Thomas Barthel - Auszüge aus seiner Habilitationsschrift: Geschichtliche Einleitung

Thomas Barthel - Auszüge aus seiner Habilitationsschrift: Geschichtliche Einleitung


Dr. Thomas Barthel - KAPITEL 1: Einleitung (ergänzt um Hyperlinks dieser Website)


siehe auch Übersicht der 26 Rongorongo-Tafeln

Am Ostersonntag des Jahres 1722 entdeckte der holländische Seefahrer Jacob Roggeveen auf 27 Grad südlicher Breite und 109 Grad westlicher Länge im Stillen Ozean eine kleine Insel, die er "Paasch Eiland" nannte. Damit war die Osterinsel 1), der letzte polynesische Außenposten 2000 Seemeilen vor der Küste Südamerikas, in das Blickfeld europäischer Beobachter gerückt. Ein ödes vulkanisches Eiland in der Wasserwüste des südlichen Pazifik sollte das Interesse der wissenschaftlichen Welt auf sich lenken und bis in die Gegenwart in seinem Bann halten.

Auf einer Fläche von nur 180 Quadratkilometer kargen Bodens lebten damals einige Tausend hellhäutiger Menschen. Viele Generationen vor der Entdeckung Roggeveens hatten die ersten polynesischen Siedler mit ihren Booten die bis dahin unbewohnte Insel erreicht und seitdem hier — unter äußerst restriktiven Bedingungen am Rande der Ökumene — erstaunliche Schöpfungen vollbracht. Daß Überquellen produktiver Tätigkeit mag ein Korrelat zu den begrenzten Umweltmöglichkeiten gewesen sein, unter denen Begabungen ihren Antriebsüberschuß nur auf gewissen Bahnen entfalten konnten.

Die Schnitzkunst in Holz, dem kostbaren Rohstoff der baumarmen Insel, brachte eine Fülle ungewöhnlicher und bizarrer Figuren hervor, die ohne Beispiel in Ozeanien waren. Hohe Steinköpfe auf den Kult- und Bestattungsplätzen der Sippen und am Fuße des Kraters Rano Raraku wirkten wie die Überreste einer versunkenen Kultur und fesselten die Aufmerksamkeit von Gelehrten und Laien vieler Länder. Gewissen Zeugnissen vergangener Epochen hat die menschliche Phantasie stets ein besonders intensives Interesse geschenkt und sie mit den buntesten Farben ausgeschmückt — und so scheint auch die Osterinsel wie ein Welträtsel gewirkt zu haben.

Noch stärker trat dann ihre Sonderstellung hervor, als Nachrichten von einer Schrift bekannt wurden, und damit die Völkerkunde Ozeaniens sich vor ein überaus bemerkenswertes Phänomen gestellt sah. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass es außerhalb der Alten Welt zur Entstehung eines autonomen Schriftsystems sonst nur noch im präkolumbischen Mesoamerika gekommen ist, so gewinnt die Frage der Osterinsel-Schrift eine Bedeutung, die mehr als lokales Interesse hat. TOP

1) Isla de Pascua , Ile de P‚ques , Easter Island ; Rapanui, Te-Pito-o-te-Henua.

Die Gestalten und Probleme in der Erforschung der Osterinselschrift sind schon oft übersichtlich und erschöpfend beschrieben worden. Es seien nur die Arbeiten von Heine-Geldern (1938), Métraux (1940), Wolff (1945) und Imbelloni 2 (1951) genannt, in denen man alle bekannten Fakten zusammengestellt finden kann. Daher mag es genügen, an dieser Stelle ein bloßes Resumé zu geben, das in den Verlauf der bisherigen Untersuchungen einführen soll.

Als im November 1770 Don Felipe Gonzalez y Haedo für die spanische Krone von der Insel Besitz ergriff, setzten Vertreter der neuen Untertanen eine Reihe seltsamer Zeichen auf die Annexionsurkunde. Diese erste Spur einer neuen Schrift fand jedoch keine Beachtung und nahezu ein weiteres Jahrhundert verstrich, ehe das graphische System der Osterinsel wirklich zum Vorschein kommen sollte.

Inzwischen aber hatte sich die Lage von Grund auf geändert; denn im Jahre 1862 war die alte Kultur der Bewohner durch einen einzigen Schlag gleichsam geköpft worden. Um den wachsenden Bedarf an Arbeitskräften für den Abbau von Guanolagern auf den Chincha-Inseln zu decken, zogen in jener Zeit peruanische Desperados mit ihren Schiffen auf Menschenjagd durch die Südsee. Am Vortage des Weihnachtsfestes 1862 überfiel eine Kaperflotte die Osterinsel, nahm den Großteil der männlichen Bevölkerung, darunter die Häuptlinge, Priester und Sänger, gefangen und verschleppte die Unglücklichen zur Zwangsarbeit. In weniger als Jahresfrist gingen über 900 deportierte Osterinsulaner auf den Guanoinseln vor der peruanischen Küste zugrunde. Überlebende, die auf die Insel zurückkehrten, schleppten Seuchen ein, die in kurzer Zeit die restliche Bevölkerung hoffnungslos dezimierten. Der vollständige Zusammenbruch der alten Traditionen war die Folge, und von dem regen kultischen Leben, das noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts geblüht hatte, blieben nur fragmentarische Erinnerungen und leblose materielle Objekte als Zeugen übrig. TOP

Zu Beginn des Jahres 1864 ließ sich Eugène Eyraud, ein Laienbruder der Congregation des Sacrés-Cœurs, als erster Weißer auf der Osterinsel nieder. In einem Brief an seine geistlichen Vorgesetzten berichtete er, dass sich in allen Hütten mit Schriftzeichen bedeckte Holztafeln und Stäbe mit Inschriften anfänden. Die Eingeborenen legten solchen Stücken keinen großen Wert bei und hätten ihre Bedeutung vergessen. Fest stünde lediglich, dass jedes Zeichen einen bestimmten Namen trage.

