Thomas Barthel - Auszüge aus seiner Habilitationsschrift: Übersicht der Rongorongo-Schrifttafeln

Thomas Barthel - Übersicht der Rongorongo-Schrifttafeln


Dr. Thomas Barthel - KAPITEL 2: Denkmäler der klassischen Osterinselschrift


siehe auch Übersicht der 26 Rongorongo-Tafeln

Denkmäler der klassischen Osterinselschrift

Die Überreste von Schriftdenkmälern der Osterinsel sind heute auf Museen in Europa, Nord- und Südamerika sowie Ozeanien verteilt. An den Beginn jeder Untersuchung gehört daher eine möglichst umfassende Zusammenstellung aller Fakten, die für die erhaltenen Objekte aufgespürt werden können. Merkmale und Geschichte der einzelnen Stücke sind zu ordnen und kritisch zu bewerten, die widerspruchsvollen Angaben der verschiedenen Autoren aufeinander abzustimmen und alle veröffentlichten Abbildungen zu registrieren.

Die ersten Bemühungen dieser Art setzten nach der Jahrhundertwende ein, als 1904 Dalton die bis dahin bekannten Berichte zusammenfaßte und ihm drei Jahre später Walter Lehmann folgte. Aus dem Nachlaß in der Iberoamerikanischen Bibliothek zu Berlin geht hervor, daß der bekannte Amerikanist Zeit seines Lebens Materialien über die Osterinsel sammelte 1). In einem Brief aus dem Weltkrieg spricht Lehmann geradezu von einem "Corpus Inscriptionum Rapanuensium als Frucht 13jähriger Recherchen" 2), das eines Tages von ihm herausgegeben werden sollte. Seine letzten Notizen sind mit dem Jahr 1932 datiert. Abgesehen von dem "Essai d’une monographie bibliographique" hat Walter Lehmann jedoch nichts von seinen Studien veröffentlicht; aus dem Nachlaß zu urteilen, ist er niemals zu einer vertieften Analyse der Schriftzeichen selbst gelangt.

Der französische Arzt und Sammler Chauvet legte eine umfangreiche Liste vor 3), deren zahlreiche Irrtümer Heine-Geldern in knapper Form berichtigte 4). Métraux ließ diese Studie unberücksichtigt und veröffentlichte eine eigene skizzenhafte Zusammenstellung 5). Wichtig ist sein Hinweis auf Vorarbeiten für ein Corpus der Schriftdenkmäler, die von Alan Ross aufgenommen worden waren. Der britische Gelehrte gab dann seine in den 30er Jahren gesammelten Materialien weiter an Lanyon-Orgill 6), von dem 1953 eine kursorische Liste erschien mit der Behauptung: "A complete catalogue of the inscribed tablets and other artifacts from Easter Island has never been published" 7). Tatsächlich hatte jedoch schon zwei Jahre früher Imbelloni in einem Sonderband der Zeitschrift "RUNA" die bis heute beste und vollständigste Zusammenstellung der erhaltenen Schriftdenkmäler vorgelegt. Ganz fehlerfrei ist freilich auch diese Liste nicht 8).

