Thomas Barthel - Auszüge aus seiner Habilitationsschrift: KAPITEL 17 - Ergebnisse

Thomas Barthel - Auszüge aus seiner Habilitationsschrift: Ergebnisse


Dr. Thomas Barthel - KAPITEL 17: Ergebnisse (ergänzt um Hyperlinks dieser Website)


siehe auch Übersicht der 26 Rongorongo-Tafeln
Thomas Barthel: Die Ergebnisse aus den Rongorongo Schriftzeichen

Der Charakter der Osterinselschrift konnte bisher nur aus dem Gebrauch der Tafeln, dem Erscheinungsbild der Schriftzeichen oder deren vermeintlichen Bedeutungen in der Jaussen-Liste erschlossen werden. Es ist also nicht verwunderlich, dass unterschiedliche Auffassungen und eine widerspruchsvolle Terminologie herrschten, solange konkrete Entzifferungsbelege fehlten 1). Dementsprechend gingen nicht selten bei den Bestimmungsversuchen die typologische Einordnung mit der funktionalen Bewertung durcheinander.

Manche Vermutungen, die im Laufe der Forschungsgeschichte geäußert wurden, stimmen in einigen Zügen mit den Resultaten dieser Arbeit überein. Da sie sich aber auf andere Voraussetzungen stützen, können sie nicht als Beweise, sondern nur als methodisch wichtige Denkleistungen angeführt werden.

Der Charakter der Osterinselschrift äußert sich in folgenden acht Punkten:

1. Die Osterinselschrift gehört nicht mehr auf die Stufe der Piktographie 2), wie beispielsweise eine ganze Reihe indianischer Bilderschriften 3). Sie unterscheidet sich dadurch, daß ihre Formgebung strikten Konventionen folgt und der Schreiber stets an bestimmte traditionelle Ausdrucksmöglichkeiten gebunden ist 4). Nach der Stilisierung ihrer Zeichen kann sie als eine "Konturschrift" definiert werden 5).

1) Der Versuch von Wolff 1937, den Gebrauch einer Silbenschrift vom Akrostichon-Typus für Königsnamen nachzuweisen,
    muß als gescheitert angesehen werden (vgl. auch die Kritik Imbelloni 1951, 118). Die Lesarten von Lanyon-Orgill 1953
    für die Tafeln C und R vermögen sowohl hinsichtlich der Umschrift wie in der Interpretation mit Hilfe der Jaussen-Liste
    nicht zu überzeugen.
2) Jensen 1935, 24: "Darstellung eines ganzen Gedankenkomplexes, der bei Umsetzung in die Sprache ganz verschiedene
    Ausdrucksformen annehmen kann". — Mit Vorbehalt entschieden sich für "Piktographie" Métraux 1940, 403 und
    Linton 1946, 46.
3) Ojibwa, Cuna usw.
4) Schon Philippi 1875, 683: "las figuras son, si no todas, a lo menos en su mayor parte, convencionales". — Dieses Kriterium
    hebt wiederholt hervor Heine-Geldern 1938, 867–868, 908 tmd 1950, 83–86.
5) Vgl. Imbelloni 1951, 147.

2. Die Osterinselschrift verfügt nur über einen begrenzten Bestand von graphischen Elementen. Aus rund 120 Grundbestandteilen können etwa 1500-2000 verschiedene Kompositionen entwickelt werden. Der Aufbau der Schriftzeichen erfolgt nach festen und verbindlichen Regeln für Personifikationen und Ligaturen.

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3. Zu den Grundbestandteilen der Osterinselschrift gehört eine kleine Zahl von typischen Kopfformen, bestimmte Körperhaltungen, die aus einer Pantomimik 1), und charakteristische Handstellungen, die aus einer Gestensprache 2) hervorgegangen zu sein scheinen. Bei den meisten Zeichen für Tiere, Pflanzen und Gegenstände der materiellen Kultur sind die Vorbilder noch mehr oder minder deutlich zu erkennen; jedoch haben verschiedene geometrische Zeichen bereits eine abstrakte Formgebung erlangt.


4. Die Osterinselschrift besteht überwiegend aus Ideogrammen 3), die fest mit einem bestimmten Inhalt verbunden sind. Die konstante begriffliche Zuordnung gilt nicht nur für viele Personenzeichen, sondern auch für einen großen Teil der geometrischen Elemente. Einige Ideogramme können mehrere Bedeutungen umschließen; in solchen Fällen handelt es sich um verwandte Begriffe, die von der bildhaften Qualität eines Zeichens abgeleitet wurden 4).


5. In der Osterinselschrift vollzieht sich die Symbolbildung nach verschiedenen Prinzipien:

a) Farbqualitäten werden durch Objekte bezeichnet, für welche die betreffende Eigenschaft typisch ist: "weiß" (tea) durch einen Strick (hau tea), "rot" (kura) durch den heiligen Vogel (manu kura) , "gelb" (renga) durch die Wurzel der Curcuma longa (pua renga).

Rongorongo Zeichen 17 + 79b) Andere Eigenschaften kommen in der Zeichengebung selbst zum Ausdruck: "krumm" (viri) durch das gekrümmte Zeichen 79, "zerschnitten" (koti) durch das geteilte Zeichen 17, "schlafend, tot" (moe) durch den gesenkten Vogelkopf vom Typ 660/670.

Thomas Barthel - Rongorongo-Zeichen 660-670
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c) Übernatürliche Mächte können durch ihre charakteristischen Merkmale oder Erscheinungsformen vertreten werden. So wird "Tiki—Makemake" durch einen Schädel, "Tu" durch die Einäugigkeit, "Ru" durch einen Buckligen und die Idee "tapu" durch einen Zweig mit Blättern symbolisiert.

d) Es können auch poetische Umschreibungen gebraucht werden, wie "Schmuck" für den Erstgeborenen oder "Blüte" als Symbol der Frau 5).

Rongorongo-Zeichen Nr 15Rongorongo Zeichen 381e) Figürliche Redewendungen erscheinen als "geschriebene Metaphern". Das Bild von zwei Stäben im Zeichen 15 gibt mit "tokorua" den Begriff "Zwillinge" wieder, während Zeichen 381 — formal ein essender Sänger — die Phrase "he-kai i te rongorongo" für Tafelrezitieren ausdrückt.

1) Vgl. auch Handy 1927, 210.
2) Vgl..auch Imbelloni 1951,139.
3) Definition Jensen 1935, 32, 37 ("Wortbildschrift"). — Vermutungen über Ideenschrift u.a. bei Haberlandt 1886, 99;
    Dalton 1904; Knoche 1925, 245; Heine-Geldern 1938, 868.
4) Zeichen 1 gibt einen Stab wieder und kann dementsprechend sowohl als "toko" wie als "kohau" gelesen werden; die vom
    Körper fortgerichtete Hand 6 vermag die Tätigkeiten "geben" (avai) und "schlagen" (rutu) auszudrücken; das Zeichen 8
    kann auf "Sonne" (raa) oder ,;Feuer" (ahi), vielleicht auch auf "Stern" (hetuu) bezogen werden.
5) Vgl. für Hawaii Elbert 1951, 346: "richly elaborated figurative language ... A bride is a flower, a child a lei ...".

6. Abgesehen von mehrdeutigen Ideogrammen besitzt jedes Zeichen der Osterinselschrift seinen festen Lautwert. Solche phonetischen Qualitäten erlauben die Wiedergabe von Namen wie "Rangi-tea", "Atua Ruanuku" usw. Darüber hinaus kann der Schreiber den großen Reichtum der polynesischen Sprache an Homonymen ausnutzen, um mit Hilfe des Rebusverfahrens neue Begriffe einzuführen. Einige Beispiele sollen diese Methode verdeutlichen.

Th. Barthel - Rongorongo ZeichenZeichen 25 stellt formenkundlich eine aufgeklappte Muschel mit dem Lautwert "pure" dar. Als Rebus gelesen hat es aber die Bedeutung "Gebet". Zeichen 87, das große Tanzpaddel "ao", kann auch für "Herrschaft, Sieg" stehen; Zeichen 45, das kleine Tanzpaddel "rapa", auch für "Glanz". Zeichen 22f, "tapa", gilt nicht nur für den Baststoff, sondern auch für die Tätigkeit des Zählens. TOP

Rongorongo Zeichen 74 hua - Frucht - SohnRongorongo Grafik 700 - Fisch - MenschenopferBei manchen Rebusschreibungen handelt es sich um übertragene Bedeutungen, wenn etwa Zeichen 74f, "hua", nicht nur für "Frucht", sondern auch für den "Sohn"; Zeichen 700, "îka", nicht nur für den "Fisch", sondern auch für "Menschenopfer" gebraucht wird.


