Katherine Routledge erforschte 17 Monate lang die Osterinsel
Katherine Routledge
In
der Zeit als die Ureinwohner auf der Osterinsel
wohl ihren Tiefpunkt erreicht hatten, beschäftigte sich die
britische Historikerin Katherine Maria Scoresby Routledge mit der
Osterinsel. Katherine Routledge, 1866 geboren, hatte als Tochter
reicher Eltern in Oxford studiert und im ersten Jahrzehnt des 20.
Jahrhunderts an Forschungsreisen in Süd- und Ostafrika teilgenommen.
1910 beschloss Katherine Routledge gemeinsam mit ihrem Mann, den
Arzt William Scoresby Routledge eine Yacht (die "Mana")
bauen zu lassen, und eine eigene Expedition zur Osterinsel zu unternehmen.
Als Katherine Routledge 29. März 1914 die Osterinsel erreichte,
lebten außer zwei Europäern, einigen Farmarbeitern
aus Tahiti, hauptsächlich Leprakranke
Rapa Nui auf der Insel. Von Tahiti auf die Osterinsel heimkehrende
Rapa Nui hatten Ende des 19. Jahrhunderts die Lepra eingeschleppt,
die sich dann ab 1903 unaufhaltsam unter den Ureinwohnern ausbreitete
und 1910 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Gesunde und kranke
Rapa Nui lehnten sich 1915 zudem erfolglos gegen die Herrschaft
der chilenischen Bürokratie sowie der unhaltbaren Zustände
auf und wurden während einer blutigen
Niederschlagung weiter dezimiert.
Während ihres 17-monatigen Aufenthaltes hat Katherine Routledge
der Nachwelt dennoch interessante Informationen über die
Osterinsel hinterlassen. Katherine Routledge konnte mit Unterstützung
des Insulaners Juan Tepano die noch lebenden Ureinwohner über
Sitten, Riten und Bräuche befragen und hielt so unter anderem
mehrere Legenden über den König aller Rapa Nui, Hotu
Matua, für die Nachwelt fest. Außerdem dokumentierte
sie die von den Rapa Nui gegebene Erzählungen über den
Vogelmann-Kult sowie die Namen
der auf der Insel, ursprünglich, lebenden Clans. Die Bevölkerung
soll sich in mehrere Stämme mit 11 Territorien aufgegliedert
haben.
Katherine Routledge beschäftigte sich intensiv mit den Moai´s,
grub bis zu 30 dieser Statuen aus und stellte die These auf, dass
die an den "Straßen der
Statuen" liegenden Moai´s nicht einfach nur zerbrochen
und liegen gelassen wurden, sondern ursprünglich als territoriale
Grenzmarkierungen fungiert und aufrecht gestanden haben. Sie begründete
ihre These damit, dass die in der Erde liegenden Seiten der Moai´s
sonst nicht einen derart hohen Verwitterungsgrad gehabt hätten.
Routledge geht in ihrer These soweit als das sie meint, die Sippen
in den verschiedenen Dörfern hätten die Moai´s
letztlich in gegenseitig kriegerischen Auseinandersetzungen umgeworfen
und zerstört.
Routledge
entdeckte und kartographierte regelrechte Transportrouten, die
sternförmig von der Moai-Fabrik am Vulkan
Rano Raraku ins Landesinnere führen. Teilstrecken dieser
"Straßen" wurden geebnet, aufgeschüttet oder
stellenweise sogar gepflastert.
Andere Forscher begegnen Routledges These allerdings auch mit
Skepsis. Zum Zeitpunkt Routledges, also 1914/15 seien bereits
hunderte von Jahre seit der Errichtung des letzten Moai´s
vergangen und während dieser Zeit sei so manche Katastrophe über
die Rapa Nui hereingebrochen.
Routledges Ergebnis wird allerdings gestärkt von den Südsee-Archäologen
Carl Lipo von der California State University in Long Beach und
Terry Hunt von der University of Hawaii. Sie veröffentlichten
unter anderem in der Zeitschrift "Antiquity" eine Karte
auf der diese Straßen genau eingezeichnet sind. Die Karte
wurde mit Hilfe von Bodenuntersuchungen und Satellitenaufnahmen
erstellt und dabei hätte sich gezeigt, dass es mindestens
32 Straßenkilometer gegeben hat, die nicht in die Wohnsiedlungen
führten. Vier der sechs Hauptwege laufen sternförmig
vom Vulkankrater Rano Raraku ins Landesinnere; vermutlich seien
die Wege ursprünglich doppelt so lang gewesen.