1) Kurze Zeit teilte auch der Mayaforscher Schellhas dieses Interesse; eine Karte vom 5. 6. 1904 drückt seinen Wunsch
    nach einer "Osterinselconferenz" mit Lehmann aus.
2) Brief vom 22. 2. 1917 an Frl. E. Alberdingk Thym, Kessel-Loo bei Löwen.
3) Stephen-Chauvet 1935, 73–75.
4) Heine-Geldern 1938, 895–896.
5) Métraux 1940, 392–393.
6) Nach brieflicher Mitteilung vom 12. 10. 1953.
7) Gegenwärtig bereitet Lanyon-Orgill eine revidierte Fassung seines Kataloges vor, die voraussichtlich in No. 2 des
    "Journal of Austronesian Studies" erscheinen wird.
8) Bei Imbelloni fehlt Exemplar X, der hölzerne Vogelmann von New York. Die wichtigen russischen Arbeiten über die beiden
    Tafeln von Leningrad sind unbeachtet geblieben. Andererseits ist Nr. XXIV, das sogen. "Stück von Papeete", zu streichen.
    Die Zeichnung gibt lediglich einen partiellen Ausschnitt wieder von fünf Zeilen auf der Rückseite unseres Exemplares B.
    Vgl. Meyer 1881 mit den zentralen Abschnitten von Bv5–Bv9. Bund, 1884, 415, bildet den gleichen Ausschnitt ab mit der
    Erklärung: "Inscription Hiéroglyphique trouvée dans l’Ile de Pâques par le R. P. Zumbohm de la Congregation des
    S. C. dite de Picpus". Imbelloni berichtigt sich 1953–54, 221–222 und Tafel XV. TOP

Das folgende Kapitel faßt die bisherigen Forschungsergebnisse zusammen und trägt unveröffentlichte Materialien dazu bei. Es wurden nur solche Objekte berücksichtigt, die einen echten Text 2) tragen. Deshalb mußten gewisse Belege 3) in dieser Liste unberücksichtigt bleiben. Im übrigen wurden nur Zeugnisse der klassischen Osterinselschrift aufgenommen, weil die spärlichen Dokumente für die "ta'u"-Schrift in einer getrennten Studie behandelt werden 4). Bei jedem Schriftdenkmal werden die Fakten in systematischer Ordnung dargestellt. Auf Quellenangaben für die Abbildungen und sonstige Literaturhinweise folgen Name, Geschichte und Aufbewahrungsort des betreffenden Stückes. Größe, Form, Material und
Erhaltungszustand werden beschrieben; Stil und Umfang des Textes kurz erörtert.

2) Unter einem "Text" soll die Abfolge von mindestens zwei Schriftzeichen verstanden werden.
3) Schädel mit Einritzungen; Tanzpaddel mit Einzelzeichen.
4) Vgl. Barthel 1956c.

An die Aufzählung der echten Stücke schließt sich ein Besprechung der verschiedenen Falsifikate. Abschließend kommen die Verluste der "nach-klassischen" Zeit zur Sprache und die Aussichten für die künftige Forschung, den Bestand an Schriftdenkmälern zu vergrößern.


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Exemplar A TOP

Abb.: Jaussen-Ms. 1886, pp. 84, 86, 88 (6 Aufnahmen Hoare)
(1927 erwarb E. Torday für das Royal Anthropological Institute in London von P.
Alazard einen Satz Fotos)
Stephen-Chauvet 1935, fig. 167–172
Schulze-Maizier o. J., Tafel 21 (= Zeichnung der Mittelteile beider Seiten).
Lit.: Miklukho Maklaj 1872, 80
Croft 1874 (vide Churchill 1912, 322)
Palmer 1876
Park Harrison 1876, 249
Jaussen-Ms. 1886, 154ff.
Jaussen-Alazard 1893, 13
Harlez 1896, 74–75
Lavachery 1934, 69–71
Ropiteau 1935, 519, 520, 522
Stephen-Chauvet 1935, 74
Heine-Geldern 1938, 834, 851
Métraux 1940, 392, 393, 401–403
Imbelloni 1951, 97
Lanyon-Orgill 1953, 10.


Das Exemplar A führt seinen Namen "Tahua" ("La Rame" bzw. "The Oar") nach Form und Material. Es wurde von P. Roussel auf der Osterinsel erworben und im Jahre 1868 (zusammen mit B, C, E und P) an Tepano Jaussen nach Tahiti geschickt. Im Jaussen-Ms., dem Harlez und Ropiteau folgen, wird "Tahua" als "du nom de l’artiste" erklärt. Exemplar A wurde dann als erstes Schriftdenkmal der Osterinsel durch Miklukho-Maklaj in einem Brief an Bastian detailliert beschrieben. Kopien der ersten Fotos (Hoare) gelangten 1874 von Croft an die "California Academy of Sciences" und um 1875 von dem britischen Generalkonsul Miller an Palmer. 1892, nach dem Tode Bischof Jaussens, kam die Tafel in das Mutterhaus der Congr. SS. CC. nach Braine-le-Comte (Belgien). Seit 1953 wird sie in der Villa Senni zu Grottaferrata (bei Rom) aufbewahrt.

