untersuchung fanden wir wirklich
nicht weit davon eine Menge Menschen-Gebeine, welches dann unsere
Vermutung bestätigte. Die Länge der Knochen passte
zu Körpern mittlerer Länge, und ein Schenkelbein, das
wir maßen, kam genau mit dem Maß desselbigen Knochen
an einer Person überein, die ungefähr 5 Fuß,
neun Zoll lang war.
An der Westseite der Bucht standen drei Säulen, auf
einem sehr breiten und erhöhten Podest, in einer Reihe aufgerichtet.
Diese Reihe nannten die Einwohner Hanga Roa. Die vorerwähnte
einzelne Säule hieß Obina. Nahe bei diesen Pfeilern
saßen zehn oder zwölf von den Einwohnern um ein
kleines Feuer, an welchem sie ein paar Kartoffeln brateten. Dies
war ihr Abendessen, und sie boten uns, als wir vorbei gingen,
etwas davon an. In einem so armseligen Lande war uns die Gastfreundschaft
unerwartet. Man vergleiche sie mal mit den Gebräuchen der
zivilisierten Völker, die sich fast aller Empfindungen gegen
ihren Nebenmenschen zu entledigen gewusst haben. Übrigens
war es uns sehr angenehm, bei dieser Gelegenheit augenscheinlich
überzeugt zu werden, dass die Vermutung der Holländer,
wegen solcher Feuer, unbegründet gewesen, denn wir fanden
nicht den mindesten Grund, diese Feuer für eine religiöse
Zeremonie anzusehen. Mit einem kleinen Vorrat an Kartoffeln, den
wir eingekauft und ungefähr sechs oder sieben bekannten Pflanzen,
die wir gesammelt hatten, kehrten wir an Bord zurück. Die
skorbutischen Patienten bekamen unserem Spaziergang ungemein wohl
und besser denn jeden anderen. Ich für meine Person, der
ich am Morgen noch geschwollene Beine hatte, und kaum darauf stehen
konnte, befand mich heute Abend schon weit besser. Die Geschwulst
hatte sich etwas gelegt und die Schmerzen waren gänzlich
verschwunden. Die schleunige Besserung musste ich einzig antiskorbutischen
Ausdünstungen des Landes mitgewirkt, denn wie man sagt, sollen
die schon allein hinreichend sein, diejenigen wieder gesund zu
machen, die sich durch langen Aufenthalt auf der See den Skorbut
zugezogen haben.
Früh am folgenden Morgen, beorderte Kapitän Cook die
Leutnants Pickersgill und Edgecumbe, mit einer Partei Seesoldaten
und Matrosen, das Innere des Landes zu untersuchen, um wo möglich,
zu erfahren, ob es in irgend einer anderen Gegend besser angebaut
und stärker bewohnt wäre. Herr Wales und Hodges, Doktor
Sparrmann und mein Vater machten sich mit auf den Weg, so dass
das ganze Detaschement aus sieben und zwanzig Mann bestand.
Ich hingegen ging nach dem Frühstück mit Kapitän
Cook und einigen anderen Offizieren ans Ufer, wo wir ungefähr
zweihundert Einwohner, und unter diesen, vierzehn oder fünfzehn
Weiber, nebst ein paar Kindern, versammelt fanden. Es war uns
unmöglich, die Ursache dieser Ungleichheit in der Zahl der
beiden Geschlechter, zu erraten; da aber alle Weibsleute, die
wir bisher gesehen, ungemein freigibig mit ihren Gunstbezeugungen
waren, so vermutete ich damals, dass die verheirateten und eingezogenen,
welche vielleicht die größte Anzahl ausmachten, keinen
Gefallen finden mögen, mit uns bekannt zu werden, oder vielleicht
durch die Eifersucht der Männer gezwungen würden, in
den entfernteren Teilen der Insel zurückzubleiben. Die wenigen,
welche wir hier und da ansichtig wurden, waren die ausschweifendsten
Kreaturen, die wir je gesehen. Sie schienen über alle Scham
und Schande völlig weg zu sein; und unsere Matrosen taten
auch, als wenn sie nie von so etwas gehört hätten;
denn der Schatten der kolossalen Monumente, war ihnen in Hinsicht
auf ihre Ausschweifungen schon Obdach genug.
Herr Patton, Leutnant Clere, und ich, machten uns von der
Küste,
wo der Zusammenlauf am größten war, hinweg, und gingen
tiefer ins Land. Die Sonne stach unbeschreiblich: denn ihre Strahlen
wurden allen Orten von dem kahlen, steinigen Boden zurückgeworfen,
und es war auch kein Baum, der uns einigen Schatten hätte
geben können, in der ganzen Gegend zu sehen. Meine Herren
Begleiter hatten ihre Vogelflinten mitgenommen, weil sie einiges
Gevögel anzutreffen glaubten; aber ihre Hoffnung war vergebens,
und dem Anschein nach, gibt es auf der ganzen Insel kein anderes
Landgeflügel als die gemeinen Hühner, die zahm und
noch dazu sehr selten sind.
Wir gingen den Fußsteig nach, den die Einwohner gemacht
hatten, bis wir an ein bebautes Feld kamen, das mit Kartoffeln,
Yams, Arun-Wurzel, und einer Art von Nachtschatten besetzt war.
Letzteres wird zu Tahiti und auf den benachbarten Inseln als
ein Wundmittel gebraucht, und könnte vielleicht auch bei
uns, in gleicher Absicht, gebraucht werden. Das Gras, das sonst überall
in einem angebauten Boden hervor wächst, war hier sorgfältigst
ausgejätet und statt des Düngers über das ganze
Feld gestreut, oder auch vielleicht um die Wurzeln und Pflanzen
gegen die brennenden Strahlen der Sonne, dadurch zu schützen.
Aus allem diesen ergibt sich, dass die Eingeborenen nicht ganz
unwissend im Ackerbau sind, sondern vielmehr den Boden, mit vieler
Mühe und Arbeit bauen.
Nicht weit von diesen Feldern,
trafen wir zwei kleine Hütten an, aber noch kleiner als die
oben beschriebenen. Der Eingang war mit einer großen Menge
Strauchwerk verstopft, und beim ersten Annähern, kam es uns
vor, als wenn wir Weiberstimmen darin hörten; da wir aber
schärfer zuhorchten, vernahmen wir weiter nichts, das uns
in der Meinung bestärkt hätte. Wir gingen von da zu
einem Hügel der mit Buschwerk bewachsen war. Es bestand aus
Mimosa, die kaum acht Fuß hoch wächst und uns also
wenig Schatten gegen die Sonne gab. Wir ruhten uns hier eine Weile
aus und nahmen dann unseren Weg zu anderen Feldern, die eben so,
als die vorigen, bestellt waren. Sie
hatten aber keine Verzäunungen, wie Roggeveen Reisebeschreiber,
in ihrer Erzählung mit anführen. Vermutlich haben
sie dies aus eigener Fantasie hinzugesetzt.