Zwei Jahre später verstärkte sich die Missionstätigkeit durch das Wirken weiterer Patres. Gaspard Zumbohm unternahm es, einige Tafeln zu sammeln. Auf seine Fragen nach dem Sinn der eingeritzten Zeichen begannen einige der intelligentesten Osterinsulaner Lieder in ganz verschiedenen Versionen zu singen. Ihre Uneinigkeit darüber, welche Gesänge nun jeweils zu den Tafeln gehörten, schreckte den Missionar vor weiteren Nachforschungen ab. So hat Zumbohm auch leider keinen der Liedertexte niedergeschrieben. Sein Glaubensgefährte P. Roussel, der vermeintlich sinnleere Rezitationen anhörte, kam zu dem resignierten Schluss, dass die Zeichen wohl niemals einen bestimmten Sinn besessen hätten.
Die Erkundungen wurden intensiviert, als der Bischof von Axieri durch ein nach Tahiti gelangtes Tafelfragment Kenntnis von dem graphischen System erhielt. Monsignore Tepano Jaussen, ein Sohn südfranzösischer Bergbauern, erkannte als erster Europäer die weitreichende Bedeutung der Schriftdenkmäler und gab deshalb im Jahre 1868 den Auftrag zu retten, was nur zu bergen war. Ihm ist es zu verdanken, daß bis zum Aufhören der Missionstätigkeit die wichtigsten heute erhaltenen Tafeln gesammelt und nach Papeete geschickt wurden.

1870 trafen in Tahiti zur Arbeit auf den Branderschen Zuckerrohrplantagen über 200 Emigranten von der Osterinsel ein, die sich dadurch der Ausbeutung durch den französischen Abenteurer Dutroux-Bornier entziehen wollten. Unter ihnen befand sich ein Mann namens Metoro Tauara, der noch in seiner Jugend bei Schriftgelehrten Unterricht genossen hatte.
Bischof Jaussen erfuhr von Metoros Kenntnissen, lud den Osterinsulaner zu sich und legte ihm vier verschiedene Schrifttafeln zum Lesen vor. Metoro sang, und seine Rezitationen wurden vom Bischof sorgfältig aufgezeichnet. Die Auswertung brachte jedoch ein niederschmetterndes Ergebnis: den Texten schien jeglicher Sinn zu fehlen. Ein Auszug, die sogenannte "Jaussen-Liste", wurde erst nach dem Tode des Bischofs veröffentlicht und blieb seit dem Jahre 1893 die einzige Quelle, aus der Rückschlüsse für die Bedeutung einzelner Schriftzeichen gezogen werden konnten. Auf dieses Material gingen alle späteren Folgerungen über den Charakter der Osterinselschrift zurück sowie mehrere Versuche, Tafelinschriften textgetreu zu interpretieren 1). TOP


Ungefähr zur gleichen Zeit wie Bischof Jaussen unternahm der Händler Thomas Croft den Versuch, von einem weiteren Osterinsulaner, der nach Tahiti ausgewandert war, Einzelheiten über die Schrift zu erfahren. Da Croft zu drei verschiedenen Terminen ganz unterschiedliche Gesangsfassungen für die gleiche Tafel erhielt, zog er daraus den Schluss, es mit einem Betrüger zu tun zu haben. Über den Verbleib der von Croft aufgenommenen Texte ist leider nichts bekannt.

Im Jahre 1886 machte der amerikanische Schiffszahlmeister William Thomson auf der Osterinsel einen alten Mann namens Ure-Vaeiko ausfindig, der als schriftkundig galt. Im Laufe einer einzigen Nacht wurden fünf Gesangstexte aufgenommen, die angeblich für photographische Wiedergaben der in Tahiti befindlichen Schrifttafeln Gültigkeit besaßen. Wie Haberlandt (1892), Routledge (1919) und Ross (1940) dann später zeigen konnten, waren Ure- Vaeikos Gesänge teils apokryph, teils standen sie in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit den von Thomson vorgelegten Tafelabbildungen.

Zu Beginn des ersten Weltkrieges führte Mrs. Scoresby Routledge Erkundungen auf der Osterinsel durch und entdeckte dabei die Existenz einer weiteren Schriftform. Von einem leprösen Alten namens Tomenika erhielt sie wenige Wochen vor dessen Tod Angaben über die sogenannte "Ta'u"-Schrift, die im 19. Jahrhundert nach Art von Annalen für weltliche Zwecke benutzt wurde. — Seither hat die Feldforschung keine schriftkundigen Eingeborenen mehr aufspüren können; spätere Befragungen durch Métraux und P. Englert brachten nur Auskünfte aus zweiter Hand.

1) Die Bemühungen von Wolff (1948) und Lanyon-Orgill (1953) müssen als verfehlt betrachtet werden.