7. Es ist nicht möglich, durch die Osterinselschrift einen gesprochenen Satz vollständig mit allen grammatikalischen Partikeln wiederzugeben. Insofern handelt es, sich um ein "embryo-writing". Der Schreiber musste die Kernbegriffe auswählen und damit die Fassung der mündlichen Überlieferungen auf eine Art Telegrammstil reduzieren. Abgesehen von dem Wechsel zwischen Handlungsträger, Aktion und Objekt ist eine Syntax nur durch die Zeichenfolge gegeben 1). Die Tafeln enthalten ganze Reihen von Stichwörtern, deren Verband seinen eigenen Mitteilungswert besitzt. Als "Merkworte" für die weit ausführlicheren Gesänge erfüllen solche kondensierten Texte zugleich eine mnemotechnische Funktion. Es wäre jedoch verfehlt, wegen dieser Aufgabe die Osterinselschrift mit einer bloßen Gedächtnisstütze gleichzusetzen 2). Tatsächlich verfügt sie über alle Merkmale einer primitiven Schrift und zeigt den Gebrauch komplexer Ausdrucksmittel.


8. Schließlich dienen in der Osterinselschrift die Lautwerte von einzelnen Zeichen dazu, um mit phonetischen Mitteln längere Ausdrücke wenigstens teilweise wiederzugeben. Wie in Kapitel 8 gezeigt werden konnte, beruhen die Beziehungen zwischen einem vollständigen Gesang und seiner Tafelfassung auf dem Prinzip der "partiellen Lautandeutung" 3).
Rongorongo Zeichen 22  - tapaIn Texten, wo auf das Ideogramm "König" das Zeichen 22f mit der Lesart "tapa" folgt, kann aus einer Kenntnis der sprachlichen Gebräuche erschlossen werden, dass es sich hierbei um eine partielle Lautandeutung für "tapairu", Königin, handeln muss. In den meisten Fällen aber dürfte es nicht gelingen, lautandeutende Formen zutreffend zu ergänzen. Diese Eigentümlichkeit stellt wohl das größte Hindernis für eine Lösung der Tafeltexte dar. TOP

1) Erschwerend wirkt ferner, daß bei zusammengesetzten Formen die Reihenfolge, in der die Einzelelemente zu lesen sind,
    nicht unbedingt mit der räumlichen Anordnung übereinstimmt. — Zur Syntax vgl. Haberlandt 1886, 99: "... eine Schrift,
    die noch keineswegs zur genauen Wiedergabe eines grammatisch-artikulierten Denkens geeignet ist ... würde aber die
    Eignung besitzen, einen Sprachstoff ... wo die einzelnen Elemente der Anschauung ... ohne grammatische Beziehung
    aufeinander, lediglich durch eine feste Art der Verknüpfung und Anordnung miteinander zum Ausdruck eines mehrgliedrigen
    Gedankens verbunden sind, schriftlich wiederzugeben". Vgl. hiermit auch Knoche 1925,245.
2) So Ray 1932, Lavachery 1935, 60; Métraux 1940,403; Nevermann 1947, 22 usw.
3) Vgl. Métraux 1940, 404.

Als Definition für die klassische Osterinselschrift soll vorgeschlagen werden:

Ein konventionelles Mitteilungssystem mit einem begrenzten Zeichenschatz, der durch regelgebundene Zusammenstellungen erheblich ausgeweitet werden kann. Oberhalb der Stufe bloßer Piktographie: eine Mischung von ein- und mehrdeutigen Ideogrammen, verschiedenen Graden der Symbolbildung und phonetisch zur Namens- und Rebusschreibung gebrauchten Wortzeichen. Durch Textkondensation und partielle Lautandeutung ist das Verständnis erschwert, aber nicht unmöglich gemacht.

Die Texte auf den "kohau rongorongo" sind nur in der Sprache verständlich, aus deren Gesängen sie als Stichworte gewählt und in graphische Elemente verwandelt wurden. Soweit bisher erkannt werden konnte, handelt es sich um das Polynesische in einer Form, die dem Idiom der Osterinsel sehr nahe steht. Zum Verständnis gewisser Begriffe, Titel oder Metaphern müssen jedoch auch verwandte Dialekte, beispielsweise von Mangareva, den Tuamotu-Inseln und Neu-Seeland, herangezogen werden.

Die genauere philologische Bewertung bleibt späteren Phasen der Entzifferung vorbehalten; dann können vielleicht Fragen des Bedeutungswandels geklärt und figürliche Redewendungen in ihrem vollen Sinngehalt erfasst werden. Besonders in einem umfassenden und vergleichenden Studium der Semantik bestimmter Wurzelformen dürften für den Sprachwissenschaftler reizvolle Zukunftsaufgaben liegen.

Innerhalb der beschränkten Ausdrucksmöglichkeiten einer textkondensierenden und manchmal nur lautandeutenden Schrift sind einzelne Besonderheiten grammatischer und poetischer Natur schon jetzt zu erkennen.

Mit Hilfe von ausgewählten Beispielen sollen typische Züge im Textaufbau der "kohau rongorongo" verdeutlicht werden.

In vielen Fällen bilden einige Schriftelemente kurze Sätze; daneben nehmen Aufzählungen der verschiedensten Art einen breiten Raum ein. Das Zusammentreten von Handlungsträger, Aktion und Objekt lässt sich durch zwei Beispiele illustrieren: TOP

"tangata haka hahau pito" 1)
"tangata moe mata honu" 2)

Nicht selten kann beobachtet werden, daß ein konstanter Begriff im Text nacheinander mit zwei verschiedenen Aussagen erscheint; die Typen "abac" oder "baca" lassen sich mehrfach belegen:

"poki raa / poki rangi" 3)
"tangata papa / tangata vai" 4)
"atua toki / Tane toki" 5)
"viri tea / marama tea" 6)

1) Gv1: 205-113, "Der Mann knotet die Nabelschnur."
2) Cb13: 663-280, "Der Mann träumt von der Schildkröte".
3) Ab8: 91-8-91.9, "Kind der Sonne, Kind des Himmels".
4) Aa2: 200-11-200-70. Eine der möglichen Übersetztmgen lautet: "Des Mannes Abstammungslinie, des Mannes genealogischer
    Gesang".
5) Br6: 290.63-755-63, "Das Götter-Beil, Tanes Beil".
6) Ab1: 79-5:42-5, "Das Rollende ist weiß, der Mond ist weiß".

Die Abart "ababc" wiederholt eine Kurzfassung durch eine ausführlichere Version:

"taura rei / taura rei tea" 1 ) TOP

Ein bestimmter Begriff kann ferner dadurch variiert werden, dass bedeutungsgleiche Ausdrücke oder Beinamen und Titel für ihn eintreten. Mit einem "umschreibenden Verfahren" lässt sich die Länge von Texten und möglicherweise auch deren Rhythmus verändern. Die Wahlmöglichkeit führt zugleich eine gewisse poetische Freiheit ein; denn wenn ein "normales" Wort durch bildhafte Synonyma vertreten werden konnte, vermochte sich in den Texten der Reichtum der Sprache voller zu entfalten.

Rongorongo Zeichen 99 - atarikiFür die Wiedergabe des Begriffes "Erstgeborener" genügt an und für sich das Zeichen 99 (atariki). In poetischer Rede oder bei längerer Behandlung eines Themas 2) konnte der Schreiber mit mehr oder minder Geschick auch andere Bezeichnungen wählen. Von den zur Verfügung stehenden Alternativen wurden bisher "rei" 3), "rei kura" 4), "tama tapu" 5) und "tama ao" 6) erkannt.

Das umschreibende Verfahren kann größere Ausmaße erreichen. So lautet eine Aufzählung sinnverwandter Begriffe, die von beträchtlichem historischem Interesse sind 7):

"taura toko / tangata rangi tea / rongorongo henua kura"

Mitunter kommen Zeichenpaare in einer stereotypen Reihenfolge vor. Solche Bigramme entsprechen formelhaften Wendungen, die aus begrifflichen oder anderen Gründen eine Umkehrung nicht gestatten. Beispielsweise geht das Symbol für den "König" stets dem lautandeutenden Zeichen für die "Königin" voran:

"ariki—tapa (iru)" 8)

oder es wird das "Muschelhorn" stets vor dem "Trommelschlagen" genannt:

"pu—rutu te pahu" 9)

Die Abwandlung eines bestimmten Themas ist oft an leitmotivischen Zeichen zu erkennen 10). Verschiedene tabuierte Handlungen werden hintereinander aufgezählt 11) : TOP

"tangata pure tapu / rutu rongorongo tapu / kai tapu"

1) Aa3: 300.7-300.7-5.
2) Solche Synonyma werden besonders auf dem Santiagostab gern nebeneinandergesetzt (vgl. Kapitel 12 und 13).
3) Zeichen 7, "Schmuck".
4) 7-600, "kostbarer Schmuck".
5) 90.76-V71, "der heilige Knabe".
6) 90.76-87, "der Herrschafts-Knabe".
7) Br10: 300.1-590.5-380.50-600 "Der Priester des Götterbildes Der Mann von Ra'iatea Der Sänger von Henua-kura".
8) Vgl. Kapitel 8.
9) Vgl. Kapitel 15.
10) Zu "toki"-Gesängen und "maro"-Gesängen vgl. Kapitel 15.
11) Aa2: 200-25’71-386-71-61’71 "Für den Mann ist das Beten tabu, das Tafelrezitieren tabu, das Essen tabu".