Die immer zunehmende Tageshitze hatte uns ganz erschöpft,
und doch hatten wir noch einen langen Weg, nach der See zu machen.
Glücklicherweise kamen wir bei einem Mann vorbei, der eben
beschäftigt war, Kartoffeln aus einem Stück Acker zu
nehmen. Dem klagten wir unseren Durst; sogleich lief der gute
Alte zu einer großen Zuckerrohr-Pflanzung, und brachte
uns eine ganze Menge von dem besten und saftigsten dieser labenden
Pflanzen, um uns damit zu erquicken. Wir machten ihm dafür
ein kleines Geschenk zur Vergeltung, nahmen unser Rohr und schnitten
es zu Spazierstöcken, schälten es unterwegs und sogen
es aus. Der Saft desselben war ungemein erfrischend.
Bei unserer Zurückkunft an Landungsplatze, fanden wir den
Kapitän Cook noch im Handel mit den Eingeborenen beschäftigt.
Sie brachten ihm Hühner, die schon zubereitet waren, und
einige Matten Körbe mit süßen Kartoffeln; zuweilen
aber betrogen sie ihn, indem sie die Körbe unten mit Steinen
gefüllt und obenher nur mit einigen Kartoffeln bedeckt hatten.
Die schätzbaren Artikel unter unseren Waren, wogegen sie
uns ihre ihrigen tauschten, waren ledige Kokus-Nußschalen,
die wir auf den Sozietäts- und freundschaftlichen Inseln
bekommen hatten. Indessen fanden diese nur dann einen gewissen
Wert bei ihnen, wenn sie nur eine kleine Öffnung oder einen
Deckel hatten. Nächst diesen wurde das tahitische und europäische
Zeug, zum Eintausch gebraucht, und bei der Schätzung kam
es hauptsächlich auf die Größe an. Eisenwaren
hatten hier den geringsten Preis.
Der größte Teil der Leute, die mit uns handelten,
lief gemeinlich sogleich als der Kauf geschlossen war, mit dem
eingehandelten Zeug, Nuss-Schalen oder Nägel davon. Sie
besorgten vielleicht, dass uns der Handel gereuen möge,
wenn sie auch von ihr Teil ganz ehrlich dabei zu Werk gegangen
waren. Einige hatten indessen Kühnheit genug, vor Ablieferung
ihrer Güter mit den bedungenen und erhaltenen preisen davon
zu laufen; ein Umstand, der den erbärmlichen Zustand dieser
elenden Menschen sehr deutlich an den Tag legt. Der Mangel an
Kleidungszeuge war unter ihnen sehr groß. Aus Not gingen
sie mehrenteils nackend, und dennoch verkauften sie ihr bisschen
eigens Zeug gegen anderes aus Tahiti.
Die Begierde etwas von
diesem zu besitzen, machte, dass sie manches von ihren eigenen
Habseligkeiten verkauften, was sie sonst wohl nicht weggegeben
haben würden. Dahin gehörten ihre verschiedenen Hüte
und Kopfdecken, ihre Halsbänder, Ohrzierraten, und verschiedene
kleine Menschen-Figuren, die aus schmalen achtzölligen oder
zweifüßigen Stücken Holz , aber feiner und proportionierter
geschnitzt waren, als wir, nach der plumpen Arbeit ihrer großen
steinernen Statuen zu urteilen, erwartet hätten. Sie stellten
Personen beiderlei Geschlechts vor: Die Gesichtszüge derselben
waren freilich nicht angenehm, und die ganze Figur war gemeiniglich
zu lang; aber etwas charakteristisches, aus dem sich ein gewisser
Geschmack für die Künste abnehmen ließ, war bei
dem allen darin anzutreffen. Das Holz woraus sie bestanden, war
schön poliert, dabei dicht und von dunkelbrauner Farbe,
wie das Holz von der Casuarina. Da wir aber diesen Baum hier
noch nicht gefunden hatten, so erwarteten wir die Rückkunft
unserer Parteigänger mit desto größerer Begierde,
in Hoffnung, dass sie auch in Absicht dieses Umstandes einige
nähere Entdeckungen gemacht haben würden. Maheine fand
an diesen geschnitzten menschlichen Figuren ein großes
Wohlgefallen; denn sie waren weit besser gearbeitet als die E-Tis,
die man bei ihm zu Lande verfertigt. Er kaufte auch verschiedene
davon, mit der Versicherung, dass sie zu Tahiti ungemein hoch
geschätzt werden würden. Da er sich viel Mühe
gab, diese Seltenheiten aufzusuchen, so fand er eines Tages eine
geschnitzte Frauenhand von gelbem Holz, ungefähr in der
natürlichen Größe. Die Finger derselben waren
aufwärts gebogen, wie sie die Tänzerinnen auf Tahiti
zu halten pflegen; und die Nägel daran waren sehr lang;
denn sie standen mehr als dreiviertel Zoll über die Spitzen
der Finger hervor. Sie waren von dem seltenen, wohlriechenden
tahitischen Holz gemacht, womit man allhier dem Öl einen
guten Geruch zu geben pflegt. Auch dieses Holz hatten wir auf
Oster Eyland nicht gefunden, eben so wenig als wir bemerkt hatten,
dass man hier lange Nägel zu tragen gewohnt sei: Wir konnten
also nicht begreifen, wie dies hübsch gearbeitete Stück
hierhergekommen. Maheine schenkte es hernachmals meinem Vater,
der es im britischen Museum niedergelegt hat. Ebenso ließ sich
Maheine auch sehr angelegen sein, so viele Federhüte als
möglich zusammenzubringen; besonders waren ihm die von Fregatten-Federn
sehr angenehm, weil dieser Vogel zu Tahiti selten ist, und wegen
seiner glänzenden, schwarzen Federn sehr hoch geschätzt
wird.
Indessen, dass der Kapitän Cook in der Bucht war, ward
auch am Wasserplatze um Kartoffeln gehandelt. Aus Begierde nach
unseren Gütern, ließen sich hier die Einwohner verleiten,
eine Untreue an ihren eigenen Landsleuten zu begehen. Dicht neben
dem Brunnen lag ein Feld mit süßen Kartoffeln, und
eine Menge Leute, alt und jung durcheinander, waren emsig darüber
her, sie auszugraben und zu verkaufen. Dieser Handel dauerte
schon einige Stunden, als ein anderer Indianer dazukam, sie mit
viel Unwillen davon trieb, und darauf allein Kartoffeln auszugraben
fortfuhr. Er war der rechte Eigentümer des Feldes, und die
anderen hatten ihn bestohlen, weil sie eine so gute Gelegenheit
fanden, ihre gestohlenen Güter an den Mann zu bringen. Außer
Zweifel gehen auf den Sozietäts-Inseln zuweilen eben solche
Diebereien vor; denn die Einwohner erzählen uns oft, dass
sie mit dem Tode bestraft würden, wiewohl wir niemals ein
Beispiel solcher Strafe gesehen haben. Auf Oster-Eyland aber
sahen wir das Verbrechen ganz ungestraft hingehen. Der Grund
davon liegt wahrscheinlich in dem verschiedenen Grade der Kultur,
den man unter diesen beiden Völkerschaften, so nahe sie
auch sonst miteinander verwandt sind, antrifft.