In Europa erregten die Nachrichten von der Auffindung einer Schrift in Polynesien das lebhafte Interesse der Völkerkundler. Meinicke (1871) und Bastian (1872) äußerten Vermutungen über den Inhalt der Tafeln, und Park Harrison (1874) untersuchte die Gipsabgüsse der chilenischen Schriftdenkmäler auf ihren Zeichenbestand. Von dem englischen Forscher stammten die ersten analytischen Betrachtungen, denn er ging bei seinen Deutungen bereits folgerichtig von den graphischen Formen aus. Tylor schlug im Jahre 1875 vor, streng empirisch zu arbeiten und zunächst einmal Häufigkeit und Kombinationsvermögen der Schriftzeichen zu ermitteln. 1904 wiederholte Dalton, 1907 Lehmann die gleiche Forderung, und schließlich wiesen im Jahre 1940 sowohl Métraux wie Ross erneut auf die Notwendigkeit einer systematischen Erforschung hin. TOP

Kurz vor seinem Tode 1943 konnte der junge russische Ethnograph Kudrjawzew zum ersten Male parallele Texte auf verschiedenen Tafeln nachweisen. Seine wichtigen Erkenntnisse, die Olderogge 1947–49 im Auszug veröffentlichte, sind bedauerlicherweise fast unbeachtet geblieben.

Unübersehbar ist das Heer der Dilettanten, das sich an der Entzifferung der Osterinselschrift versucht hat. Seit dem erheiternden Vorgang des australischen Arztes Carroll (1892), dem das Musterbeispiel einer Phantasterei zu verdanken ist, gab es immer wieder rein spekulative "Lösungen", die sich bei näherer Prüfung sämtlich als lebensunfähig erwiesen haben.

Als dritte Möglichkeit, um das Dunkel über der Osterinselschrift zu lichten, bot sich der Vergleich mit anderen Schriftsystemen an. Auch dabei hat es nicht an den gewagtesten Vorschlägen gefehlt. Von den ägyptischen Hieroglyphen. über Felsbilder in Australien bis zur Piktographie der Cuna wurden kühn formale und thematische Parallelen gezogen. Ernsthaft kamen stets nur zwei Thesen in Betracht:

Eine Idee von Terrien de Lacouperie (1885), Beziehungen zwischen der Osterinselschrift und südindischen Schriften anzunehmen, blieb zunächst unbeachtet. Die mögliche Verbindung mit Südasien wurde erst durch einen berühmt gewordenen Vortrag aufgezeigt, den der ungarische Linguist Wilhelm von Hevesy im Jahre 1932 in Paris hielt. Hevesy stellte einen Vergleich zwischen Zeichenformen auf Holztafeln von der Osterinsel und solchen auf Siegeln an, die bei Ausgrabungen in den nordindischen Ruinenstädten von Mohenjo-Daro und Harappa an das Tageslicht gekommen waren, und konnte dabei eine verblüffende Anzahl von Ähnlichkeiten konstatieren. Hevesys Entdeckung löste heftige Kontroversen aus:

Skinner, Lavachery und vor allem Métraux lehnten die Gleichsetzungen ab und verwiesen auf den räumlichen und zeitlichen Hiatus zwischen der Induskultur des 3. und 2. vorchristlichen Jahrtausends und der 20000 Kilometer entfernten einsamen Insel mit vergleichsweise rezenten Schriftdenkmälern. Auch andere Ozeanisten, wie Te Rangi Hiroa und Nevermann, trugen die gleichen Argumente vor. Auf der anderen Seite nahmen eine große Anzahl namhafter Gelehrter für Hevesy Partei, darunter Heine-Geldern und Imbelloni. Der argentinische Forscher hat in den letzten beiden Jahrzehnten die Theorie vom Zusammenhang der Osterinselschrift mit einem graphischen System, "Indo-Ozeaniens" weiter auszubauen versucht und dabei Ergebnisse v. Königswalds (1951) hinsichtlich Darstellungen auf den "Schiffstüchern" von Süd-Sumatra einbezogen. — Einen anderen Anknüpfungspunkt glaubte der Wiener Ethnologe Heine-Geldern in alt- und südchinesischen Schriftformen zu finden, die in früher Zeit bereits durch seefahrende Händler tief in den pazifischen Raum hineingetragen worden seien. — Ein überzeugender Beweis aber konnte von beiden Richtungen bisher nicht erbracht werden. TOP

Unsere Kenntnisse von der institutionellen Verankerung der Schrift sind dürftig und stützen sich auf die Erinnerungen und Überlieferungen einiger Osterinsulaner. Die Träger der Schreib- und Rezitationskunst führten die Namen "tangata rongorongo" 1), "tangata maorirongorongo" 2), "maori rongorongo" oder "maori kohau rongorongo" 3). Diese "Meister der Rezitation" 4) können als eine Gruppe von priesterähnlichen Sängern verstanden werden, deren Gedächtnis die Bewahrung und Weitergabe der heiligen und profanen Traditionen anvertraut war. Als ein "Verband von Intellektuellen" stellten sie keineswegs einen Einzelfall in der Südsee dar; parallele Erscheinungen auf anderen Inseln Ostpolynesiens, wie die "taura rongorongo" von Mangareva 5) und die "tuhuna o'ono" der Marquesas 6), zeigen, dass gleiche Aufgaben in so eng verwandten Gesellschaften ähnlich bewältigt wurden. Der wichtige Unterschied lag nur darin, dass man auf der Osterinsel die mündliche Rezitation mit dem besonderen Mittel eines graphischen Systems verknüpft hatte.

Die "tangata rongorongo" rekrutierten sich überwiegend aus Familien der Häuptlinge und Adligen 7), doch scheint es auch für andere Personen möglich gewesen zu sein, in die Gruppe der Sänger aufgenommen zu werden 8). Die Ausbildung der Novizen erfolgte in besonderen Hütten 9), die sich funktionell mit den "whare wananga" der Maori vergleichen lassen. In Berichten über die Unterrichtsmethoden in diesen Schulen haben offenbar Erfahrungen aus der Missionszeit das Bild der früheren Verhältnisse etwas verwischt, doch dürften Fadenspiele als Gedächtnisstützen zum Memorieren von Tafelgesängen von großer Bedeutung gewesen sein. Der Ariki, jener "König" der Osterinsel, dessen Aufgaben vor allem kultischer und religiöser Art waren, besuchte auf gelegentlichen Inspektionsreisen die Schriftkundigen in den verschiedenen Schulen des Landes. Für alle Prüfungsfragen scheint er die entscheidende Instanz dargestellt zu haben 10).