Die Größenangaben schwanken. Für die Länge geben Miklukho-Maklaj, Jaussen-Alazard, Heine-Geldern und Métraux 90 cm, Jaussen-Ms., Stephen-Chauvet und Imbelloni 93 cm an; für die Breite Jaussen-Alazard, Heine-Geldern und Imbelloni 10 cm, Miklukho-Maklaj 11 cm, Jaussen-Ms. und Stephen-Chauvet 12 cm, :Métraux 14 cm an. Die Unterschiede dürften auf verschiedenen Meßpunkten beruhen. Es handelt sich um ein schmales, rechteckiges Ruderblatt aus Eschenholz (Fraxinus excelsior) nichtozeanischer Provenienz, das wohl als Treibholz von einem europäischen oder amerikanischen Boot der post-cookschen Zeit auf die Insel kam. Nach persönlichem Augenschein war der Erhaltungszustand des dunkelbraunen, glänzend polierten Stückes im September 1954 noch ausgezeichnet.

Auf jeder Seite befinden sich acht Zeilen mit Schriftzeichen, deren Summe Jaussen mit 1547 bezifferte. Eine eigene Zählung ergibt — bei Zerlegung der Ligaturen — ungefähr 1825 Elemente. Die Schriftzeichen weisen den klassischen Stil in reiner und hochentwickelter Form auf.


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Exemplar B TOP

Abb.: Jaussen-Ms. 1886, 92
Thomson 1891 pl. 49 (irrtümlich Santiago als Aufbewahrungsort)
Ray 1932 pl. G (Aufnahme 1927 Royal Anthropol. Inst.)
Stephen-Chauvet 1935 fig. 155 (Foto Verso, Zeilenbezifferung)
" fig. 156 (Verso partiell)
" fig. 157 (Recto, Foto Musée de l’Homme)
Heine-Geldern 1938, Tafel I (Verso partiell)
Archiv Grottaferrata: Aufnahmen für das Berliner Museum für Völkerkunde 1900;
sehr gute Bleistiftabreibung des Verso.
Lit.: Croft 1874 (vide Churchill 1912)
Palmer 1876
Park Harrison 1876
Jaussen-Ms. 1886, 94ff.
Jaussen-Alazard 1893, 17
Harlez 1896
Ray 1932, 153–155
Ahnne 1933
Lavachery 1934
Ropiteau 1935, 519–520
Stephen-Chauvet 1935, 74
Heine-Geldern 1938, 834, 838, 850–851
Métraux 1940, 392, 393, 394, 401–403, 406–411
Imbelloni 1951, 97–98, 105
Lanyon-Orgill 1953, 10.