Zu Mittag gingen wir an Bord, und speisten ein paar Hühner
mit Kartoffeln, die wir nach unserem mühsamen Spaziergang überaus
vortrefflich fanden. Wir trafen einige Insulaner auf dem Schiffe,
die es gewagt hatten vom Lande herzuschwimmen, ob es gleich noch
drei Viertelmeilen davon entfernt war. Sie schienen über
alles, was sie sahen, erstaunt, und jeder von ihnen, maß die
Länge des Schiffes, von einem Ende bis zum anderen, mit
ausgebreiteten Armen aus. Einem Volke, dessen Kanus aus lauter
kleinen Stücken zusammengeflickt sind, musste natürlicherweise,
eine solche Menge von Zimmerholz und noch dazu, von solcher Größe,
etwas sehr unbegreifliches sein. Die Begierde zu gewinnen, hatte
auch eine Weibsperson so beherzt gemacht, sich durch Schwimmen
an unser Schiff zu begehen. Sie besuchte erst einige Unteroffiziere
und wandte sich darauf an die Matrosen: Ihre Begierden waren
unersättlicher als eine Meßalina. Ein paar englische
Lumpen und einige Stücke Tahitischen Zeug, war alles was
sie für ihre Dienste davon trug. Sie ward in dem zusammengeflickten
Kanu abgeholt, welches das einzige auf der Insel zu sein schien.
Den Tag vorher hatte eine andere Weibsperson auch durch Hilfe
des Schwimmens, das Schiff besucht, und war ebenso ausschweifend,
als jene gewesen. Wir wussten wahrlich nicht, worüber wir
uns mehr wundern sollten; über ihr Glück bei unseren
kränklichen ausgehungerten Seeleuten? Oder über ihre
unbegrenzte Liederlichkeit?
Nachmittags gingen wir wieder an Land, und ich besuchte
die Berge gegen Süden; die sehr leicht zu ersteigen waren, weil
sie außerordentlich sanft in die Höhe gingen. Ich
fand eine große Pisang-Pflanzung darauf, und weiter hinauf
einige Ruinen von einer verfallenen Mauer, auf welcher vielleicht
vor alten Zeiten eine Bildsäule gestanden hatte. Von da
lief ich über einige Felder, auf denen ich eine Familie
beim Ausgraben ihrer Kartoffeln antraf. Ich ging auf ihre Hütte
zu, die so klein war, als ich je eine gesehen. Als ich mich etwas
mehr genähert hatte, versammelten sich die Leute um mich
her, und ich setzte mich mitten unter sie nieder. Es waren ungefähr
sechs oder sieben Personen, worunter sich ein Weib und zwei kleine
Jungens befanden. Sie überreichten mir etwas von ihrem Zuckerrohr,
wofür ich ihnen ein kleines Stück Tahitischen Zeug,
das sie sogleich um den Kopf wickelten, zum Gegengeschenk machte.
Sie waren bei weitem nicht so neugierig, als die Leute auf den
Sozietäts-Inseln, sondern gingen bald wieder an ihre Arbeit,
mit der ich sie beschäftigt gefunden hatte. Einige hatten
Federhüte auf, die sie mir zum Tausch gegen ein Stück
Zeug von der Größe eines Schnupftuches anboten. Neben
der Hütte sah ich einige Hühner, welche die einzigen
waren, die ich bis jetzt lebendig auf der Insel angetroffen hatte.
Ihr Betragen gegen mich, war dem allgemeinen Charakter der Südsee-Völker
gemäß, ganz friedlich. Nach den Ausdrücken der
Roggeveenschen Reisebeschreiber scheint es fast, als wenn die
Holländer nur zum Zeitvertreib auf diese armen Leute, die
ihnen doch nichts zu Leide taten, gefeuert, und eine große
Menge von ihnen, bloß um den übrigen einen Schrecken
dadurch einzujagen, niedergeschossen hätten. Es ist leicht
möglich, dass die Furcht vor dem mörderischen europäischen
Gewehr, worin der spanische Besuch sie vielleicht bestärkt
haben mochte, wieder in ihnen bei unserer Ankunft erwachte, und
sie so furchtsam und scheu in ihrem Betragen gegen uns machte;
doch ist auch nicht zu leugnen, dass sie überall in ihren
Charakter etwas sanftes, mitleidiges und gutherziges haben, welches
sie gegen die Fremden so willfähig, und soweit es ihnen
das elende Land zu sein erlaubt, so gastfreundlich macht.
Ich ging meinen vorigen Weg zurück und kehrte mit Kapitän
Cook wieder an Bord. Um Neun Uhr hörten wir am Ufer einen
Schuss fallen, und da dies das Signal war, dass man ein Boot
verlangte, so schickten wir sogleich unsere Pinnasse, und so
kam unser Detaschement wieder an Bord. Mein Vater war wegen seiner
lang erlittenen rheumatischen Schmerzen mehr, als die übrigen
abgemattet und musste sogleich zu Bette gehen; die anderen Herren
aber speisten mit uns das Abendbrot, wozu wir ein paar Hühner,
die schon zubereitet waren, am Lande gekauft hatten. Sie erzählten
uns von ihren Verrichtungen, und da man es vielleicht lieber
sehen wird, etwas Zusammenhängendes darüber zu hören,
wo will ich hier einen Auszug aus meines Vaters Tagebuch einrücken:
„Sobald wir gelandet, gingen wir sogleich ins Land hinein,
nahmen unseren Weg längst dem Fuß des höchsten
Berges, der gegen Süden liegt, bis wir die andere Seite
der Insel erreichten. Ungefähr einhundert von den Eingeborenen,
darunter vier bis fünf Frauenpersonen waren, begleiteten
uns auf dieser Wallfahrt, und verkauften uns eine Menge Kartoffeln
und etliche Hühner, die unseren Vorrat an Lebensmitteln
etwas ansehnlicher machten. Ein Mann von mittlerem Alter, der über
den ganzen Leib punktiert war, und sich das Gesicht mit weißer
Farbe angestrichen hatte, ging voran, und hielt ein weißes
Tuch, auf einem kleinen Stecken empor, wobei er seine Landsleute
aus dem Wege gehen hieß. Der Boden war überall mit
Steinen von verschiedener brauner oder rötlicher Farbe waren,
und unleugbare Spuren vulkanischen Feuers an sich hatten. Die
Fußsteige waren einigermaßen von den Steinen gereinigt,
aber so eng, dass wir mit den Füßen ganz einwärts
gehen mussten, ein Umstand, der den Einwohnern eben nicht schwer
fiel, indem sie im Gehen beständig einen Fuß vor den
anderen zu setzen pflegten. Uns war diese Art zu gehen, etwas
ungewohnt und daher sehr ermüdend. Wir stießen oft
an und verloren darüber nicht selten das Gleichgewicht.