Neben Zusammenkünften während des letzten Mondviertels oder bei Neumond fand alljährlich an der Nordküste ein großes Treffen aller "tangata rongorongo" statt. In Anwesenheit des Königs wurde dort an der Bucht von Anakena das größte Fest der Insel begangen; während dieser Zeit mussten selbst bei Kriegen die Kämpfe eingestellt werden 11). TOP

1) Der Terminus wird zuerst von Routledge 1919, 244 gebraucht und ist heute allgemein üblich, vgl. Métraux 1940, 137.
    Englert 1948, 495 gibt die Übersetzung: "hombre que sabía leer los textos de los kohau rongorongo".
2) Englert 1948, 469 =hombre letrado (que sabe leer las inscripciones de los kohau motu).
3) Englert 1948, 316.
4) Heine-Geldern 1938, 840: "Kenner, Bewahrer und Rezitatoren der Überlieferungen".
5) Hiroa 1938, 304.
6) Handy 1923, 144–146, 228–230.
7) Geiseler 1883, 23; Thomson 1891, 514.
8) Métraux 1940, 137.
9) Métraux 1940, 390.
10) Routledge 1919, 245.
11) Thomson 1891, 514.

Te Haha, der in seiner Jugend noch selbst an einem Jahresfest teilgenommen hatte, verdanken wir eine sehr lebendige Beschreibung des öffentlichen Wettbewerbs unter den Sängern 1). Der letzte große Schriftgelehrte vor dem Zusammenbruch der alten Kultur war der König Ngaara, dessen berühmte "Bibliothek" einige
hundert Tafeln umfasst haben soll 2). Es ist bezeichnend, dass der Besitzer einer so reichen Sammlung nach seinem Tode auf drei Schrifttafeln zu Grabe getragen wurde.

Auch bei anderen Festen spielten die "tangata rongorongo" eine Rolle; besonders aber bei den Zeremonien für die heilige Seeschwalbe in den Steinhäusern von Orongo 3).

Die Schrifttafeln wurden in Binsenmatten gewickelt und im Innern der Hütten aufgehängt. Sie galten als "tapu" und durften deshalb nur von den "tangata rongorongo" und deren Dienern berührt werden. Ihr besonderer Wert geht auch daraus hervor, dass Tafeln bei Kriegszügen als wertvolle Beutestücke begehrt waren. TOP

Zu den Schriftdenkmälern der Osterinsel gehören hölzerne Tafeln der verschiedensten Größe oder mit Inschriften bedeckte Stäbe, daneben auch geschnitzte Figuren und Schmuckanhänger. Als Schreibmaterial dienten gleichermaßen das einheimische Toromiro-Holz und Treibholz 4).

Beschriftete Objekte aus anderen Rohstoffen sind nicht erhalten geblieben. Zwar berichtet Thomson von einer mit Zeichen bedeckten Kalebasse, die sich in einem alten Grabe angefunden hätte 5), doch fehlt in dem United States National Museum jede Spur von diesem Gegenstand. Nach einer von Routledge aufgenommenen Tradition soll Hineriru, der Anführer des zweiten Bootes bei der Einwanderung, "rongorongo on paper" mitgebracht haben, welches dann durch Bananenblätter und schließlich durch Toromiroholz abgelöst worden sei 6). Heine-Geldern hat daran die Überlegung geknüpft, ob es sich bei dem "Papier" vielleicht um eine Art Tapa — aus dem Bast des Hibiskus — gehandelt habe und sich daher die später übliche Benennung der Schriftdenkmäler verstehen lasse 7).

Die hölzernen Tafeln führten den Namen "kohau rongorongo". Man hat diesen Ausdruck verschieden übersetzt, beispielsweise als "sprechende Hölzer" 8), "bois d’hibiscus intelligents" 9), "bois des chants récités" 10), "bois aux paroles sacrées" 11), "the stick of the rongorongo men" 12), "tabletas de recitación" bzw. "madera con inscripciones" 13) und "tablillas parlantes" 14).

1) Routledge 1919, 245–246.
2) Routledge 1919, 244–245.
3) Routledge 1919, 260.
4) Zur genauen Bestimmung der Holzarten siehe Kapitel 2.
5) Thomson 1891, 535. Vgl. hierzu auch die Maori-Tradition von "a certain carved or inscribed gourd known as Tipoki-o-Rangi "
    in der Donnerhöhle von Matahina, Best 1922, 61.
6) Routledge 1919, 279. Métraux 1940, 390, erwähnt, daß Schreibübungen auf Bananenblättern bzw. auf der äußeren Hülle von
    Bananenstämmen vorgenommen wurden.
7) Heine-Geldern 1938, 835.
8) Miklucho-Maklay 1872, 79–80.
9) Jaussen 1893, 251.
10) Lavachery 1935, 54.
11) Chauvet 1935, 69.
12) Métraux 1940, 389.
13) Englert 1948, 314, 473.
14) Imbelloni 1951, 95. TOP

Über die Bedeutung des Wortes "rongorongo" besteht kein Zweifel; Englert, der beste Kenner des Idioms der Osterinsel, definiert es als "recitar, leer can-tando" 1). Schwierigkeiten ergeben sich jedoch in der Beurteilung von "kohau". Die Zweifel gehen zurück auf Tepano Jaussen, der das Wort in "ko" und "hau" zerlegte und "hau" durch "Hibiskus" übersetzte. Diese Interpretation des Bischofs wurde später von Heine-Geldern geistvoll abgewandelt und zur Erklärung eines hypothetischen Schreibmaterials benutzt.