Exemplar B wird bei Jaussen-Alazard als "Le bois échancré" bezeichnet, d.h. mit dem sonst für das Exemplar D verwendeten Namen. Stephen-Chauvet schlug daher vor, zur Vermeidung von Irrtümern als neuen Terminus "Raquette" zu. benutzen. Im Jaussen-Ms. zu Grottaferrata erscheint der Name "Aroukou-Kourenga" mit der Erläuterung "du nom de l’artiste". Die ausführlichste Erklärung gibt das von Ahnne auszugsweise veröffentlichte Jaussen-Ms. zu Tahiti: "Echancré Rongorongo. Bois de Miro, d’Aruku-Kurenga de Tongariki, mort au temps de navires". Nach Heine-Geldern dürfte der Eigenname den Besitzer oder Schreiber bezeichnen, der während der Überfälle durch peruanische Sklavenjäger ums Leben kam. Die Tafel muß demnach aus der klassischen Zeit vor 1862 stammen. Tongariki war eine große Siedlung im Ostteil der Osterinsel zwischen Poike und dem Rano-Raraku, einem Gebiet, das den Hotu-Iti (bzw. deren Untergruppe, den Korou-a-Rongo) zugeschrieben wird. - Die Tafel Aruku-Kurenga gehört zu den 5 Schriftdenkmälern, welche 1868 von P. Hippolyte Roussel an den Bischof von Tahiti geschickt wurden. Aufnahmen des Stückes wurden 1874 in Nordamerika und 1875 in Europa bekannt. Von 1892 an wurde die Tafel in Braine-le-Comte aufbewahrt und 1900 auf der Pariser Weltausstellung im " Pavillon des Missions Catholiques" gezeigt. Seit 1953 haben die Pères des Sacrés Cœurs zu Paris das Original in ihrer Obhut. Das sogen. "Exemplar von Papeete" (s. d.) stellt einen Teilausschnitt von 5 Zeilen der Rückseite des Exemplares B dar.

Die Länge wird mit 40 cm (Jaussen-Alazard), 41 cm (Métraux) oder 43 cm (Jaussen-Ms., Ray, Stephen-Chauvet, Imbelloni), die Breite mit 15 cm (Jaussen-Alazard, Ray), 15.5 cm (Métraux, Imbelloni) oder 16 cm (Jaussen-Ms., Stephen-Chauvet) angegeben. Die Form ist länglich-gestreckt, mit gerundeten Kanten. Das eine Ende ist griffartig eingekerbt ähnlich wie Exemplar E. Jaussen hielt das Holz für Toromiro; nach neueren Untersuchungen gehört es aber zu einer Laurazee. Der Erhaltungszustand kann als gut bezeichnet werden. Auf dem Recto befinden sich 10 Zeilen, auf dem Verso 12. Jaussen zählte 1135 Zeichen, Métraux kam nur auf 960, da er zusammengesetzte Zeichen als Einheit wertete. Eine eigene Zählung ergibt ca. 1290 Elemente. Der Stil ist sicher und elegant.

Die Zeichen auf der Tafel Aruku-Kurenga wurden formenkundlich von Métraux analysiert. Wegen ihrer Bedeutung im Zusammenhang mit den "Metoro-Gesängen" sind die Anfangszeilen von Exemplar B wiederholt studiert worden.

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Exemplar C TOP

Abb.: Jaussen-Ms. 1886, 90
Thomson 1891 pl. 44–45
Lehmann 1907 Abb. 13, 14
Caillot 1910
Corney 1917
v. Hevesy 1933
Stephen-Chauvet 1935 fig. 162–163
Billimoria 1939
Lanyon-Orgill 1953 (Durchzeichnung minderer Qualität).
Lit.: Croft 1874 (vide Churchill 1912)
Palmer 1876
Park Harrison 1876
Jaussen-Ms. 1886, 228ff.
Jaussen-Alazard 1893, 17
de Harlez 1895
Ropiteau 1935, 519–520
Stephen-Chauvet 1935, 74
Heine-Geldern 1938, 834, 851
Métraux 1940, 392
Imbelloni 1951, 98
Lanyon-Orgill 1953, 10, 52–82.