Zu beiden Seiten des Fußsteiges war der Boden mit dünnem
perennirenden Grase (paspalum) besetzt. Es wuchs hier in kleinen
büscheln, und war so schlüpfrig, dass man fast nicht
darauf gehen konnte. Auf der Ostseite der Insel, kamen wir zu
einer Reihe Bildsäulen, sieben an der Zahl, wovon viere
noch aufrecht standen; eine unter diesen aber hatte auch schon
eine Mütze verloren. Sie standen alle auf einem Piedestal,
wie die, so auf der anderen Seite der Insel waren, und die Steine
im Gestell waren an beiden auf gleiche Art behauen und passten
sich wohl aneinander.
Ob gleich der Stein, woraus diese Bildsäulen verfertigt
waren, ziemlich weich zu sein scheint, indem er aus dem roten
Tuff besteht, der die ganze Insel bedeckt, so ist doch schwer
zu begreifen, wie ein Volk, das kein Handwerkszeug und andere
mechanische Hilfsmittel hat, so große Massen habe bearbeiten
und aufrichten können. Die allgemeine Benennung dieser östlichen
Reihe, war Hanga Tebau; das Wort Hanga wird dem Namen aller dieser
Bildsäulen-Reihen vorgesetzt. Die einzelnen Bildsäulen
heißen: „Ko Tomo iri, Ko Hu-u Morahina, Umariwa,
Winabu, Winape“
Wir gingen von da nörlich an der See heraus, und kamen
rechter Hand bei einem tiefen Abgrund vorbei. Der Boden bestand
eine weiter Strecke lang aus dem selbigen eisenschüssigen
Tuff, woraus jene Bildsäulen gemacht sind, und war mit kleinen
Bruchsteinen angefüllt. Kurz darauf gerieten wir an einen
Platz, der aus einem einzigen, festen, zusammenhängenden
Felsen, oder schwarzer geschmolzener Lava, die etwas Eisen in
sich zu halten schien, bestand. Erde, Gras oder Pflanzen, wie
sie auch Namen haben mögen, waren gar nicht darauf anzutreffen.
Weiter hin kamen wir durch verschiedene Felder von Pisang, Kartoffeln,
Yams und Arum-Wurzeln. Das Gras, so sich hier und da zwischen
den Steinen findet, war ausgejätet und übers Land gestreut,
um es entweder gegen die Sonne zu decken, und dadurch feucht
zu erhalten, oder es damit zu düngen.
Wo wir hinkamen, wurden uns gar gemachte Kartoffeln, zum
Kauf angeboten, und bei einer Hütte, wo wir Halt machten, verkaufte
man uns einige Fische. Etliche der Eingeborenen waren bewaffnet.
Die Waffen aber bestanden aus nichts anderes, als aus denen schon
oben angeführten Stöcken, die mit einem Stück
schwarzer glasartiger Lava versehen, und sorgfältig in kleine
Stückchen Zeug eingewickelt waren. Nur einer hatte eine
Streit-Axt, die kürzer als die Neu-Seeländischen, übrigens
aber diesen völlig ähnlich war. Auf jeder Seite war
ein Kopf geschnitzt, in welchen, statt der Augen, ein Paar Stückchen
von eben gedachtem schwarzem Glase eingesetzt waren. Sie hatten
auch einige ungestaltete menschen-Figuren von Holz, deren Gebrauch
oder Bedeutung wir aber nicht erfahren konnten; doch glaubten
wir nicht, dass unsere Unwissenheit uns berechtigte, sie für
Götzenbilder zu halten, wie man, in der Tat allzu oft, das
Bildwerk unbekannter Nationen dafür ausgegeben hat.“
„Wir verließen diese Hütte und gingen noch
etwas weiter gegen Norden, ohne jedoch was Neues anzutreffen.
Aus ein paar nahe gelegenen Häusern kamen uns ein Mann und
eine Frau entgegen, jeder mit einem großen Beutel, der
aus zierlich gearbeiteten Matten verfertigt war, worin sie warme
Kartoffeln hatten. Sie stellten sich damit an der Seite des Fußsteiges,
den wir gehen mussten. Als wir näher kamen, gab der Mann
einem jeden von uns, einige von seinen Kartoffeln, und nach dem
er dem ganzen Haufen schon viele davon ausgeteilt, lief er mit
der größten Geschwindigkeit, zu den vordersten in
unserem Zuge, um auch die übrigen bis auf die allerletzte
auszuteilen. Ich gab ihm, für mein erhaltenes Teil, ein
großes Stück Zeug, zur Vergeltung, und das war auch
das einzige Gegengeschenk, so er für seine Freigiebigkeit,
wovon ich nicht einmal zu Tahiti ein ähnliches Beispiel
gesehen habe, einerntete.
Bald darauf sagten uns die Leute: ihr ariki oder König
käme uns entgegen. Es gingen etliche Personen vor ihm her,
und gaben jedem unter uns zum Freudschaftzeichen, einiges Zuckerrohr,
wobei sie das Wort Hio aussprachen, das nach ihrer Mundart so
viel wie Freund bedeutet. Gleich darauf sahen wir den König
auf einer Anhöhe stehen und begaben uns zu ihm hinauf. Herr
Pickersgill und ich, machten ihm einige Geschenke. Wir fragten
nach seinem Namen: Er sagte uns: er heiße Ko-Tohitai, setzte
aber auch sogleich hinzu, dass er ein ariki sei. Wir erkundigten
uns weiter, ob er nur Befehlshaber eines gewissen Distriktes,
oder Oberherr der ganzen Insel wäre: Auf diese Anfrage streckte
er beide Arme aus, als wolle er die ganze Insel umfassen, und
sagte dabei: Waihu. Um ihm zu zeigen, dass wir ihn verstünden,
legten wir unsere Hände auf seine Brust, nannten ihn bei
seinem Namen, und setzten den Titel: König von Waihu hinzu.
Darüber war er, dem Anschein nach, sehr zufrieden, und unterredete
sich darauf eine lange Weile mit seinen Untertanen.
Er war von mittlerem Alter und ziemlich groß. Gesicht
und Körper waren punktiert. Sein Anzug bestand aus einem
Stück Zeug von Maulbeer-Rinde, das mit Gras durchnäht
und mit Kurkuma gelb gefärbt war. Auf dem Kopfe hatte er
einen Aufsatz von langen, glänzenden, schwarzen Federn,
den man allenfalls ein Diadem hätte nennen können.