Hier soll jedoch der Auffassung von Hiroa, Métraux, Englert und Imbelloni gefolgt werden, nach denen man "kohau" mit "Stab" wiederzugeben hat. Der Terminus "kohau rongorongo" bedeutet demzufolge "Stab zum Rezitieren (von Gesängen)". Daraus lässt sich schließen, dass am Anfang der einstigen Schriftentwicklung mit Inschriften versehene Stäbe gestanden haben müssen, von denen die Bezeichnung "kohau rongorongo" später für die hölzernen Tafeln übernommen wurde. Im allgemeinen Sprachgebrauch freilich ist meistens von "Schrifttafeln" die Rede, welche als die kennzeichnenden Überbleibsel der Osterinsel-Literatur erhalten geblieben sind.

Englert verdankt die Forschung eine Kenntnis der weiteren Ausdrücke "kohau motu" und "kohau motu rongorongo" , die terminologisch den "kohau rongorongo" entsprechen. So bezeichnet "kohau motu" einen hölzernen "Stab mit eingeschnittenen Zeichen" 2), dessen Aufgabe durch den Zusatz "mo rongorongo" (d. h. "zum Rezitieren") verdeutlicht wird 3).

Hinweise auf die in der Osterinselschrift behandelten Themen können aus zwei Quellen
geschöpft werden. Das sind Auskünfte durch die Eingeborenen selbst und das Vorkommen bestimmter Namen für die verschiedenen Arten der "kohau rongorongo", aus denen sich ihre Funktion oder ihr Inhalt erschließen lässt. Abgesehen von dem wertvollen Textmaterial der Metoro- und Urevaeiko-Gesänge helfen die genauen Termini für einzelne Schriftdenkmäler weiter; sie sind nützlicher als allgemeine Angaben aus zweiter Hand, deren Zuverlässigkeit schwer abzuschätzen ist. TOP

Demgegenüber sind die folgenden Berichte nur von sekundärer Bedeutung: "Ereignisse, die auf der Insel vorkamen" 4) "alte Geschichte der Insel, ihrer Könige und Häuptlinge. Mythen und Gebete.

Anweisungen zum Fischfang und zum Pflanzenbau"5) "Nachricht von einem Häuptling an den anderen. Geschlechtsregister" 6).

Métraux 7) bringt eine Liste der Autoren, die in den Tafeln genealogische Verzeichnisse sahen und kommt zu dem Schluss, dass diese Anschauung rein hypothetisch und aus irgendwelchen Traditionen der Eingeborenen nicht zu beweisen sei.

1) Englert 1948, 495.
2) Englert 1948, 473. "motu" bedeutet u. a. "grabar (letras figuras en una piedra o madera)".
3) Entsprechend übersetzt Englert 1948, 315 und 462, "kohau motu mo rongorongo"
     mit "tabletas grabadas para recitación" und "tabletas con inscripciones para recitar".
4) Miklucho-Maklay 1872, 80. (Vermutlich durch P. Roussel erkundet.)
5) Croft, bei Harrison 1876, 249. (Nach Auskunft der Emigranten auf Tahiti.)
6) Geiseler 1883, 24. (Durch Salmon erfahren.)
7) Métraux 1940, 399 führt an: Meinicke 1888 II, 234; Geiseler 1883, 27; Thomson 1891, 517;
    Meyer 1881, 159; Gusinde 1922, 336; Haberlandt 1886:, 97


Tatsächlich fällt auf, dass die beiden besten Feldforscher (Routledge und Métraux) keinerlei Hinweise erhielten, dass auf den Schrifttafeln Genealogien, Listen der Ariki oder Berichte von einstigen Wanderungen der Bevölkerung enthalten seien 1). Heine-Geldern schließt sich dieser Auffassung an: zwar sei ein sicherer Beweis, dass Tafeln mit Ahnenreihen nie existiert hätten, nicht zu erbringen, doch bestünde umgekehrt auch nicht der geringste Anhaltspunkt dafür, dass es welche gegeben habe — trotz vielfach geäußerter Meinungen in dieser Richtung 2).

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Einen festeren Boden betritt man, wenn die Reihe der Spezialausdrücke für Schrifttafeln in die Untersuchung einbezogen wird. Routledge konnte nicht weniger als 13 verschiedene Themenkreise feststellen, von denen sie leider nur einen Teil veröffentlicht hat 3). Métraux und Englert bringen einige Ergänzungen, die in der folgenden Zusammenfassung berücksichtigt sind.

Der Beginn eines sehr alten Textes ist im Gedächtnis zahlreicher Gewährsleute haften geblieben und lautet:

"he timo te ako-ako, he ako-ako tena" 4) bzw.

"e timo te aku-aku e aku te ná, e te tu e te taha e te herehua, e te paka-paka" 5) bzw.

"he timo te akoako e te tun e te taha e te kuía e te kapakapa e te here hua" 6)

Englert betont, dass keiner der Osterinsulaner eine Übersetzung für den Beginn dieses Tafelgesanges zu geben vermochte 7). Auf alle Fälle handelt es sich um den Rest einer sehr bedeutenden Tradition — nach Ure-Vaeiko um "great old words" — und eine Grundlage des allgemeinen Wissens 8).