Andere Texte arbeiten gern mit Wiederholungen:

"Tane kai rongorongo 1)
Tane kai rongorongo
Tane avai hua"

"avai tangata 2)
avai tangata
haka lka
haka ika
kai ika" TOP

Von einem "Zählen" im wissenschaftlichen Sinne kann nur bei der Passage für die verschiedenen Nächte des synodischen Monats gesprochen werden. Hiervon sind zwei "Tendenzen zur Mehrfachbildung" zu unterscheiden, in denen sich eine symbolische Bewertung der Zahlen 8 und 10 verrät:

Eine "Achtfachbildung" ist bei den strophenartigen Unterabschnitten auf Schriftdenkmal A zu erkennen: Dort wird in den Zeilen Aa7, Aa8 und Ab1 je achtmal der Refrain "toko rangi-tea" gesetzt. Offenbar war ein Beweggrund durch den historischen Namen "Rangi-tea" gegeben; denn dessen achtmalige Wiederholung in jeder Zeile musste an den Namen "Ra'iatea nui e vau" (Ra'iatea of eight districts) erinnern 3). Als Symbol des Octopus spielte die Zahl 8 in den Gesellschafts- und Marquesasinseln eine bedeutende Rolle; anscheinend war etwas davon nach Rapanui gelangt 4).

Auf den Zusammenhang zwischen einer "Zehnfachbildung" und dem Tawhaki-Zyklus wurde bereits hingewiesen 5). Ein weiterer Text mit dem Leitmotiv "to'a" kommt in zehnfacher Abwandlung in der "Großen Tradition" vor. Sollte hier eine Verbindung mit einer Institution von Tahiti anzunehmen sein 6)? Auf der Osterinsel kommt sonst ein dekadisches Prinzip bei der Nummerierung der Jahre von 1 bis 10 zum Ausdruck 7).

1) Hv4: 755-381fy-755-381fy-755-6.74f, "Für Tane einen Gesang rezitieren, für Tane einen Gesang rezitieren,
    Tane Früchte darbringen".
2) Vgl. Kapitel 14.
3) Henry 1928, 192. Vgl. auch p. 120 über Feoro (das alte Marae von Havai'i, das später in Taputapu-atea umbenannt wurde):
    "to it were attached eight memorial stones which represented eight kings who had reigned over the land, and which
    became eight symbols of the royal insignia of the kings and queens in long succession afterwards", sowie p. 89 über
    Moorea als "Aimeo i te rara varu" und "Fe'e".
4) Handy 1927, 129: "The number eight and the octopus which it symbolized were prominent features in the symbology
    of the Society Islands ... In the Marquesas an octopus, or if one could not be obtained, a taro root with eight rootlets was
    used ceremonially in certain rites". — Für die Osterinsel vgl. Routledge 1919, 246: "When the function was over, the Ariki
    stood on a platform borne by eight men, and addressed the rongorongo men on their duties".
5) Vgl. Kapitel 10.
6) Handy 1930, 48: "In southeast Tahiti (private) councils (of the Arii and his immediate associates) sat always in a house
    named "Tahuna-i-ahuru" (Secret-of-ten), which suggests that originally this was a council of ten which sat in secret.
    The whole personnel is unknown beyond the fact that these meetings included the Arii himself, his priest, and his
    chief warrior ".
7) Routledge 1919, 251. TOP

Da eine Trennung der einzelnen Gesänge durch besondere Satzzeichen im Allgemeinen fehlt, können Abgrenzungen nur durch Parallelstellen erkannt werden. Dabei stellt sich heraus, dass gewisse Formeln am Anfang oder am Ende von Unterabschnitten bevorzugt wiederkehren. So lautet ein typischer Auftakt zu Gesängen beispielsweise 1):

"avai taura maro"

Noch größeres Gewicht besitzt eine Phrase, die gern an den Beginn eines Tafeltextes gesetzt wird:

"toko rangi Tane ha.ka henua tea" 2)

Mit den einleitenden Worten vom Gott Tane, der den Himmel aufrichtete, wird gleichsam ein Rückgriff auf die Urzeit vollzogen. Ein solches Verfahren — an den mythischen Beginn der Welt anzuknüpfen — kann als charakteristischer Zug vieler polynesischer Gebete und Zaubersprüche nachgewiesen werden 3).

Eine ausgeprägte Neigung zur Refrainbildung ist auf mehreren Tafeln unverkennbar. Für die Untergliederung und Analyse eines Textes sind bestimmte Zeichengruppierungen am Ende verschiedener "Strophen" wertvolle Hilfsmittel. Zwei besonders häufige Beispiele gelten.

"toko rangi tea" 4) und
"ahu moa(i?) vaka rongorongo" 5)

Die Texte auf den Schriftdenkmälern der Osterinsel zeigen nicht nur in der Wahl ihrer bildhaften Ausdrücke, sondern stellenweise auch in der lautlichen und rhythmischen Komposition echte dichterische Qualitäten. Eine Freude am Spiel mit ähnlichen Klangwerten kann sich bis zu Alliterationen steigern, wie der Name eines "kohau rongorongo" beweist 6)

"tapa tapu / toki toko" TOP


Bestimmte Eigentümlichkeiten polynesischer Gesänge 7), wie Repetition und begriffliche Paarbildung 8), kommen manchmal in den Tafeltexten zum Ausdruck. Als Beispiel sei die Einsetzung des Königspaares durch die heilige Seeschwalbe angeführt 9) :

"
manu tara haka ariki
manu tara haka tapa haka
ika haka ua
moa rua"

In solchen Passagen schimmert noch etwas von der ursprünglichen Schönheit der gesungenen Hymnen durch.

1) 306.3, "Der Priester bringt Federgirlanden dar", vgl. Kapitel 15.
2) Vgl. hierzu Kapitel 11.
3) Handy 1927, 293; Hiroa 1950, 490 (Beispiel für ein Karakia): "... commences with a classical reference to Nuku (Earth)
    and Rangi (Sky)", 496: "In generating a ritual fire, the composition may commence with a reference to the first mythical
    fire and the classical allusion may be enhanced by naming the two fire sticks used in that ceremony ... The process of
    separation in the divorce of husband and wife is appropriately likened to the separation of Earth and Sky ..."
4) 1.9:5, "Das Götterbild von Ra'iatea".
5) 4.430-22.380y, "Das Grab mit Statuen(?), das Sänger-Kanu".
6) Ev3: (380.1)-22f.71-63.1-(380.1).
7) Eine instruktive Analyse der Gesangstypen von Mangareva gibt Hiroa 1938, 384–386.
8) Vgl. Elbert 1951 über hawaiische Stilmerkmale.
9) Ev4: 405s-522f-405s-22f-l0.700-10.53-430-430. "tapa" ist die Lautandeutung für "tapairu" . TOP

Durch die neuen Entzifferungen wird zum ersten Male die Thematik der "kohau rongorongo" aus den Texten selbst erhellt. Es stellt sich heraus, dass die Tafeln weitgehend einen unhistorischen Inhalt besitzen. Berichte über ein politisches Geschehen sind in ihnen ebenso selten wie genealogische Verzeichnisse. Diese Lücke ist wahrscheinlich kein Zufall. Sie dürfte zum Teil damit zusammenhängen, daß für die Niederschrift von Annalen das "ta'u"-System benutzt wurde. Darüber hinaus scheinen die klassischen Schriftdenkmäler einen mehr oder minder sakralen Charakter besessen zu haben. Ein sehr bezeichnender Zug der Inschriften ist gerade ihre "Zeitlosigkeit"; an vielen Stellen gewinnt man deutlich den Eindruck, daß es sich um Anweisungen für bestimmte wiederkehrende Situationen handelt. Aussagen über Zeremonien scheinen in manchen Texten wie zu einem Kompendium geordnet worden zu sein. Nicht leicht davon zu unterscheiden sind Abschnitte mit Stichworten für Rezitationen und Gesangszyklen, während andere Zeichenfolgen eher als zauberische Beschwörungen verstanden werden können.

Religiöse Motive kehren häufig in den Inschriften wieder. Eine besondere Überraschung brachte die Erkenntnis, dass an der Spitze des Pantheons in der alten Osterinsel-Kultur der Gott Tane gestanden haben muss. Über diesen großen Gott der "Palaeo-Polynesier" 1) fehlten Angaben für die Osterinsel bisher ganz. Wahrscheinlich ist das Schweigen der mündlichen Überlieferung daraus zu erklären, dass Tane als eine ausgesprochene Priestergottheit vor dem einfachen Volke geheim gehalten wurde 2). Gegenüber Tane tritt sogar die bekannte Gestalt des Makemake zurück, jenes Gottes, der als lokale Erscheinungsform für den ersten Menschen "Tiki" verstanden werden kann. Von den anderen großen Gottheiten Altpolynesiens sind vor allem Tu und Ruanuku zu erwähnen, während das Vorkommen von Tangaroa bisher noch nicht nachgewiesen werden konnte.