Wir bemerkten aber nicht, dass ihm das Volk einige vorzügliche
Ehrerbietungen erwiesen hätten, und wahrlich, in einem so
armseligen Lande, konnte er sich auch eben keine großen
Vorrechte anmaßen, ohne offenbar den natürlichen Rechten
des Menschen, zu nahe zu treten, welches gefährliche Folgen
hätte hervorbringen können. Als wir weiter vorwärts
gehen wollten, schien er darüber etwas unzufrieden: Denn
er bat uns umzukehren, und er bot sich uns zu begleiten; da aber
unser Offizier entschlossen war weiter zu gehen, so ließ er
sichs auch gefallen und ging mit uns.“
„Wir gingen auf eine Anhöhe zu, wo wir, als wir
oben waren, Halt machten, um einige Erfrischungen zu uns zu nehmen,
hiernächst auch, Herr Hodges Zeit zu lassen, einige Monumente
zu kopieren. Bei einem derselben fanden wir ein vollständiges
Menschen-Skelett. Von etlichen dieser Monumente ist in Kapitän
Cooks Nachricht von dieser Reise eine nähere Vorstellung
beigefügt. Unsere Leute setzten sich auf die Erde nieder
und legten ihren Vorrat von eingehandelten Lebensmitteln vor sich
hin, indessen dass die Offiziere und andere von unserer Begleitung,
sich mit den Insulanern in allerlei Unterredungen einließen.
Einer von den Matrosen, der meinen
Pflanzen-Sack, nebst einigen Nägeln, die darin befindlich
waren tragen musste, gab nicht genug darauf Acht. Dieser Gelegenheit
bediente sich einer von den Wilden, nahm ihn und lief damit fort.
Erst wurde es niemand gewahr, als Leutnant Edgecumbe; dieser schoss
sogleich sein Gewehr, mit Hagel geladen, hinter dem Diebe her,
und setzte uns alle dadurch gewissermaßen in Unruhe. Der
Wilde, welcher fühlte, dass er verwundet war, warf eilends
den Beutel hin, und unsere Leute holten ihn wieder zu uns. Der
arme Schelm fiel bald nachher selbst zu Boden. Seine Landsleute
nahmen ihn auf, und entfernten sich eine Weile, bis wir ihnen
zurückzukommen winkten, welches sie auch fast alle taten.
Ob dies gleich nur der einzige Fall war, in welchem auf die Einwohner
dieser Insel, während unseres Hierseins, gefeuert wurde,
so ist es darum doch nicht weniger zu bedauern, dass Europäer
sich so oft ein Strafrecht über Leute anmaßen, die
mit ihren Gesetzen so ganz unbekannt sind.
Von hier gingen wir noch weiter ins Land hinein, und kamen
an einen tiefen Brunnen, der durch die Kunst gehauen zu sein
schien
und gutes süßes Wasser hatte, das aber etwas trüb
war. Wir tranken alle davon, weil wir herzlich durstig waren,
und gingen weiter neben einigen großen Statuen vorbei,
die umgeworfen waren. Von hieraus sahen wir die beiden Hügel,
bei welchen wir am 12ten dieses, vom Schiffe her, die mehresten
Bildsäulen bemerkt hatten. In der Nähe war eine Anhöhe,
von der wir die See auf beiden Seiten der Insel weit über
eine Ebene hinaus, die uns auch vom Schiffe zu Gesicht gekommen
war, sehen konnten. Wir übersahen zugleich die ganze östliche
Küste, und die daselbst befindlichen zahlreichen Bildsäulen;
und wurden überzeugt, dass auf der dortigen Seite der Insel
weder eine Bucht noch ein Hafen anzutreffen sei. Mit dieser Entdeckung
begaben wir uns von da zurück, und kamen zu einer großen
Statue, die von den Einwohnern Mangototo genannt wird. Im Schatten
derselben hielten wir unser Mittagsmahl. Nahe dabei zeigte sich
uns eine andere noch größere Statue, aber umgeworfen.
Sie hatte 27 Fuß Länge und 9 Fuß im Durchschnitt,
und übertraf an Größe alle übrigen, die
wir bis dahin gesehen hatten.
„Auf dem Rückweg hielten wir noch einmal bei dem
Brunnen an, um unseren Durst zu löschen, welchen die gewaltige
Sonnenhitze, deren Strahlen unaufhörlich von den kahlen
Felsen zurückprallten, sehr heftig erregt hatte. Von da
gingen wir auf die Berge zu, welche quer über die Insel
laufen; fanden aber den Fußsteig, der dahin führte,
rauer und beschwerlicher als jemals: Denn der Boden war überall
mit vulkanischer Schlacke bedeckt und weit und breit öde,
ob sich gleich hier und da Spuren fanden, dass er vor Zeiten
angebaut gewesen. Hier fühlte ich, wie sehr ich durch den
lang anhaltenden Rheumatismus geschwächt worden war. Alle
meine Glieder waren, so zu sagen, verkrüppelt. Ich konnte
den übrigen kaum nachkommen; ob ich gleich bei anderen Gelegenheiten
und sonst überhaupt so leicht nicht zu ermüden war.
Die Leute von der Insel waren zurückgeblieben, weil
sie gesehen hatten, dass wir einen so mühseligen Weg nahmen;
bloß ein Mann und ein kleiner Junge blieben bei uns. Da
unsere Offiziere und ihre Partei den nächsten Weg nach dem
Schiff verfehlt hatten, so trennte ich mich von ihnen, und nahm
mit Doktor Sparrmann, einem Matrosen, und den beiden Indianern,
den nächsten Weg, den uns die letzteren gezeigt hatten.
Der alte Mann sah, dass ich sehr schwach war. Er bot mir also
die Hand und ging neben mir auf den losen Steinen an der Außenseite
des Fußsteiges, und so brachte er mich, mit großer
Geschicklichkeit, eine lange Strecke, weit gemächlicher
fort. Der kleine Junge lief voraus, um die Steine aus dem Weg
zu räumen, die am Fußsteig lagen. Nach vielen wiederholten
Ausruhen erreichten wir endlich die Höhe eines Berges, von
dem wir die Westsee, und auf derselben unser Schiff vor Anker
liegen sahen.
Der Berg war mit der Mimosa überwachsen, die hier 9 bis
10 Fuß hoch wuchs. Einige Stämme waren dicht über
der Wurzel so dick, als ein Mannsschenkel. Unterwegs stießen
wir noch auf eine Quelle. Das Wasser aber hatte einen faulen
Geschmack, und roch, wie Schwefelleber. Indessen tranken wir
doch davon. Die Sonne war nun schon im Untergehen, so dass wir
fast zwei Stunden lang, im Dunkeln den Berg hinunter gingen,
wobei mir der Beistand meines Indianers doppelt zu statten kam.