Der erwähnte Text beginnt mit einem Wort, das zur Bezeichnung einer bestimmten Art, von Schrifttafeln — der sogenannten "kohau timo" 9) — diente. Bei dem "kohau timo" dürfte es sich um eine "Tafel der Trauer" (nämlich um die Erschlagenen einer Sippe) gehandelt haben, die zum Zwecke der Rache oder als Klagegesang angefertigt wurde. TOP

1) Routledge 1919, 249; Métraux 1940, 395.
2) Heine-Geldern, 1938, 850. Vgl. aber Thomson 1891, 514: "Hotu-matua, the first King, possessed the knowledge of this
    written language, and brought with him to the island sixty-seven tablets containing allegories, traditions, genealogical tablets,
    and proverbs relating to the land from which he had migrated".
3) Routledge 1919, 248.
4) Routledge 1919, 248.
5) Estella 1921, 131 (mit unbrauchbarer Übersetzung).
6) Englert 1948, 322.
7) Sollte es sich um einen Klage-Gesang gehandelt haben? "timo" erscheint häufig im Sinne von "Trauer"; "akoako" ist ein
    archaisches Wort für "beten, rezitieren", und " kapakapa" erinnert an die auf Mangareva gebräuchlichen Kapa-Gesänge bei
    Totenzeremonien.
8) Nach Auskünften, die Routledge gegeben wurden. Vgl. aber hiermit die kritischen Bemerkungen von Macmillan Brown 1925, 90:
    "Ure-Vaeiko was known as a servant of Ngaara the king who died just before the Peruvian raid. But he was declared to be
    ignorant of the script; he was the king’s cook, and often heard the tablets being recited by him, so that with a retentive memory
    he was able to recognise and repeat the hymn or song intended to be brought to memory by it."
9) Routledge’s Bericht: "there is said to have been another (kohau) called Timo, which was the "list” kept by each ahu of its
    murdered men" wird von Heine-Geldern 1938, 848, Anm. 128 kommentiert: "Aus dieser Angabe ist nicht zu entnehmen,
    ob es sich um  Erschlagene handelt, die in dem betreffenden ahu bestattet waren, oder um die Angehörigen einer bestimmten
    Gruppe von Familien, deren Heiligtum das ahu bildete".

Eine ähnliche Aufgabe verrät die Bezeichnung "kohau-o-te-tangata-mate" als "Toten-Tafel" 1).

Verwandt mit dem Inhalt der vorangegangenen Beispiele scheint das "kohau ika" gewesen zu sein 2). Ika, wörtlich der "Fisch", war die Bezeichnung für den Getöteten, den Erschlagenen, das Menschenopfer. Vermutlich erfolgte die Anfertigung der "kohau ika" als magisches Hilfsmittel, um die Blutrache wirksamer zu gestalten; eine Aufgabe, die wohl nur von besonders kundigen Schriftgelehrten gelöst werden konnte 3). Während das "kohau timo" den Gefallenen der eigenen Sippe galt, dürfte das "kohau ika" als Liste für geopferte Feinde aufzufassen sein. TOP

In diesem Zusammenhang ist auch auf das "kohau-o-te-ranga" hinzuweisen. "Ranga" wird als "fugitivo" 4), "Gefangener" 5) und "expulsion" 6) übersetzt. Unzweifelhaft besteht eine Verbindung mit kriegerischen Unternehmungen. So berichtet Routledge von einem bestimmten "kohau-o-te-ranga": "reported to have been brought by the first immigrants; it had the notable property of securing victory to its holders, in such manner that they were able to get hold of the enemy for the ranga, that is, as captives or slaves for manual labour". Auch in diesem Falle ist in dem Schriftdenkmal mehr zu sehen als ein bloßes Mittel für die Überlieferung von Traditionen. Offensichtlich konnte der Besitz einer bestimmten Tafel Kräfte verleihen, etwa um den Feind zu schlagen oder Gefangene zu machen. Bei den häufigen Stammesfehden auf der Osterinsel dürfte sie ein magisches Instrument von hohem Range dargestellt haben.

Englert erwähnt den Ausdruck "kohau manu", ohne angeben zu können, welche Kategorie von Tafeln dadurch bezeichnet wurde 7). Imbelloni vermutet, dass eine solche "Vogel-Tafel" entweder als ein günstiger Zauber für die Ankunft der Seevögel diente oder mit dem "manu"-Gesang in Verbindung stand, von dem Englert schreibt: "canto en que se manifiesta el deseo de matar a una persona o en que se hace confesión del delito cometido" 8). Ungeklärt bleibt auch der Ausdruck "kohau pare" 9). Da "pare" auf ein Tatauierungsmuster bezogen werden kann 10), möchte Imbelloni darin eine Tafel für das Tatauierungs-Ritual erblicken 11). Religiöse Themen bilden den Inhalt der "kohau kiri" 12).

1) Métraux: 1940, 66 und 394.
2) Englert 1948, 321: Los "kohau ika" (de "victimas") trataban de personas muertas en guerras o peleas; 462: tableta con los
    nombres de los caídos en una guerra o pelea.
3) Nach Routledge, 1919, 248, besaß nur ein Schriftgelehrter Kenntnis von dem "kohau ika" ("who taught it to a pupil, and the
    two divided the island between them, the master taking the west and the north coast to Anakena and the pupil the remainder.
    A connected, or possibly the same tablet, was made at the instance of the relatives of the victim and helped to secure
    vengeance").
4) Englert 1948, 462: kohau ranga, tableta con los nombres de fugitivos, desalojados de su domicilio.
5) Heine-Geldern 1938, 847.
6) Métraux 1940, 394.
7) Englert 1948, 321.
8) Englert 1948, 468.
9) Englert 1948, 321.
10) Englert 1948, 483: el tatuaje en los brazos. TOP
11) Imbelloni 1951, 136.
12) Englert 1948, 462 =tabletas de textos religioses (himnos). Die Bedeutung von "kiri" in diesem Zusammenhang ist unklar,
    vgl. Englert 1948, 461 unter "kiri", "kirikiri" und "kirikirimiro".