Die meisten Abschnitte in den Tafeltexten behandeln rituelle Praktiken. Es werden Handlungen der Priester und anderer Personen beschrieben, die sich von Gebeten über die verschiedenartigsten Darbringungen bis zu Menschenopfer und Kannibalismus erstrecken. Außerdem kehren Todesmotive von Trauer und Blutrache häufig wieder. TOP

Zur Verdeutlichung sollen zwei längere Passagen dienen, die das priesterliche Gebet und eine mit Musik verbundene Anrufung des Gottes Tane behandeln. Als Muster für eine, nach der Textgliederung zu urteilen, vollständige Gesangsstrophe kann angeführt werden 3):

"Der Priester der Gottheit zählt die Gebete
Für das Götterbild von Ra'iatea"

1) Stimson 1933, 119.
2) Die Verhältnisse auf Hawaii, wo "Kane" (=Tane) für das einfache Volk tabu war, legen diesen Schluß nahe.
    (Vgl. Beckwith 1932, 18, 56).
3) Ab7: taura atua tapa pure toko rangi tea.


Ein anderer Abschnitt lautet 1) :

"Muschelhornblasen und Trommelschlagen
Für den kostbaren Schmuck,
Für den Erstgeborenen der Erde,
Für die Stütze des Himmels
Tane"


Manche Inschriften beziehen sich auf Fruchtbarkeitsmotive; vor allem der Text des Santiagostabes behandelt mit aller Deutlichkeit Fragen der Zeugung, Geburt und Reife und hängt eng mit Bräuchen für die Initiation des erstgeborenen Sohnes zusammen. Bezeichnenderweise werden in den Tafeltexten Mädchen fast nie erwähnt; Frauen nur dann, wenn es sich um eine spezifisch weibliche Thematik handelt. TOP

Außerordentlich bedeutsam ist die Tatsache, dass gewisse Schrifttafeln Verzeichnisse von anderen Schrifttafeln enthalten. Mit dieser Erkenntnis wird eine ganz neue Perspektive gewonnen, um längst verlorengegangene Schriftdenkmäler noch nach deren Namen oder Einsatzworten zu bestimmen. Solche Listen haben gewissermaßen einen "bibliographischen" Charakter.

Manche Rezitationen berühren ausgesprochene Märchenmotive 2) :

"kai rongorongo tokorua raa marama"


Die Tafelnamen in den Listen beziehen sich entweder auf die Anfangsworte für einen Gesang 3):

"tangata rere marama rutu te pahu ûa"

oder setzen als Titel einen Namen, beispielsweise von einem Gott 4):

"atua toko to'a"

1) Sa7: pu rutu te pahu rei kura atariki hemm toko rangi Tane.
2) Db5: "Einen Tafelgesang rezitieren für die Zwillinge Sonne und Mond".
3) Ev5: "Der Mann fliegt zum Mond, Trommelschlagen für den Regen".
4) Vgl. Kapitel 11.


In Kapitel 1 konnten gewisse Hauptthemen aus den Beziehungen für bestimmte Schrifttafeln und aus den Anlässen ihrer Verwendung erschlossen werden. Wie die Entzifferungsergebnisse zeigen, lassen sich die Inschriften den vier überlieferten Kategorien TOP

"Götter", "Ritual", "Tod" und "Fruchtbarkeit"

genau zuordnen.

Das kulturelle Inventar der Tafeltexte lässt sich nach zwei Richtungen auswerten: Einmal für die alte Kultur der Osterinsel, zum anderen — worauf später einzugehen ist — für parallele Erscheinungen auf anderen polynesischen Inseln.

Die lokalen Traditionen sind an verschiedenen Merkmalen nachzuweisen: An dem Gebrauch von bestimmten, für die Osterinsel typischen Ethnographica, wie Obsidianspitze, Tanzpaddel, Brustschmuck und gewisse Arten des Federkopf-putzes; in Anrufungen für die örtliche Gottheit Tiki-Makemake, oder in den besonderen Namen für die Nächte des synodischen Monats. Ortsspezifisch scheinen ferner Hinweise auf die eigentümlichen Hühnerhäuser und gewisse Initiationsriten gewesen zu sein.

Mit besonderer Spannung wird man die Inschriften nach Auskünften über umstrittene Probleme der Osterinsel, wie den Vogelkult von Orongo, die großen Steinstatuen und die geschnitzten Holzfiguren durchmustern.

Leider ist das Resultat hierfür recht mager. Immerhin kommt die Bewertung der Seeschwalbe als eines übernatürlichen Vogels zum Ausdruck, und auch der "tangata manu" taucht in einigen Tafeltexten auf. Mögliche Zusammenhänge mit dem Vogelkult zeichnen sich ab in Textstücken wie:

"avai hua ariki paka ariki hare manu tara" 1)
"rere tangata manu rere manu tara ariki" 2)


Nur dürftig sind Anhaltspunkte für die Skulpturen. Lesarten wie "abu moai" (für eine mit Statuen besetzte Grabterrasse) und "moai kavakava" (für die skelettartigen Nachbildungen der Totengeister) 3) sind noch ebenso vorläufig wie kurze Hinweise auf historische Ereignisse der Osterinsel, etwa das Umstürzen der Steinköpfe 4). Soweit sich der Inschriftenbestand übersehen lässt, besteht wenig Hoffnung, daß hierfür in Zukunft nennenswerte Ergänzungen zu erwarten wären. TOP

1) Ob 5/6, "Früchte-Darbringen für den Adligen, für den König, im Hause der Seeschwalbe" (Orongo ?).
2) Er7, "Der Vogelmann läuft, die Seeschwalbe fliegt zum König".
3) Vgl. Kapitel 14.
4) Vgl. Kapitel 13.

Obgleich also die Tafeltexte zur Frage der großen Steindenkmäler kaum beizutragen vermögen, enthalten sie doch wertvolle Hinweise für die ethnohistorische Einordnung der Osterinselkultur. Zur Behandlung dieser Frage soll etwas weiter ausgeholt werden.

Das Problem von Herkunft und Entstehung der Osterinselschrift ist bisher nicht geklärt worden. Man hat die "kohau rongorongo" vielfach als Nachahmung hochkulturlicher Vorbilder und unvollkommene Kopie entwickelterer Schriften angesehen. Demgegenüber muss betont werden, dass beim gegenwärtigen Erkenntnisstand jeder direkte Zusammenhang mit bestimmten graphischen Systemen von Süd- oder Ostasien noch unbewiesen ist; ebenso wenig lassen sich klare Verbindungslinien zur Neuen Welt ziehen. Bis heute fehlen überzeugende Belege dafür, daß sich in der Osterinselschrift etwa die Verfallsform (oder gar die Vorstufe) eines extrapolynesischen Schrifttypus verkörpert. Formähnlichkeiten decken sich fast niemals mit den Bedeutungswerten, ganz abgesehen von den besonderen Regeln der Zeichenvergesellung und der Einbettung in die Sprache und Kultur Polynesiens.

Während einerseits kein zwingender Grund besteht, mit einer Degenerationstheorie zu arbeiten, entsprechen andererseits die typischen Merkmale der Osterinselschrift sehr wohl einer schöpferischen Leistung, wie sie auf einer bestimmten Stufe vollbracht werden konnte. In Polynesien findet man genügend Beispiele dafür, dass mnemotechnische Hilfsmittel der verschiedensten Art eine Rolle bei der Weitergabe mündlicher Traditionen zu spielen begannen. Die Erfindung einer primitiven Schrift könnte den Höhepunkt unter einer Vielzahl von tastenden Ansätzen dargestellt haben; jedenfalls wurde dieser Schritt nicht in einem Vakuum, sondern auf einem geistig vorbereiteten Boden vollzogen. TOP

Es darf als gesichert gelten, dass die Osterinselschrift auf Stäben ("kohau") entwickelt wurde, die bei der Rezitation von Gesängen ("rongorongo") Verwendung fanden 1); die Namengebung der Schriftdenkmäler ist ein klarer Beleg dafür. Außerdem lässt sich die furchenwendige Anordnung der Textzeilen zwanglos aus einer Schreibfläche von so besonderen Bedingungen erklären, wie sie durch die zylinderförmige Oberfläche eines Stabes gegeben sind. Wenn der Schreiber eine Reihe von Zeichen hintereinander in den Stab geritzt hatte und am Zeilenende noch Text übrig blieb, lag der einfache Wechsel in der Schreibrichtung näher als ein unvermitteltes Abbrechen mit neuem Start an dem weit entfernten Anfang des Stabes. Ein Wenden in umgekehrte Richtung schloss zugleich Zweifel über die Fortsetzung des Textes aus. Die Zeilenanordnung im Bustrophedon stellt das Ergebnis einer Schriftentwicklung auf hölzernen Stäben dar; diese Genesis ist wesentlich einleuchtender als die Erklärungsversuche von Röder und v. Königswald 2).

Einfache und verzierte Stäbe stellten in Polynesien Abzeichen der verschiedensten Art dar: sie dienten als Herrschaftsembleme oder wurden durch den Gebrauch beim Taktschlagen zu zeremoniellen Attributen der Sänger. In anderen Fällen entwickelten sie sich zu Merkstäben. Dazu gehört sowohl das Abzählen von kleinen Stäben bei der Rezitation von langen Gebeten 3) wie Stäbe mit Kerben nach Art der neuseeländischen "rakau-whaka-papa".