Im Jaussen-Ms. wird das Exemplar C bezeichnet als "Tablette Mamari, du nom de l’artiste ... ou Miro (Mimosa, du nom de l’essence du bois)". Thomson nannte das Stück "ate-a-renga-hokan iti poheraa" nach dem Beginn des Gesanges, den Ure-Vaeiko ungerechtfertigt auf fotografische Aufnahmen dieser Tafel hin anstimmte. Imbelloni bringt Exemplar C in Verbindung mit einem Bericht Routledges, der hier in extenso folgt (1919, 249): "Perhaps the most interesting tablet was one known as the "Kohau-o-te-ranga”. The story was told us sitting on the foundation of a house on the east side of Raraku, the aspect which is not quarried. This house, it was said, had been the abode of two men, who were old when the informant was a boy, and who taught the rongo-rongo; some days ten students would come, other days fifteen. The wives and children of the old men lived in another house lower down the mountains. One of the experts, Archio by name, was a Tupahotu, and had as a friend another member of the same clan called Kaara. Kaara was servant to the Ariki, and had been taught rongo-rongo by him, and Ngaara, trusting him entirely, gave into his care this most valuable kohau known as "ranga". It was the only one of the kind in existence, and was reported to have been brought by the first immigrants; it had the notable property of securing victory to its holders, in such manner that they were able to get hold of the enemy for the "ranga” — that is, as captives or slaves for manual labour. Kaara, anxious to obtain the talisman for his own clan, stole the kohau and gave it to Archio, who kept it in this house. When Ngaara asked for it, the man said that it was at Raraku, but before the Ariki could get hold of it, Archio sent it back to Kaara, and these two thus sent it backwards and forwards to one another, lying to Ngaara when needful. The Ariki seems to have taken a somewhat feeble line, and, instead of punishing his servant, merely tried to bribe him, with the result that he never again saw his kohau. The son of Archio sold it to one of the missionaries, and it is presumably one of those which went to Tahiti.” Nach Routledges Ausführungen besteht bei allen fünf Tafeln (A, B, C, E, P), die P. Roussel nach Tahiti schickte, die theoretische Möglichkeit, daß es sich in einem Falle um ein "kohau-o-te-ranga " handelt. Eine direkte Zuordnung erscheint aber verfrüht. — Das Exemplar C befand sich von 1868 bis 1892 im Besitz von Jaussen und wurde danach in Braine-le-Comte, seit 1953 in Grottaferrata aufbewahrt.

Die Größenangaben sind einheitlich: 30 cm Breite, 21 cm Höhe. Das Stück bildet ein Rechteck mit abgerundeten Ecken und ist nahe der oberen Kante durchbohrt, vielleicht zum Auf- oder Umhängen. Als Material wurde das Holz einer Myrtazee benutzt — nicht Toromiro, wie Jaussen meinte. Der Erhaltungszustand ist gut und die geringfügigen Beschädigungen sind alt. Lanyon-Orgill beklagt eine beträchtliche Verschlechterung zwischen den Jahren 1935 und 1948. Bei einem genauen Studium der Tafel in Grottaferrata 1954 war jedoch kein wesentlicher Unterschied gegenüber älteren Abbildungen festzustellen.

Auf jeder Seite befinden sich 14 Zeilen, für die Jaussen ein Summe von 806 Zeichen angibt. Nach eigener Zählung beläuft sich die Anzahl der Elemente auf ungefähr 1000. Das Lesen der Randzeilen bietet gewisse Schwierigkeiten. Der Stil ist klassisch und etwas eigenwillig, mit strikter Bevorzugung gewisser Schreibvarianten. Ein durch Lanyon-Orgill unternommener Versuch, mit Hilfe der Jaussen-Liste den Inhalt der Texte auf Exemplar C zu bestimmen, brachte keine überzeugenden Resultate.


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Exemplar D TOP

Abb.: Thomson 1891 pl. 42–43
Stephen-Chauvet 1935 fig. 152–153
Aufnahmen im Archiv Grottaferrata (ca. 1900).
Lit.: Jaussen-Alazard 1893, 12, 16 Anm. 1
Stephen-Chauvet 1935, 73
Heine-Geldern 1938, 834
Alazard (Erläuterung zum Original) Ms. 1942
Imbelloni 1951, 98
Lanyon-Orgill 1953, 10.