Eine ausführlichere Fassung lautet "kohau kiri taku ki te Atua" und bezieht sich auf Tafeln, die Gesänge religiösen Charakters zu Ehren von Makemake und anderen Göttern oder übernatürlichen Wesen enthielten, und die mutmaßlich bei den Jahresfesten in Orongo Verwendung fanden 1). Métraux berichtet von einem "kohau kiri tuku ki te atua kia Rarai Hova", was er übersetzt mit "sticks-for-the-invocations-tothe-god-Rarai-Hova" 2). Rarai-Hova war der Name eines der "aku-aku" (niederen Götter oder Totengeister) 3).

Allgemein von einer "Gebetstafel" — "kohau-o-te-pure" — wird anlässlich eines "koro"-Festes berichtet, bei dem eine Frau mit dieser Tafel auf dem Dach des Hauses stand 4). Die Verwendung von Schrifttafeln zu den verschiedensten Festen und zur Rezitation bei bestimmten Riten scheint überhaupt gebräuchlich gewesen zu sein. So wird beispielsweise die Benutzung bei einem "tutia"-Fest erwähnt 5).

Während die bisher angeführten Bezeichnungen für Tafeln der eigentlichen Osterinselschrift gelten, bezieht sich der Ausdruck "kohau ta'u" auf einen anderen Schrifttypus, der zur gleichen Zeit, wenn auch in geringerem Umfange und nur für einen begrenzten Themenkreis, auf Rapanui Gebrauch fand. Der letzte Kenner dieser Schrift war der lepröse Alte Tomenika, von dem Routledge wenige Wochen vor seinem Tode noch einige Auskünfte erhielt. Diese Ta'u-Schrift unterschied sich äußerlich von der klassischen Osterinselschrift durch das Vorherrschen tier- und pflanzenförmiger Symbole, das Fehlen anthropomorpher Figuren und eine spezielle Formgebung der geometrischen Zeichen. Außerdem wurde sie nicht im Bustrophedon, sondern in normaler Zeilenfolge geschrieben. Sie war stets nur wenigen Schreibern bekannt.

Man wird die Ta'u-Schrift als eine Art Annalen auffassen können, mit denen anlässlich von "koro"-Festen die Taten einer bestimmten Person während einer Reihe von Jahren registriert wurden. Für den Inhalt und Aufbau einer solchen "Jahrestafel" ist ein Beispiel bekannt 6). TOP

Aus den Bezeichnungen für die Tafeltypen und deren Verwendung bei bestimmten Anlässen können einige allgemeine Schlüsse gezogen werden, welche Themen den Inhalt der Schriftdenkmäler gebildet haben dürften. Danach hätte man im Wesentlichen folgende vier Motivgruppen zu unterscheiden:

1) Englert 1948, 321.
2) Métraux 1940, 66 und 394.
3) Métraux 1940, 318
4) Heine-Geldern 1938, 849.
5) Métraux 1940, 350, zitiert den Bericht von Eyraud über das "are auti-Fest". Vgl. hierzu die kritischen Bemerkungen bei
    Englert 1948, 302.
6) Erläuterung des Terminus "kohau ta'u" vgl. Englert 1948, 462. Über Tomenika vgl. Routledge 1919, 250–251. Kapieras
    Bericht über den Inhalt vgl. Routledge 1919, 251–252. Diskussion des Zehnjahreszyklus vgl. Heine-Geldern 1938, 878.
    Teaos Bericht über den Anlaß vgl. Englert 1948, 321–322. Zum möglichen Zusammenhang mit dem "také"-Ritus siehe
    Heine-Geldern 1938, 849 (nach Routledge 1919, 248, 266–267).

Allgemeine Bemerkung über das Verhältnis zwischen der klassischen Osterinselschrift und der Tau-Schrift
vgl. Imbelloni 1951, 131–133, Anm. 1.

1. Tafeltexte religiöser Natur, mit denen Makemake und andere Gottheiten besungen wurden
2. Rituelle Tafeltexte anlässlich von Kulthandlungen und Festen
3. Tafeltexte für das Totenzeremonial in der Art von Trauer- und Rachegesängen
4. Tafeltexte zum Fruchtbarkeitszauber 1).

Soweit historische Momente behandelt worden sind, scheinen sie auf die Annalen der Tau-Schrift beschränkt gewesen zu sein 2).

Wenn man die Urteile maßgeblicher Gelehrter aus jüngster Zeit überblickt, so ist man betroffen von der Skepsis und Resignation, die sich lähmend auf die Erforschung der Osterinselschrift gelegt hat. TOP

Hiroa betrachtet die Zeichen überhaupt nicht als Form einer geschriebenen Sprache, sondern als reine Piktographie 3); Métraux gelangt zu dem Schluss "it is possible that the mystery will never be solved, for data are few" 4); Englert schließt sich der pessimistischen Auffassung von Roussel an "no creo que se haya sacado jamás sentido alguno de estos caracteres" 5), und Nevermann meint: "Trotz aller Mühen ist es nicht gelungen, sie zu entziffern, und jeder Versuch dazu wird auch in Zukunft zum Scheitern verurteilt sein" 6).

1) Heine-Geldern 1938, 849.
2) Vgl. auch Barthel 1956c .
3) Buck 1938, 236.
4) Métraux 1940, 392.
5) Englert 1948, 323.
6) Nevermann 1947, 22.