Außer Stäben gab es noch andere Mittel zur Stützung des Gedächtnisses. Im ganzen pazifischen Raum, von Asien bis nach Südamerika, war die Verwendung von verschiedenartigen Knotenschnüren für mnemotechnische Zwecke verbreitet. Polynesische Belege sind für Hawaii und die Marquesasinseln gesichert, für Neu-Seeland und die Cookinseln indirekt erschlossen 4). In der Südostgruppe der Marquesas dienten Bündel von Knotenschnüren den Priestern als Gedächtnisstütze für das Memorieren von Vorfahrennamen 5) sowie zum Behalten von Liederversen oder Sätzen. In allen Fällen handelt es sich um ein bloßes Abzählen, nicht aber um eine Erläuterung der individuellen Bedeutungen 6). TOP

1) Prinzipiell gleiche Auffassung Buck 1938, 237-238; Métraux 1940, 404.
2) Röder (1944, 478) führt die Zeilenanordnung auf das abwechselnde Singen von zwei gegenüberbefindlichen Personen
    zurück. Träfe das zu, so müßten Koppelungen von Zeilenpaaren (bzw. im Verhältnis der geraden zu den ungeraden Zeilen)
    auftreten, die als Opposition oder Ergänzung auf gleiche oder verwandte Themen bezogen wären — was nicht der Fall ist.
    — Ebensowenig befriedigt der Versuch v. KönigswaIds 1951, 35, die wechselnden Positionen der Schriftzeichen von
    spiegelbildlichen Darstellungen abzuleiten. Die mit Fuß oder Kopf aufeinander orientierten Zeichen in Nachbarzeilen sind
    nicht in einem einzigen Fall symmetrisch um die Achse der Zeilengrenze angeordnet.
3) Handy 1927, 200; Hinweise Métraux 1940,405.
4) v. d. Steinen Bd. II, 63–66.
5) Im Prinzip also mit der Funktion der neuseeländischen Kerbstöcke für Genealogien vergleichbar.
6) Selbst die höchstentwickelte Knoten"schrift", die Quipus des alten Peru, reichten nicht über eine statistische Verwendung
    hinaus; Hilfsmittel, wie die Gruppierung der Schnüre, Farbe der Stränge oder Form der Knoten, blieben nicht-konventionelle
    Gedächtnisstützen für beliebige Einheiten.

Während Hinweise auf Knotenschnüre für die Osterinsel fehlen, fand dort das "kaikai" (Fadenspiel) eine interessante Verwendung, die es eng neben die "kohau rongorongo" stellt. Nach Berichten der Eingeborenen wurden nämlich in den alten Schreibschulen am Anfang des Unterrichts Tafelgesänge zu charakteristischen Fadenspielfiguren eingeübt 1). Es handelt sich hier um den Spezialfall einer in ganz Polynesien üblichen Praxis, eine Fadenspielfigur mit einem Objekt oder Ereignis aus der Mythologie zu koppeln, und die Abwandlungen in eine Reihe weiterer Figuren mit bestimmten Namen zu belegen 2). Die Fadenspiele der Osterinsel haben die Schriftkenntnis überlebt; obgleich die zugehörigen Gesänge oft unverständlich geworden und zu Kinderversen abgesunken sind, können in ihnen mitunter noch Bruchstücke alter Traditionen aufgespürt werden. Auf die Entwicklung der Schrift allerdings scheint das Fadenspiel keinen größeren Einfluss ausgeübt zu haben; seine Figuren blieben vorwiegend pädagogisches Hilfsmittel zum Erlernen von Gesängen 3).

Die in Polynesien vorhandenen Hilfsmittel zur Gedächtnisstütze — Merkstab, Knotenschnur und Fadenspiel — erklären allerdings noch nicht, wie der einmalige Schritt zu einem besseren Mitteilungssystem gelang. Rückschlüsse auf die Genesis der Osterinselschrift lassen sich nur am erhaltenen Schriftgut selbst ziehen. TOP

Zunächst muss entschieden werden, ob es sich um eine lokale Erfindung oder um ein mitgebrachtes Kulturgut handelt. Diese Frage ist nicht müßig, weil die Osterinselschrift einige Symbole — in erster Linie von Pflanzen — enthält, die nicht ohne weiteres von einheimischen Vorbildern abgeleitet werden können. Die Schriftzeichen für die Wurzel des Kawa-Strauches, den Brotfruchtbaum und wahrscheinlich auch für die Kokospalme" 4) stellen Fremdelemente dar, weil solche Pflanzen unter den klimatischen Bedingungen der Osterinsel nicht zu gedeihen vermochten. Durchaus nicht alle Früchte, Wurzeln oder Stecklinge, die von den Einwanderern mitgebracht wurden, konnten auf der kühlen Osterinsel auch heimisch werden 5). Die Namen der im übrigen Polynesien so wichtigen Kulturpflanzen übertrug man dann auf lokale Arten. Die pflanzlichen Motive "Kawa", "Brotfruchtbaum" und vielleicht "Kokospalme" können aus den Anfängen der Besiedlung stammen, gehören aber wahrscheinlicher zum Ausgangspunkt der Wanderung, für den günstigere klimatische Bedingungen anzunehmen wären.

Unter den Symbolen der Seevögel fällt die allmähliche Ablösung des Fregattvogels durch die Rauch-Seeschwalbe auf, offenbar verbunden mit dem Wechsel von einer älteren Erscheinungsform des heiligen Vogels zu einer lokalen Species. Nun ist der Fregattvogel ein typischer Baumnister 6), für den auf der Osterinsel praktisch alle Voraussetzungen fehlen, während die Seeschwalbe während ihrer ganzen Brutzeit auf den kleinen Felseninseln gegenüber von Orongo angemessene Bedingungen findet. Es ist denkbar, dass in dem Wechsel der Vogeltypen in der Schrift die Umstellung von einer bewaldeten auf eine baumlose Insel zum Ausdruck kommt.

1) u. a. Lavachery 1935, 60.
2) Hiroa 1950, 242.
3) Einige geometrische Schriftzeichen verdanken ihre Gestalt möglicherweise bestimmten Fadenspielfiguren,
    so vermutlich Zeichen 2.
4) Vgl. Kapitel 9. — Entgegengesetzte Auffassung Englert 1948, 37-39: Danach "niu" (Cocos nucifera) von Hotu Matua
    eingeführt; Kokospalmen noch im Krieg zwischen Ko Tuu und Hotu iti erwähnt, später offenbar bei Kämpfen abgeholzt.
5) Der Verlust wärmeliebender Arten ist aus der Siedlungsgeschichte von Neu-Seeland und Rapa bekannt.
6) Schmidt 1927, 35; Schulze-Maizier 1926, 190. TOP

Die erwähnten Besonderheiten deuten darauf hin, dass die Schrift bereits vor der Einwanderung erfunden worden ist 1). Diese Vermutung wird ergänzt und bestätigt durch eine mündliche Tradition, nach der bereits Hotu Matua 67 "kohau rongorongo" aus seiner alten Heimat mitgebracht haben soll. Damit aber mündet die Frage nach der Herkunft der Schrift ein in das Problem der Besiedlung der Osterinsel, das bis heute noch nicht befriedigend gelöst werden konnte.

Überlieferungen der Osterinsulaner nennen für die Herkunft verschiedene Tempelplätze in "Hiva", einem fernen Land im Westen" 2); eine Lokalisierung dieser Marae gelang jedoch nicht.

Die gebräuchlichste Bezeichnung lautet "marae-renga" 3); daneben kommen "marae-toe-hau" 4) und "marae-hea-tau" 5) vor. Als Heimat von Ava Rei Pua, der Schwester von Rota Matua oder Frau des Ariki Tuu Ko Iho, werden "marae-tohío" 6) bzw. "marae-toiho" 7) genannt. Stimson 8) hat interessante Überlegungen an den Ortsnamen "marae-tohío" geknüpft und auf das Beispiel von Fangatau in der Tuamotu-Gruppe verwiesen, wo mit "rangi-toiho" 9) ein Land im Westen bezeichnet wird 10).

Die vorliegende Arbeit trägt mittelbar zu einer Klärung des Wanderungsproblems bei. Für die Analyse können die Formen der graphischen Elemente, ihre symbolische Verwendung und entzifferte Textstücke dienen.

1) Nach Philippi 1875, 683 und Métraux 1940, 419 lokale Erfindung. — Wenn Haberlandt 1886, 101ff. an ein rezentes Alter
    glaubt, so spricht schon das Zeichen "Doppelkanu" dagegen, welches älter als 1722 sein muss.
2) "Hiva" nach Englert 1948, 17–19 im Nordwesten der Osterinsel. Nicht in Betracht kommen "Motu Motiro Hiva"
    (=Salas-y-Gomez im Nordosten) und das Atoll ":Mata Hiva" in der Tuamotu-Gruppe. Unter den vulkanischen Inseln, von
    denen die Einwanderer kamen, hat man an die Marquesas mit "Nuku-hiva" oder "Hiva-oa" zu denken. — Hiroa 1938,
    509 bezieht "Hiva" auf die Marquesas-Gruppe; um 1300 führte Tupa die Fruchtbäume und den Marae-Kult auf Mangareva
    ein und kehrte dann nach Hiva zurück (1938, 23).
3) Jaussen 1893; Routledge 1919, 277; Englert 1939, 23 (nach Teao); Métraux 1940, 56 (nach Tepano); Englert 1948, 22.
    — Zum möglichen Vorkommen von "marae renga" in der Schrift vgl. Kapitel 14.
4) Thomson 1891, 527 (fälschlich im Osten lokalisiert).
5) Ms. 1886, 168. Vgl. Kapitel 8, A 1.
6) Englert 1948, 22. Englert 1939, 23: "tohía". TOP
7) Routledge 1919, 277.
8) Stimson 1953, 38–39.
9) Stimson 1933, 7, "Heaven-setting-in-the-Netherworld".
10) Man kann diesen Gedankengang übrigens noch weiter verfolgen, wenn man die neuseeländische Tradition vergleicht.
    Dort war "te iho-o-te-rangi" einer der Götter, die aus dem Tempel von Rangiatea gestohlen wurden (Tregear 1891, 394).
    Die Spur führt also möglicherweise in das kulturelle Zentrum der Gesellschaftsinseln.