Ich wartete auf Herrn Pickersgill und dessen Kommando; denn ich
war ihnen fast 3 Meilen zuvor gekommen.
Wenigstens 25 Meilen hatten wir auf den beschwerlichen Wegen
gemacht, ohne ein Bäumchen anzutreffen, das uns gegen die
brennende Sonne hätte schützen können. Meinem
freundschaftlichen Führer gab ich zur Vergeltung, alles
Tahitische Zeug und allen Vorrat von Nägeln, so ich bei
mir hatte, und kam endlich mit dem ganzen Kommando glücklich
an Bord.“
Man sieht aus dieser Nachricht, dass selbst die sorgfältigsten
Nachforschungen noch nicht hinreichend gewesen sind, ein gewisses
Licht über die bewundernswürdigen Gegenstände
zu verbreiten, die wir auf dieser Insel antrafen. Was besonders
die riesenmäßigen Monumente anlangt, die hier überall
so häufig sind, und doch die Kräfte der gegenwärtigen
Einwohner gar weit zu übertreffen scheinen, so muss man
wohl billig annehmen, dass sie Überbleibsel vormaliger besserer
Zeiten sind. Denn die Zahl der Einwohner haben wir nach unseren
genauesten Berechnungen niemals höher als auf 700 für
die ganze Insel, ansetzen können, und diese alle haben fast
keinen Augenblick ihres Lebens zu etwas anderem übrig, als
sich die notdürftigsten Erfordernisse zum Fortkommen in
ihrem jämmerlichen Zustande anzuschaffen.
Es fehlt ihnen an Handwerkszeug: Sie haben nicht einmal
ihr nötiges Obdach und die unentbehrlichste Kleidung. Hunger
und Mangel verfolgen sie zu sehr, als dass sie auf Verfertigung
solcher Bildsäulen denken könnten, zu deren Vollendung
ihr ganzes leben und zu deren Aufrichtung die vereinten Kräfte
des ganzen Volkes erforderlich sein würden. Wir sahen überall
auf unserer Wallfahrt, kein einziges Instrument, das sie zur
Bildhauerei oder Baukunst im mindesten hätten dienlich sein
können, ebenso wenig, als wir etwa neue Steinbrüche
oder unvollendete Statuen antrafen, die man als Arbeiten der
jetzigen Bewohner der Insel hätte betrachten dürfen.
Das wahrscheinlichste ist also, dass die Einwohner ehemals weit
zahlreicher, wohlhabender und glücklicher gewesen sein müssen,
als sie es heutigen Tages sind, und wenigstens Zeit genug übrig
gehabt haben, der Eitelkeit ihrer Prinzen durch Errichtung verewigender
Denkmäler schmeicheln zu können. Die Spuren alter Pflanzungen,
so man noch hier und da auf den Spitzen der Berge antrifft, bestätigen
einigermaßen diese Vermutung. Übrigens lässt
sich es schwer bestimmen, durch was für Zufälle dies
Volk, sowohl in Absicht der Zahl als des Wohlstandes, soweit
herunter gekommen sei. Allerdings können mancherlei Ursachen,
die diesen Umsturz veranlasst haben, angeführt werden. Nur
eine Ursache zu nennen, so war Verwüstung, welche durch
einen Vulkan angerichtet werden kann, völlig hinreichend,
hundertfaches Elend über ein Volk zu bringen, das in einem
so kleinen Erdraum eingeschlossen ist. Wer weiß, ob diese
Insel nicht ehemals gerade durch einen Vulkan hervorgebracht
worden: Denn alle hiesigen Steinarten sind vulkanisch. Und ebenso
konnte sie auch durch neuere vulkanische Ausbrüche wieder
zu Grunde gerichtet werden. Alle Bäume und Pflanzen, alle
zahmen Tiere, ja ein großer Teil ihrer Bewohner, können
in dieser fürchterlichen Revolution vernichtet worden sein:
und auf diese Art mussten Hunger und Elend, leider! Nur allzu
machtige Verfolger derer werden, welche dem Erdbrande entgingen.
Die kleinen geschnitzten Menschen-Figuren, deren wir oben
erwähnt
haben, und die Hand einer Tänzerin, welche Maheine fand,
können wir bis jetzt noch, eben so wenig erklären:
denn sie sind aus einer Art Holz gemacht, welches heutiges Tages
nicht mehr auf der Insel anzutreffen ist. Alles, was uns auch
hierbei einfallen konnte, war dies: dass sie in weit früheren
Zeiten verfertigt worden, und bei der allgemeinen Katastrophe,
die mit diesem Lande vorgegangen zu sein scheint, entweder durch
einen bloßen Zufall, oder durch eine besondere Sorgfalt
so lange sei erhalten worden.
Alle Weibsleute, welche wir in den verschiedenen Teilen
der Insel gesehen haben, machten zusammen nicht dreißig aus,
und doch hatten unsere Leute die ganze Insel, fast von einem
Ende bis zum anderen durchstreift, und nicht die geringste Wahrscheinlichkeit
gefunden, dass sich die übrigen etwa in einem oder dem anderen
entlegenen Distrikt der Insel versteckt hätten. Waren ihrer
wirklich nicht mehr als dreißig oder vierzig, gegen sechs
oder siebenhundert Männer, so muss die ganze Nation bald
aussterben, oder alles, was man bisher über die Mehrheit
der Männer (Polyandrie) angenommen hat, muss unrichtig sein.
Die mehresten Frauenpersonen, welche uns zu Gesicht kamen, gaben
und freilich nicht Anlass, zu vermuten, dass sie an einen einzigen
Mann gewöhnt wären; sondern sie schienen vielmehr ganz
des Geistes der Messalina oder der Kleopatra zu sein: Bei dem
allen ist doch dies ungleiche Verhältnis zwischen beiden
Geschlechtern ein so sonderbares Phänomen, dass wir es noch
nicht für so ganz ausgemacht und richtig halten können,
und dass wir lieber jedes Argument, so man uns dagegen beibringen
möge, annehmen wollen, wenn es auch mit noch so großen
Schwierigkeiten verknüpft wäre. Zwar hat keine einzige
unserer Parteien irgendwo ein entferntes oder abgesondertes Tal
gefunden, in welchen sich vielleicht die übrigen Weiber,
während unseres Hierseins verborgen haben könnten;
allein wir müssen den Leser an die Höhlen erinnern,
deren wir oben erwähnt haben, und wozu uns die Einwohner
niemals den Eingang gestatten wollten. Die isländischen
Höhlen sind so geräumig, dass einige Tausend Menschen
darin Platz haben; und es ist sehr wahrscheinlich, dass ähnliche
Höhlen, in einem ebenso vulkanischen Lande geräumig
genug sein können, um einige Hundert Menschen zu fassen.