Katherine Routledge stellte unter anderem auch fest, dass es
auf der Osterinsel aufgrund der geologischen Formation eine Unmenge
an Spalten, Grotten und unterirdischen Höhlen
gibt. Routledge beschrieb, einige Höhlen als Schlafstätten,
andere Höhlen als Begräbnisstätten und sie mutmaßte,
dass sich diese Höhlen gut für die Deponierung von Schätzen
eignen würden. Eine Zählung Anfang der 1990er Jahre
ergab mehr als 600 Höhlen. Auch heute wird immer noch gerne
über geheime Familienhöhlen
mit historisch wertvollen Reliquien gemutmaßt.
Katherine
Routledge erstellte während ihres Aufenthaltes auch sehr
viele Zeichnungen. Unter anderem eine Zeichnung von den Höhlenmalereien
am Ana Kai Tangata (die Menschenfresserhöhle)
auf der ein Segelschiff zu erkennen ist. Erhalten
ist nur noch ein Foto von einer Aquarellzeichnung, die Routledge
1919 gezeichnet hat und dann abfotografiert wurde. Die Fotoplatte
befindet sich im Britischen Museum. Auf Routledges Zeichnung ist
deutlich zu erkennen, an welcher Stelle das Schiff angebracht
war und wie es in etwa ausgesehen hat. So wie es aussieht, handelt
es sich um einen Zweimaster mit mehreren Segeln. Von einer Steinfugur
aus einer Familienhöhle, die Thor
Heyerdahl während seines Aufenthalts in den Jahren 1955/56
erhalten hat weiß man, dass auch die Rapa Nui Segelboote
mit mehreren Masten gebaut haben. Diese hatten aber pro Mast nur
ein Segel. Somit handelt es sich bei der Darstellung in der Ana
Kai Tangata Höhle um ein europäisches Schiff. Die Schiffsdarstellung
in der Höhle ist zwischenzeitlich leider stark verwittert
und lässt sich heute nur noch erahnen.

|

Auf heutigen Fotos ist dieses Segelschiff nicht mehr zu erkennen. |
Um mehr Informationen über die RongoRongo
Schriftzeichen zu erfahren, begab sich Routledge sogar in die
Lepra Kolonie um mit einem alten Mann zu sprechen, der angeblich
der letzte sein sollte, der die RongoRongo Schrift beherrsche
und die Zeichen kannte. Der Mann soll sich geweigert haben seine
Kenntnis Preis zu geben. 14 Tage vor seinem Tod unternahm sie
einen letzten Versuch dem Mann sein Wissen zu entlocken. Dieser
lehnte jedoch ab und meinte, das Wissen um die RongoRongo Schrift
müsse den Rapa Nui vorbehalten bleiben. Ob dieser Mann die
RongoRongo Zeichen tatsächlich hätte interpretieren
können ist nicht bewiesen. Zuvor hatte es schon vergebliche
Versuche mit angeblich wissenden Rapa Nui gegeben, die Schrift
zu entschlüsseln. Keiner konnte den Inhalt einer Schrifttafel
mehrfach gleichlautend wiedergeben; keiner konnte eine vorgelesene
Information mit den identischen Zeichen niederschreiben.
Von Routledge stammt auch eine Beschreibung über Sinn und
Zweck der so genannten Paina Puppe,
von der weltweit kein einziges Exemplar mehr erhalten ist. Sie
schrieb:
"Die Paina, was einfach Bildwerk oder Figur bedeutet, wurde
von der Familie dem Vater oder Bruder als Beweis der Wertschätzung
gewidmet, sei er noch lebend oder bereits verstorben. Es war
eine bedeutende Angelegenheit und die ursprünglichen Regeln
für die Zeremonie kamen von einem mit übernatürlicher
Macht behafteten Individuum namens „Ivi-Atua“ [ein
hochrangiger Priester]. Die Paina war eine große Figur
aus verflochtenen Ruten und der Träger kroch hinein und
konnte durch den Mund hinaussehen. Die Gestalt hatte eine Krone
aus den Federn eines besonderen Seevogels namens „makohe“ und
lange Ohren. Mitunter wurde sie an einem Ort errichtet, wo zum
Beispiel ein Mann ermordet worden war. Das Interessanteste in
Zusammenhang mit der Paina-Figur ist aber, dass der übliche
Platz, wo sie aufgestellt war, eine Zeremonialplattform (Ahu)
mit Steinfiguren war und zwar auf deren landwärts gelegenen
Seite. Auf den meisten, wenn nicht allen Ahu kann man immer noch
im Gras oder auf der Pflasterung die Löcher sehen, wo die
Paina-Figuren einst standen. Sie wurden von vier langen Seilen
gehalten, von denen eines über die Plattform geführt
wurde."
|