Viele Motive erweisen sich allerdings als ungeeignet für Vergleichszwecke. So sind beispielsweise Darstellungen von Menschen mit zwei Köpfen 1) oder acephale Figuren 2) aus den verschiedensten Teilen Polynesiens bekannt.

Aufschlussreich ist dagegen jene Besonderheit, die menschliche Hand nur unvollständig mit drei Fingern (neben dem Daumen) wiederzugeben. Diese Eigentümlichkeit ist kennzeichnend für die "kohau rongorongo", während sowohl die Petroglyphen wie die hölzernen und steinernen Plastiken der Osterinsel eine vollständige Zahl von Fingern aufweisen. Hände mit drei Fingern stellen aber einen ganz unverkennbaren Zug der alten Maori-Schnitzkunst dar 3), von dem nur in neueren Arbeiten bisweilen abgewichen wird. Ebenfalls um eine echte Parallele in der Formgebung handelt es sich ferner bei den doppelköpfigen Vögeln in der Osterinselschrift 4) und den "Pekapeka"-Anhängern von Neu-Seeland 5). Dagegen scheinen Ähnlichkeiten zwischen den Schriftzeichen von Vogelmenschen und den neuseeländischen "Manaia" zufällig zu sein 6). Das Motiv des Vogelmenschen tritt u.a. in der Kunst der Salomonen 7) und in Indonesien 8) auf und lässt sich nicht unmittelbar für die Herkunftsfrage der Osterinselkultur benutzen. Noch weniger zum Vergleich eignen sich so weitverbreitete Darstellungen wie die der Eidechse oder von sitzenden Menschen mit gespreizten Beinen 9).

Außerhalb von Polynesien verdient eine indonesische Besonderheit nähere Beachtung, auf die v. Königswald bei Schiffstüchern von Südsumatra hingewiesen hat, nämlich die Wiedergabe von menschlichen Gestalten, die bestimmte Schmuckelemente an ihren Unterarmen tragen. Bei vielen personenförmigen Zeichen der Osterinselschrift hängt vom Ellenbogen des erhobenen Armes ein nicht näher zu bestimmender Schmuck herab. Es handelt sich dabei überwiegend um aufrecht stehende Figuren von Männern und Priestern, seltener von Vögeln, die Handlungen der verschiedensten Art ausführen. Diese Übereinstimmung verdient fraglos Interesse als ethnographische Parallele; es ist aber ungewiss, wie weit man sie als Argument für die Herkunftsfrage verwenden kann 10). TOP

1) Vgl. Kapitel 12.
2) Skinner 1932, 305.
3) Hiroa 1950, 308 (vgl. auch JPS 28.1919, 242 Anm. 291 mit Hinweis auf indische Darstellungen; für Südsumatra
    v. Königswald 1951, 35; nach brieflicher Mitteilung von Heine-Geldern auch Altchina).
4) Vgl. Kapitel 12.
5) Skinner 1933, 6–8.
6) Hiroa 1950, 312-313, nach Archey 1936.
7) Vgl. Balfour 1918.
8) Vgl. v. Königswald 1951.
9) v. Königswald 1951, 38 mit Hinweisen auf Borneo und Java; hierzu auch die Bambusornamentik von der
    Geelvinck-Bucht usw.
10) Métraux 1940, 336 über den Arrnschmuck des Vogelmannes.

Wesentlich präziser gestaltet sich der Vergleich von Symbolik und Textaussage der Schriftdenkmäler mit Traditionen von anderen polynesischen Inseln. Das hierfür benutzte Material soll eine erste Orientierung in großen Zügen ermöglichen. Fruchtbare Parallelen sind nachzuweisen zwischen der Osterinselschrift und den Kulturen von Mangareva, Marquesas, Tuamotus, Gesellschaftsinseln und Neu-Seeland. Während ein Teil der Belege wahrscheinlich allgemeinen Zügen der polynesischen Kultur entspricht, dürften andere ortsspezifisch zu bewerten sein.

Parallelen mit den Kulturen von: (ausgelagert!)

    1. Mangareva
    2. Marquesaner
    3. Tuamotus
    4. Gesellschaftsinseln
    5. Neu-Seeland

Es bleibt offen, wieweit eine direkte Verbindungslinie von Ra'iatea nach der Osterinsel gezogen werden darf. Die Ereignisse auf Mangareva und Pitcairn lassen an eine Besiedlung der Osterinsel in der Mitte des 14. Jahrhunderts denken; der Absprung scheint dann aber von einer bloßen "Durchgangsstation" erfolgt zu sein 1). TOP

Die von der Osterinsel und Mangareva nach "Hiva" laufenden Spuren deuten vielleicht auf die Marquesas-Gruppe. — Andere Seefahrer erreichten Mangareva von Havai' i aus 2), und noch zur Zeit von Anua-motua wurde ein Kontakt zwischen den Gesellschaftsinseln und Pitcairn aufrecht erhalten.

Nach den Traditionen auf den mitgebrachten Schriftdenkmälern kann vermutet werden, daß die Osterinsel von Hotu Matu'a nicht vor der Mitte des 14. Jh. besiedelt worden ist. Diese Zeitstellung stimmt ungefähr überein mit den Schätzungen von Hiroa und Bórmida und rückt die Einwanderung gegenüber den Datierungen Nevermann (1150), Heine-Geldern (Beginn des 12. Jh.) und Lavachery (12.–13. Jh.) in eine spätere Epoche 3). Für den Gebrauch der Schrift auf der Osterinsel stünde danach ein halbes Jahrtausend zur Verfügung — eine Zeitspanne, in der sich natürlich mancher Bedeutungswandel abgespielt haben kann 4).

Die Osterinselschrift als mitgebrachter Besitz hat ihre Wurzeln im Ursprungsgebiet der randpolynesischen Kultur, Weshalb aber gibt es keine Überlieferungen von Erfindung und Gebrauch 5) einer Schrift auf den anderen Inseln 6)?

1) Gegen eine direkte Herkunft der Osterinsulaner von Mangareva spricht das Fehlen des Huhnes (Hiroa 1938, 513).
    Dieses Argument wird auch von Métraux 1940, 417 angeführt, p. 419 hält er es jedoch für möglich, daß Hotu Matua und
    seine Anhänger als ein besiegter Stamm aus Mangareva kamen,
2) Hiroa 1938, 512 setzt "Havaiki" mit den Marquesas gleich. Dagegen spricht aber die Unterscheidung durch Tupa
    (Hiroa 1938, 23) von "Hiva" (= Marquesas.Gruppe) und "Havaiki" nebst "Takere-no-te henua", die als dicht besiedelte Inseln
    unter mächtigen Königen beschrieben werden.
3) Nevermann 1947, 26; Heine-Geldern 1938, 816; Lavachery 1935, 270.
4) Die Petroglyphen dürften jünger als die Schrift sein.
5) Vgl. aber auch Heine-Geldern 1938, 882 Anm. 239 über den einstigen Besitz einer Schrift bei den Maori!
6) Buck 1938, 235.TOP

Schriftdenkmäler aus vergänglichem Material können im Laufe der Jahrhunderte anderswo verlorengegangen sein. Oder war diese Schrift die Erfindung eines genialen Priesters, die innerhalb seiner Schule als sorgsam gehütetes Geheimwissen weitergegeben wurde? Unter solchen Bedingungen konnte sehr wohl eine gewisse Zeit hindurch die Kenntnis auf einen einzigen Tempelbezirk beschränkt bleiben. Im 14. Jahrhundert, einer Zeit der Unruhe in Polynesien, führten bei dem starken Anwachsen der Bevölkerung in den Gesellschaftsinseln Landmangel oder Prestigegründe 1) zu Kämpfen und einer ständigen Emigration auf Einzelbooten oder Bootsflottillen in die verschiedensten Räume des Pazifiks. Bei einer erzwungenen Auswanderung konnte sich eine ganze Gruppe ohne nachhaltige Spuren aus ihrer Heimat lösen. Vielleicht traf diese Situation für die Besiedler der Osterinsel zu, die mit ihrer sonstigen Habe auch den kostbaren Bestand an Schrifthölzern mitführten.

Als Ergebnis kann gesagt werden die Osterinselschrift ist keine rezente Schöpfung. Sie wurde nicht auf Rapanui erfunden, sondern von den Einwanderern aus einem Land in wärmeren Breiten mitgebracht, wo es den Brotfruchtbaum, die Kokospalme, den Kawa-Strauch und den Fregattvogel gab.