Wir sahen zwar nicht ein, warum die oster-Eayländer auf
ihre Weiber eifersüchtig sein sollten, als die Tahitieer;
wir wissen aber, wie ausschweifend und zügellos das Seevolk
ist, besonders wenn es über die Indianer eine solche Überlegenheit
hat, als die Holländer und Spanier über ihre Leute
auf Oster-Eyland gehabt haben müssen. Der stärkste
Einwurf, den man noch gegen diese Hypothese machen könnte,
liegt darin, dass die Anzahl von Kindern, die uns hier zu Gesicht
kam, und die man doch eben nicht zu verbergen nötig hatte,
wenigstens nicht aus dem Grunde, aus dem man etwa die Weiber
versteckt haben mochte, ebenso gering und unbeträchtlich
waren. Wir müssen die Sache unentschieden lassen. Sollte
indessen die Anzahl der Weiber wirklich so gering sein, als wir
sie angegeben haben, so muss sie durch einen ganz außerordentlichen
Zufall vermindert worden sein, und davon wären die Einwohner
allein im Stande gewesen, uns einige Nachricht mitzuteilen; aber
bei allen unseren Versuchen und nachfragen, konnten wir wegen
Mangel der Bekanntschaft mit ihrer Sprache nichts entscheidendes
herausbringen.
Am folgenden Morgen ward ein Boot an Land geschickt, um
Wasser einzunehmen; und da es gerade windstille war, so ging
ein zweites
ab, um unseren Vorrat an Kartoffeln, durch Handel mit den Einwohnern
zu vermehren. Auch einer von den Eingeborenen ging in dem geflickten
Kanu vom Lande ab und zu, um Kartoffeln und Pisangs ans Schiff
zu bringen. Ein starker Regenguss gab unseren Leuten Gelegenheit,
einen guten Vorrat frisches Wasser mit Hilfe der Segel und Decken
aufzufangen. Nachmittags ging noch ein Boot ans Land; da sich
aber gegen Abend, ein Wind erhob, so wurde eine Kanone abgefeuert,
worauf es sogleich an Bord zurückkam, und hierauf segelten
wir von Nordwest nach Westen.
Wir hatten geglaubt, dass wir hier einen guten Erfrischungs-
und Handelsplatz finden würden; aber unsere Hoffnung war
fehlgeschlagen. Den einzigen Artikel, der noch von einigem Belang
war, machten die süßen Kartoffeln, aber nach gleicher
und richtiger Verteilung des ganzen Vorrates, welchen wir eingekauft,
konnte der gemeine Mann nur ein paar kleine Mahlzeiten davon
machen. Pisangs, Yams und Zuckerrohr gab es so wenig, dass es
kaum des Handels wert war. Die Zahl der Hühner, welche wir
erhielten, und die noch dazu von sehr kleiner Art waren, belief
sich nicht auf fünfzig Stück; selbst des hier gefüllten
Wassers war wenig, und hatte übendem einen schlechten Geschmack.
Indessen, so unbeträchtlich auch diese Erfrischungen waren,
so bekamen wir sie doch zur rechten Zeit, und sie halfen uns
wenigstens so viel, dass wir von den stärkeren Skorbut Angriffen
und Gallenkrankheiten so lange verschont blieben, bis wir einen
besseren Erfrischungsplatz erreichen konnten.
Bei dem erbärmlichen Zustand der Einwohner, ist es noch
zu verwundern, dass sie uns so viel von ihren Lebensmitteln,
deren Anbau ihnen so sauer und mühsam geworden sein muss,
zukommen ließen. Der unfruchtbare harte Boden, die Seltenheit
und Abnahme des zahmen Viehs, der Mangel an Reusen und anderen
Fischergeräten, müssen ihren Lebensunterhalt sehr eingeschränkt,
mühsam und ungewiss machen. Gleichwohl ließen sie
sich von der Begierde nach unbekannten Kleinigkeiten und Merkwürdigkeiten
hinreißen, uns einen Teil davon abzulassen, ohne zu bedenken,
wie groß und dringend ihr eigenes Bedürfnis sei. Sowohl
hierin, als in unzähligen anderen Umständen, kommen
sie mit den Einwohnern von Neuseeland, Tahiti und den freundschaftlichen
Inseln, die gleichen Ursprunges mit ihnen zu sein scheinen, sehr
nahe überein.
Ihre Gesichtszüge sind der Bildung jener Völker so ähnlich,
dass man den gemeinschaftlichen Charakter der Nation sogleich
daran erkennen kann. Ihre gelbraune Farbe ist wie die Haut der
Neuseeländer; ihr Punktieren der Haut; ihre Kleidung von
Maulbeer-Rinde; ihre besondere Neigung zu roten Farben und Kleidung;
die Form und Arbeit ihrer Keulen; die Art wie sie ihre Speisen
zubereiten – alles das gibt ihnen mit obbenannten Völkern
eine große Ähnlichkeit. Hierher ist noch die Übereinstimmung
ihrer Sprachen zu rechnen. Der Dialekt auf Oster-Eyland, kommt
in vielen Stücken mit dem Neuseeländischen, vornehmlich
in der harten Aussprache und dem Gebrauch der Guttural-Buchstaben, überein.
In anderer Absicht hat er auch viel Ähnliches mit dem Tahitischen
Dialekt. Auch die monarchische Regierungsform macht einen Zug
der Ähnlichkeit zwischen den Oster-Eyländern und den
Einwohnern der Südsee-Inseln, die zwischen den Wendezirkeln
liegen, aus.
Der ganze Unterschied, der sich zwischen ihnen bemerken
lässt,
liegt lediglich in der mehreren oder minderen Fruchtbarkeit der
Inseln und dem größeren oder geringeren Maß an
Reichtum und der Wollust-Liebe der Einwohner. Oster-Eyland oder
Waihu, wie es in der Landessprache genannt wird, ist so außerordentlich
unfruchtbar, dass nicht über zwanzig verschiedene Gattungen
von Pflanzen darauf wachsen, und diese müssen noch dazu
größtenteils auf bearbeiteten Feldern, welche bei
weiten den geringsten Teil des sonst wüst liegenden Landes
ausmachen, ordentlich gebaut werden. Der Boden ist durchgehend
steinig und von der Sonne verbrannt. Wasser ist so selten, dass
sich die Einwohner mit Brunnenwasser, das noch dazu etwas faul
ist, behelfen müssen; ja einige unsere Leute haben sogar
gesehen, dass sie, um den Durst zu löschen, auch wohl zuweilen
Seewasser getrunken.
All
diese Umstände zusammengenommen, müssen natürlicherweise
auf die Beschaffenheit ihres Körpers einen besonderen Einfluss
haben. – Sie sind mager und ihre Muskeln hart und steif.