So unbefriedigend die bisherigen Ergebnisse auch sein mögen — dieser Chorus der Hoffnungslosigkeit vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, dass noch keineswegs alle Möglichkeiten für eine Lösung des Problems aufgegriffen, durchdacht und konsequent bis zum Ende verfolgt worden sind.

Zwar sind die Erkundungen unter den Osterinsulanern fast abgeschlossen, und das zur Verfügung stehende Material ist begrenzt; aber unbestritten muss bleiben, dass die Erforschung des graphischen Systems auf den erhaltenen Schriftdenkmälern bis heute in isolierten Ansätzen steckengeblieben ist. Eine nüchterne Bestandsaufnahme der bisherigen Untersuchungen ergibt, dass wesentliche Voraussetzungen für einen ernsthaften Entzifferungsversuch überhaupt noch nicht erfüllt sind.

Wer einen neuen Vorstoß plant, befindet sich in einer schwierigen Lage. Er muss zunächst einmal die wichtigsten Mittel und Werkzeuge selbst schaffen, ehe er den entscheidenden Schritt zur Textinterpretation wagen kann. Dabei sind die zu lösenden Aufgaben nicht neu. Verschiedene Autoren haben klar auf die Erfordernisse der künftigen Forschung hingewiesen; dennoch ist ihr Wunschprogramm unerfüllt geblieben.

Eine zutreffende Beurteilung und begründete Ausdeutung der Osterinsel-Schrift erscheint erst erfolgversprechend, nachdem die unerlässlichen Grundlagen gelegt worden sind. Reihenfolge und Richtung für die notwendigen Schritte ergeben sich zwangsläufig aus der Natur des Untersuchungsgegenstandes:

1. Untersuchungsgegenstand sind die erhaltenen Schriftdenkmäler der alten Osterinselkultur. Sämtliche Fakten ihrer Geschichte und individuellen Eigenschaften müssen gesammelt und kritisch gesichtet werde 1). Bearbeitet in Kapitel 2. TOP

2. Untersuchungsgegenstand sind die graphischen Elemente auf den Schrifttafeln. Die Abgrenzung der Einzelzeichen und die Standardisierung von Varianten führt zu einer Kenntnis des Formenschatzes. Die dabei gewonnenen Typen werden geordnet und nach äußeren Merkmalen auf Typen-Tafeln gruppiert, wo sie bestimmte Kennziffern erhalten. Dadurch wird es möglich, die Texte von den Schrifttafeln "abzulösen" und in Gestalt von numerischen Transkriptionen zu untersuchen 2). Entwickelt in Kapitel 3 und 4.

3. Untersuchungsgegenstand sind die quantitativen Verhältnisse von einzelnen und zusammengesetzten Schriftzeichen. Ein umfassender Katalog ist. anzulegen, aus dessen Vorkommensnachweis Häufigkeit, Verteilung und Kombinationsfähigkeit der Zeichen entnommen werden können 3). Durchgeführt in Kapitel 5.

4. Untersuchungsgegenstand sind die Schriftzeichen in ihrem gruppenhaften Auftreten. Die Suche nach Wiederholungen und Parallelstellen in den Tafeltexten entspricht der Grundregel jeder kombinatorischen Entzifferungskunst 4). Geprüft in Kapitel 6.

5. Untersuchungsgegenstand sind die Schreibregeln, Bautypen und. Häufigkeiten des graphischen Systems 5) und die äußerlich erkennbaren Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Schriftdenkmälern 6).

Kapitel 7 zieht die ersten Folgerungen aus Kapitel 2–6.
Die skizzierten Arbeitsgänge können unbelastet durch verfrühte Deutungen geleistet werden. Ihre Resultate besitzen einen objektiven Werkzeugcharakter. Auf sie gestützt wird eine Stufe erreicht, auf der Interpretationen nun sinnvoll erscheinen. TOP

Der Lösungsversuch füllt den zweiten Teil der Untersuchung aus. Dabei ist der Verfasser bestrebt, die Tafeltexte auf dem Hintergrund der zugehörigen Kultur Altpolynesiens verstehen zu lernen. Erfahrungen mit anderen primitiven Mitteilungssystemen haben gezeigt, wie notwendig es ist, sich bei einer solchen Aufgabe von den Fesseln eines ethnozentrischen Denkens zu befreien. Im Gegensatz zur bisherigen Forschung wird deshalb auf die nur sekundäre "Jaussen-Liste" verzichtet und auf die Originalgesänge des Metoro Tauara zurückgegriffen, dessen Kenntnisse von dem alten Schriftsystem streng überprüft und abgewogen werden müssen 7). Die Auswertung dieser maßgeblichen Quelle erfolgt in Kapitel 8.

Erst dann kann mit zielbewussten Erkundungen der Tafeltexte ein systematischer Angriff auf das Unbekannte beginnen.

1) Heine-Geldern 1938, 894–895.
2) Die Forderung nach einer Zeichenliste wird seit Tylor, Dalton und Lehmann erhoben, vgl. besonders Heine-Geldern 1938, 897
    und Métraux 1940, 394. Ansätze zur Transkription bei Piotrowski 1925, Ross 1940, Lanyon-Orgill 1953;
    detailliert Métraux 1940, 406–408.
3) Wie Anm. 2, ferner Métraux 1940, 401.
4) Zum methodischen Grundprinzip Ross 1940, 559; auch Lehmann 1907, 262.
5) Vgl. hierzu Métraux 1940, 404; "no system can be disentangled from an analysis of the signs".
6) Vgl. Heine-Geldern 1938, 897.
7) Vgl. Heine-Geldern 1938, 898.

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www.osterinsel.de | © Thomas Barthel - Auszüge aus seiner Habilitationsschrift: Geschichtliche Einleitung