Die Osterinselschrift enthält stilistische und symbolische Merkmale der randpolynesischen Kultur und hat ihre Wurzeln in der gemeinsamen Heimat der Marquesaner und Maori. Sie kann nicht als ein Ableger von späteren historischen Stufen verstanden werden. Aus ihren Texten lässt sich ein Weg über Pitcairn 2) und Mangareva bis nach Ra'iatea 3) in die Gesellschaftsinseln erschließen. Als "terminus ante quem" für die Erfindung des graphischen Systems darf das 14. Jahrhundert gelten.

Die Osterinselschrift stellt ein bemerkenswertes Einsprengsel in einem Gebiet dar, das sonst ausschließlich mündliche Überlieferungen kennt. Ihre Schriftdenkmäler bewahren in getreulicher Fixierung alte Traditionen, die nicht nur für die untergegangene Lokalkultur aufschlussreich sind, sondern auch wertvolle Hinweise auf die Blütezeit polynesischer Priesterschulen enthalten 4).

Im Bereich der allgemeinen Schriftgeschichte nehmen die "kohau rongorongo" einen bedeutsamen Platz ein. Ihnen kommt ein exemplarischer Wert zu für das Übergangsstadium zwischen Bilderschrift und Lautschrift. Ideogramme und Rebus-Typen, stilisierte Gesten 5) und metaphorische Wendungen werden hier nebeneinander verwendet. Damit besitzt die Osterinselschrift alle jene komplexe Eigenschaften, die für archaische Schriftformen so kennzeichnend sind. TOP

1) Handy 1930, 44; Hiroa 1950, 38. — Konflikte zwischen Anhängern von 'Oro bzw. von Tane?
2) Hypothetisch: Nimmt man "Kai-rangi" als den letzten Absprungpunkt an und setzt, Te Angiangi mit Hotu-Matua,
    Momona-mua mit Te-pito-o-te-henua gleich, so waren Traditionen von einer Schrift deshalb nicht zu erwarten, weil die
    Kultur auf Pitcairn sehr bald wieder zerstört wurde,
3) Entfernung Ra'iatea — Osterinsel entspricht etwa Ra'iatea — Hawaii (über 4000 km). Diese Strecke ist nachweislich von
    Doppelkanus bewältigt worden.
4) Die Tafeltexte entkräften Englert 1948, 323: "... no parece probable que en las tabletas ... se hayan perpetuado recuerdos
    de datos históricos importantes que arrojarían luz sobre los acontecimientos de la antigüedad".
5) Vgl. Henry 1928, 162 über die charakteristischen Haltungen der Priesterschaft (Erhobene Hände, Knien, Schneidersitz)!

Während aber die Anfangsstufen der altweltlichen Schriften von entwickelteren Perioden her durch Philologen und Archäologen erkundet werden, liegt hier — ähnlich wie in Mesoamerika — eine legitime Aufgabe der Völkerkunde, das Werden einer Schrift inmitten schriftloser Naturvölker zu untersuchen. Der Sprung von einer bildhaften Anschauung zur lauthaften Verdeutlichung durch Symbole ist in der Geschichte der menschlichen Kultur selten geglückt. Ob der Funke als geniale Eingebung oder unter dem Anreiz einer Ideen-Übertragung 1) zündete, bleibt im Dunkel der Vergangenheit; das erfundene Mitteilungssystem aber stellt bei allen seinen Mängeln ein würdiges Denkmal polynesischer Geistigkeit dar.

Einer umfassenden Interpretation der Osterinselschrift sind gewisse Grenzen gesetzt, die nicht nur historischen Zufälligkeiten entspringen, sondern auch ihren besonderen Bauprinzipien.

1. Bei den untersuchten Schriftdenkmälern handelt es sich nur um einen Bruchteil der einstigen Literatur 2). Die erhaltenen Texte bilden keine repräsentative, sondern nur eine rein zufällige Auswahl. Es ist schwer zu beurteilen, wie sehr sich die daraus resultierenden Mängel auswirken; vermutlich dürften aber die Lücken weniger den Bestand an einfachen und zusammengesetzten Zeichen als Breite und Reichtum der Themen betreffen. TOP

2. Erschwerend kommt hinzu, dass der kulturelle Hintergrund nur unvollständig bekannt ist und sich auch in Zukunft kaum jemals ganz rekonstruieren lässt. Die lokalen Überlieferungen der Osterinsulaner sind bloße Fragmente; die bei der Einwanderung von außen mitgebrachten Traditionen können nur mittelbar — durch Vergleich mit anderen polynesischen Teilkulturen — erschlossen werden, Darüber hinaus haben sich im Verlauf eines halben Jahrtausends Mythen und Rituale ebenso wie ihre sprachliche Verankerung nicht unbeträchtlich gewandelt.

3. Die Struktur der Osterinselschrift selbst errichtet schwer überwindbare Schranken, Die Besonderheit der Textkondensierung und einer partiellen Lautandeutung setzen für ein vollständiges Verständnis der Tafeln Kenntnisse voraus, die einst durch mündliche Unterweisung vermittelt wurden, Wie gezeigt werden konnte, ist es zwar nicht so, dass die eingeritzten Stichworte nun ohne die memorierten Gesänge so unverständlich wie Knoten, Kerben oder andere Gedächtnisstützen blieben; der ganze Reichtum der Überlieferung allerdings wurde erst in einem aktiven Prozess zwischen dem "kohau rongorongo" und dem "maori rongorongo" ausgelöst, Die Traditionen waren eben nicht nur auf den hölzernen Schriftdenkmälern, sondern auch in den Gehirnen der Rezitatoren deponiert. Da die Erinnerungen der Toten unwiederbringlich verloren sind, müssen viele Aussagen unvollständig bleiben 3).

1) Vgl. Heine.Geldern 1938, 877. Eine Stimulus-Diffusion im Sinne Kräbers ist nicht ausgeschlossen.
2) Auf den geringen Umfang des Materials als Hinderungsgrund weisen Métraux 1940, 392 und Englert 1948, 322 hin.
3) Routledge 1919, 302: "Each sign was in any case a peg on which to hang a large amount of matter which was committed
    to memory, and is therefore, alas! gone for ever".

Die komplexen Merkmale der Osterinselschrift führen nicht selten zu einer gewissen Unbestimmtheit. Mehrdeutigkeiten entspringen einmal den wahlweisen phonetischen Lesarten des Rebus-Verfahrens, andererseits der verborgenen Symbolik von Schriftzeichen, deren Form nicht unmittelbar die übertragene Bedeutung verrät. Vorläufig stecken unsere Kenntnisse von Ideogrammen und figürlichen Redewendungen 1) noch in den Anfängen. Und schließlich kommt die Schwierigkeit hinzu, Namen von Personen oder Ortsbezeichnungen überhaupt als solche zu erkennen 2). TOP

Dabei ist es gegenwärtig noch immer leichter, lautmäßige oder begriffliche Äquivalente für viele Schriftzeichen zu geben, als die Tafeltexte nun auch in gleichem Umfange zu verstehen,

Diese Situation ist keineswegs so einzigartig, wie es scheinen mag:

In den mündlichen Traditionen auf der Nachbarinsei Mangareva ist oft eine außerordentliche Textverknappung zu beobachten, bei der wenige Worte an Stelle von ebensoviel Sätzen stehen. Damit sind Gleichnisse und Metaphern in solchem Ausmaß verbunden, dass die Sprache schließlich fast unverständlich und geheimnisvoll für den Uneingeweihten wird 3),

Der Reichtum an figürlichen Redewendungen 4) und die häufigen Anspielungen auf längst in Vergessenheit geratene Dinge 5) haben immer wieder dazu geführt, daß von Generation zu Generation die Überlieferungen schwerer verständlich wurden. So mussten sich im Laufe der Zeit sinnvolle Aussagen in bloße Formeln verwandeln, die man zwar noch zu bestimmten Anlässen zu rezitieren wusste, aber nicht notwendigerweise zu verstehen brauchte.

Das beste Beispiel für Polynesien sind die Karakia der Maori: viele dieser Zaubersprüche sind kaum zu übersetzen, und selbst kommentierte Übertragungen scheinen häufig ohne Sinn zu sein und nicht in Verbindung mit dem Anlass der Rezitation zu stehen 6 ). Nicht wenige der neuseeländischen Zaubersprüche gehen auf sehr alte Zeiten zurück.

Der gleiche Prozess mit seinem Bedeutungswandel, dem Sinnloswerden von Anspielungen und einer Erstarrung in archaischen Formeln scheint sich bei gewissen Tafeltexten der Osterinsel vollzogen zu haben. Vielleicht liegt darin eine Erklärung, dass manche Abschnitte rätselhaft bleiben, während andere Passagen recht gut verständlich werden 7).TOP

1) Heine-Geldern 1938, 862. — Auf die sprachlichen Schwierigkeiten macht Englert 1948, 322 aufmerksam: "Si se lograra
    descifrar inscripciones ... nuestro conocimiento de la lengua original, de las voces más antiguas y de giros peculiares,
    es tan deficiente que en gran parte no podríamos traducir los textos" .
2) Routledge 1919, 251.
3) Hiroa 1938, 13: "at times (the language) is very cryptic. Thus when Tupou ordered a man to be cut up alive (etieti),
    the native text simply states, "Etieti,'uri kite umu, kai". The bare translation is "cut up alive, turned over to the oven, eaten".
4) Handy 1930, 66, 84 für die Gesellschaftsinseln.
5) Emory 1947, 6 für die Tuamotu-lnseln.
6) Best 1924, 238 und 245. — Hiroa 1950, 499.
7) Zur zauberischen Wirkkraft der Schriftzeichen ("rona") auf anderen Objekten vgl. Métraux 1940, 399 nach Angaben von Teao.