Sie leben sehr schlecht und armselig, gehen fast alle nackend,
und haben keine Bedeckung als für den Kopf, weil derselbe
von der Hitze am meisten leidet; doch besteht die ganze Bedeckung
nur in einer Feder-Mütze. Der übrige unbedeckte Teil
des Gesichts ist punktiert, oder mit Farben beschmiert. Ihre Begriffe
von Anständigkeit müssen natürlicherweise sehr
verschieden von den Begriffen gekleideter Völker sein. Der
Reinlichkeit wegen stutzen sie Bart und Haare, so wie solches
auch zu Tongatabu geschieht; doch schienen sie dem Aussatz weniger,
als jene, unterworfen zu sein.
Man kann sich vorstellen, dass der König eines solchen
Volkes eben keine sonderlichen und merklichen Vorzüge vor
dem Untertan genießt. Wenigstens bemerkten wir nichts,
dass etwa dafür hätte angesehen werden können.
Die Religion der Einwohner ist uns ganz unbekannt geblieben,
weil dergleichen abstrakte Ideen, während eines so kurzen
Aufenthaltes, als der unsrige war, nicht leicht ausgeforscht
werden konnten.
Die Statuen, welche zum Andenken ihrer Könige errichtet
sind, haben eine große Ähnlichkeit mit den hölzernen
Figuren Ti´s genannt, die man auf den Marais oder Begräbnissen
der Vornehmern zu Tahiti aufgestellt findet. Wir konnten sie
aber nicht für Götzenbilder halten, wie Roggeveens
Leute sie dafür ausgegeben haben. Die Feuer, welche sie
als Opferfeuer ansahen, dienten den Einwohnern zur Bereitung
ihres Essens; und obgleich die Spanier vermuteten, dass etwas
abergläubisches damit verbunden sein könnte, so irrten
sie doch vielleicht ebenso sehr. Denn der Mangel des Brennholzes
setzt die Einwohner in die Notwendigkeit, sehr sparsam damit
umzugehen, und sich in Acht zu nehmen, dass die Speisen, wenn
sie einmal mit geheizten Steinen in die Erde vergraben sind,
nicht zur Unzeit wieder herausgeholt werden.
Vom Zeitvertreib der Oster-Eyländer wissen wir nichts
zu sagen, weil wir sie niemals bei so etwas angetroffen, auch
nie
ein musikalisches Instrument bei ihnen gesehen haben. Doch scheint
es ihnen nicht ganz daran zu fehlen, weil Maru-wahai, der bei
uns am Bord schlief, so viel von Tanzen sprach, sobald wir nur
erst seine Besorgnis wegen der Sicherheit seiner Person, gehoben
hatten.
Kriegerisch sind sie im mindestens nicht gesinnt; denn ihre
Zahl ist zu unbeträchtlich und ihre Armut zu allgemein,
als dass etwa innerliche Unruhen unter ihnen entstehen könnten.
Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass sie in ausländische
Kriege verwickelt werden könnten, weil man bis jetzt noch
von keiner Insel wie, die ihnen dazu nahe genug wäre, oder
mit der sie sonst einiges Verkehr haben könnten. Wenigstens
konnten wir hierüber von den Einwohnern keine belehrende
Nachricht einziehen. Etwas sonderbares ist es indessen, dass
sie dem ungeachtet mit verschiedenen Arten von Gewehr, das dem
Neuseeländischen gleicht, versehen sind; - Wir wissen aber
hierüber eben so wenig, als über manches andere, Aufklärung
zu geben.
Wenn wir, wie wir uns schon oben darüber geäußert
haben, voraussetzen, dass Oster-Eyland etwa ehemals das Unglück
gehabt, durch vulkanisches Feuer zerstört zu werden, so
sind die Einwohner weit mehr zu bedauern, als jedes weniger zivilisierte
Volk. Denn in diesem Fall müssen sie von vielen Vorteilen
und Annehmlichkeiten des Lebens, die sie vorzeiten gehabt haben,
wissen, und das Andenken davon, und ihr jetziger Mangel, müssen
ihnen dann sehr bitter sein.
Maheine bejammerte ihre Armseligkeit sehr oft, und er schien
mit ihnen mehr Mitleid zu haben, als mit den Neuseeländern,
weil sie auch wirklich armselig sind, und in manchen Stücken
weit größeren Mangel leiden, als jene. Er tat deshalb
zu dem Bündel seines Journals ein zweites Stöckchen,
und erinnerte sich Oster-Eylands immer mit der Bemerkung: Tata
maitai whennua ino, d.i. das Volk sei gut, aber die Insel sehr
elend. Zu Neuseeland standen ihm die Einwohner weniger an, als
das Land selbst. Sein Gefühl blieb immer das Gefühl
eines warmen Herzens, das durch Erziehung mit aufrichtiger Menschenliebe
erfüllt war; auch war es gemeinlich richtig, weil er unverdorben
und scharfsinnig, und sein Verstand zwar ungebaut, aber doch
von vielen Vorurteilen frei war.
Von der Osterinsel segelten wir mit so schwachem Winde, dass
wir uns am folgenden Mittag noch im Angesicht der Insel und kaum
15 Meilen weit vom Ufer befanden. Das Wetter war schwül
und Kapitän Cook bekam ein Rückfall seines Gallenfiebers,
weil er Stunden der heftigen Mittagshitze sich am Lande zu stark
angegriffen hatte. Alle diejenigen, welche ihn auf dem langen
beschwerlichen marsch quer über die Insel begleitet, hatten
von der Sonnenhitze Blasen im Gesicht bekommen, die täglich
empfindlicher wurden, je mehr die Haut sich abschälte.
So kurz unter Aufenthalt am Lande gewesen und wo wenig frische
Gewächse wir da genossen, so hatten sich dennoch unsere
Kranken vom Skorbut ziemlich erholt, und klagten zum Teil nur
noch bloß über Mattigkeit. Die wenigen Erfrischungen
auf Oster Eiland hatten aber unseren Appetit gleichsam noch mehr
gereizt und uns auf die Insel des Marquise de Mendoza, nach denen
wir jetzt hinsteuerten, desto begieriger gemacht. Zum Glück
bekamen wir am nächsten Tage frischen, dauernden Wind, welches
unsere Hoffnungen mehr Zuverlässigkeit und uns selbst mehr
Heiterkeit und Mut gab, als wir seit einigen Monaten empfunden
hatten.
Desto beunruhigender dünkte es uns aber, als ein paar Tage
nachher verschiedene unserer Leute von neuem zu kränkeln
und besonders über Verstopfungen und Gallenfieber, diese
tödlichen Krankheiten der heißen Himmelsstriche, zu
klagen anfingen. Unter diesen Kranken war auch unser Wundarzt
selbst mit begriffen. Ein Umstand, der uns die größte
Besorgnis verursachte. Das Betrübte aber war, dass unsere
Patienten die süßen Kartoffeln, die wir erhalten,
als eine für ihren schwachen Magen allzu schwere Speise,
nicht genießen konnten.
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