Die Schwierigkeiten liegen also in der verkürzten und mehrdeutigen Wiedergabe von Überlieferungen, die in eine bildhafte Sprache mit vielen Nebenbedeutungen und Anspielungen gehüllt sind, sowie teilweise in einem allmählichen Absinken zu Zauberformeln.

Die Kluft zwischen schriftlich fixierten alten Traditionen und der Verständnisfähigkeit und Aufnahmebereitschaft späterer Jahrhunderte dürften bereits Spannungen zu einer Zeit ausgelöst haben, als die Schriftdenkmäler noch Bestandteile des kulturellen Lebens auf der Osterinsel waren 1). Umso weniger ist es verwunderlich, wenn Bruchstücke alter Tafelgesänge den heutigen Eingeborenen ganz unverständlich geworden sind.

1) Ein Bedeutungswandel scheint auch einige Schriftzeichen betroffen zu haben; das entspricht Tomenika ("the words were
    new, but the letters were old") und Kapiera ("the same picture, but other words");
    Routledge 1919, 253. Es dürfte sich aber weniger um eine Sinnentleerung als um den Versuch gehandelt haben, ein uraltes
    traditionelles Gut mit den lokalen Gegebenheiten in Einklang zu bringen
.

Trotz dieser Einschränkungen muss festgestellt werden, dass zumindest für eine partielle Entzifferung zwei Kontrollmöglichkeiten bestehen. Das erste Kriterium bezieht sich auf die nachweisbare Folgerichtigkeit von Handlungen und Motiven, auf die gegenseitige Ergänzung und Stütze von Gestalten und Themen in verschiedenen Textstücken, kurz, auf das Gefüge verständlich gewordener und verständlich werdender Passagen. Die zweite Sicherung liegt zugleich in der Praxis der Zeichendeutung: sie gründet sich auf die Parallelität von Textaussage und der historischen Wirklichkeit, die aus der geistigen, sozialen und materiellen Kultur sowohl der Osterinsel wie der ethnisch und sprachlich verwandten Nachbarinseln wenigstens in den Grundzügen erschlossen werden kann. TOP

Die Resultate befriedigen, wenn sie zu unerwarteten Konvergenzen führen und den Anstoß zu weiteren erfolgreichen Interpretationen geben; sie mahnen zur Vorsicht, wenn die Untersuchung bei ihnen steckenbleibt und steril verläuft.

In Kapitel 7 konnten die wichtigsten Schriftdenkmäler nach ihrer Rangordnung und der Streuung bestimmter Zeichen in drei Themenkreise gruppiert werden. Welche Gründe dafür maßgeblich waren, lässt sich jetzt beantworten: die Polarität zwischen der Tafel "Tahua" und dem Santiagostab beruht im Wesentlichen auf dem Gegensatz zwischen einer fremden Überlieferung und örtlichen Bräuchen.

Während die Texte des Themenkreises a eng mit den Traditionen von Ra'iatea zusammenhängen, gelten die Inschriften des Themenkreises c den Fruchtbarkeitszeremonien der Osterinsel. Im Themenkreis b überschneiden sich die externen und lokalen Züge; dort bilden vor allem rituelle Fragen und eine listenartige Aufzählung von Schrifttafeln den Inhalt. Die Gestalt des Tiki-Makemake bleibt auf die Textgruppen b und c beschränkt und hebt diese von der "Großen Tradition" mit ihrem stärkeren Tane-Kult ab. In der formalen Gliederung des Inschriftenbestandes manifestieren sich also nichts anderes als die fremden und örtlichen Wurzeln der Osterinselkultur.

Die künftigen Aufgaben bei der Erforschung der Osterinselschrift erstrecken sich auf sehr verschiedene Gebiete.

1. Eine prinzipielle Notwendigkeit besteht darin, den Bestand an Schriftdenkmälern zu vergrößern, um die Arbeiten auf einer breiteren Textbasis fortsetzen zu können,

Die Suche nach weiteren Tafeln ist keineswegs aussichtslos 1), Das gilt vor allem hinsichtlich solcher Objekte, die noch im vorigen Jahrhundert auf der Osterinsel erworben wurden, aber bis heute für die Wissenschaft unzugänglich in Privatbesitz blieben. Hoffnungen auf neue Stücke bestehen möglicherweise noch in Frankreich, den Vereinigten Staaten, Chile und Peru sowie auf Mangareva und Tahiti; die Nachforschungen müssen aber in erster Linie dem Schicksal der einstigen Sammlung Palmer gelten. Geringer sind wohl die Aussichten einzuschätzen, auf der Osterinsel selbst noch Funde von Schriftdenkmälern mit leidlich erhaltenen Inschriften zu machen. TOP

2. Zum besseren Verständnis der lokalen Traditionen in den Tafeltexten ist es notwendig, weitere Erkundigungen über die alte Kultur der Osterinsel zu unternehmen. Von der direkten Feldforschung dürften allerdings keine überraschenden Ergebnisse mehr zu erwarten sein; die ethnographische Bestandsaufnahme ist durch die franko-belgische Expedition (1934–35) und den langjährigen Aufenthalt von P. Englert im wesentlichen abgeschlossen 2),

Ein Ziel, das reichere Ausbeute verspricht, liegt außerhalb der Osterinsel. Es handelt sich dabei um die unveröffentlichten Materialien der Routledge-Expedition. Während Williamson noch einige Notizen zum Studium der Verwandtschaftssysteme auswerten konnte 3), ist der umfangreiche Nachlass von Mrs. Routledge inzwischen verschollen. Die Suche von Günther 4) im Jahre 1936 brachte keinen Erfolg. Wie aber Lanyon-Orgill brieflich mitteilt 5), konnte er etwa 1941 gewisse Aufzeichnungen 6) in einem Londoner Antiquariat erwerben. Nach seinen Angaben sollen sich im Peabody Museum zu Salem (Mass.) und vor allem in der Bibliothek des American Museum of Natural History umfangreiche Notizen genealogischen und linguistischen Charakters aus dem Nachlass Routledge befunden haben. Nachfragen bei den amerikanischen Museen verliefen jedoch ergebnislos.

3. Die vergleichende Forschung muss weiter ausgebaut werden, um die Fremdtraditionen in der Osterinselschrift möglichst detailliert verstehen zu lernen. Dazu sind neben einer verstärkten Textanalyse zeitraubende Arbeiten mit anderen Quellen erforderlich. Die Aufgabe verlangt einen gründlichen Kenner der polynesischen Idiome, der kulturgeschichtliches Interesse und ein gediegenes ethnographisches Wissen besitzt. Vor allem wäre es erforderlich, den Schatz unveröffentlichter polynesischer Gesänge 7) zu bearbeiten.

1) Vgl. hierzu Kapitel 2.
2) Hinzu kommen die Ergebnisse meiner Feldarbeit auf der Osterinsel 1957–58.
3) Vgl. Métraux 1940, 127.
4) Günther 1953, 81 Anm, 2,
5) Briefe vom 8. 1., 19. 11.md 26, 2. 1955.TOP
6) Darunter befinden sich: ein genauer Lageplan der Statuen, ein detaillierter Bericht über die Bevölkerung der Insel,
    einige Legenden (in Übersetzung) sowie Königslisten. — Die Veröffentlichlmg besonders der Königslisten erscheint
    dringend geboten.
7) Vgl. Handy 1927, 201.

Die Suche hätte sich an die Motive und Kompositionen der Tafeltexte anzulehnen und zielbewusst sprachlichen Korrelaten zu jeweiligen Zeichenvergesellungen nachzuspüren. Die Auswertung von Gleichnissen und Metaphern, Titeln und Rangbezeichnungen 1), Opferhandlungen und Gebetsformeln würde in ein Studium der polynesischen Mythologie und der Legenden von bestimmten Göttern und Heroen einmünden.

Im gleichen Umfang, wie entzifferte Teilstücke ausgebaut und erweitert werden können, lässt sich das Ziel verwirklichen, einen Kommentar zum "Corpus Inscriptionum Paschalis Insulae" zu schreiben. Die Forschung findet ihre Krönung darin, nach und nach die Anspielungen und Nebenbedeutungen der Texte zu erfassen, die Kondensierungen begreifen zu lernen, und die Verknüpfung der Gesänge zu durchschauen.

Was diese Untersuchung aus dem Dunkel hervorgehoben, aber noch längst nicht ausgeschöpft hat, kann künftig in ein noch helleres Licht gestellt werden.

Die Perspektiven dafür sind weit und lohnend.

1) Vgl. Handy 1930, 36.


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