Das Exemplar D wird in der Literatur wegen seines schlechten Erhaltungszustandes gewöhnlich als "Tablette échancrée" bezeichnet — eine Namensgebung, die gelegentlich zu Verwechslungen mit dem Exemplar B geführt hat. Im Jaussen-Ms. ist die Tafel nicht näher benannt. In der posthumen Ausgabe durch Alazard findet sich die Anmerkung: "Mgr d’Axiéri en avait une cinquième qu’il ne mentionne pas à cause du triste état où elle était". Walter Lehmann nannte sie in seinen Notizen 1917 nach ihrem Entdecker "Gaspard Zumbohmsche Tafel"; Thomson nach den Anfangsworten von Ure-Vaeikos Gesang "Ka-ihiuga".

Die "Tablette échancrée" gelangte als erstes Schriftdenkmal der Osterinsel in europäische Hände und wurde von P. Zumbohm nach Tahiti an Tepano Jaussen überbracht. Am Original in Grottaferrata befindet sich ein Zettel von der Hand des Ildefonse Alazard SS. CC., datiert Braine-le-Comte, 15 avril 1942, welcher die näheren Umstände erläutert. Da diese Notiz unveröffentlicht ist, soll sie hier buchstäblich wiedergegeben werden 1): "Ce N° 143 du Musée de la Maison-mère a Braine-le-Comte est consacré a une pièce historique intéressante. Il s’agit des morceau de bois, entaillé et cassé aux deux extrémités, mesurant 23×16 centimètres, el autour duquel on avait enroulé un long écheveau de cordonnets faits avec des cheveux humains. Ce cordon était compose de 16 cordonets distincts, composes eux mêmes, chacun, d’un double cordonnet qui était formé luimême d’une vingtaine de poils tressès. On voit d’ici ce qu’un pareil ècheveau, long de l6 mètres, reprèsentant de travail de patience de la part des indigénes de l’Ile-de-Pâques. C’était une de leurs industries artistiques. On comprend qu’ils aient en la pensée d’offrir cela à leur Evèque, qu’ils ne connaissaient que de nom. En 1869, le P. Gaspard Zumbohm, revenant de l’Ile-de-Pâques, et passant por Tahiti, portait â Mgr Jaussen ce présent des indigènes de l'Ile-de-Pâques. Ce présent, es l’avouent ensanté autour du morceau de bois, cassé èchancrá aux deux bouts, dont il est ici question; et pour que l’écheveau du cordonnet plit facilement s’y fixer, ils avaient fait une échancrure, une entaille, des 2 côtés opposés de cette planchette que le cordon couvrit entièrement. Quand Mgr Jaussen reçut le prèsent, il dèroula un peu l’echeveau, et aparçut aussetôt que le bois ètait couvert de signes reprèsentantes vaguement des hommes, des poissons, etc. Il demanda s’il n’y aurait pas a l’Ile-de-Pâques d’autres morceaus de bois couverts de signes semblables. On lui rèpondit affirmativement. Et ce fut le point de dèpart le la découverte de quelques autres tablettes ... "

1) Zu lesen u. a.: d’un morceau; on voit ici; ils l’avaient enceint; cassé et échancré; pût. Ähnlich mangelhaftes
    Französisch auch S. 256ff.

Eine ähnliche Schilderung findet sich bei Jaussen-Alazard p. 12–13. Der Vorfall dürfte sich jedoch bereits vor 1869 abgespielt haben, da P. Roussel seine fünf Tafeln schon 1868 erwarb.

Die Tafel gelangte 1892 nach Braine-le-Comte, wurde 1900 auf der Pariser Weltausstellung gezeigt und 1953 nach Grottaferrata überführt.

Als Maße für Exemplar D werden gewöhnlich 15 × 30 cm angegeben. Abweichende Werte bei Alazard erklären sich wohl daraus, daß die Länge wegen der eingekerbten Enden maximal oder minimal gemessen werden kann. Es handelt sich um ein Brettchen mit starken Beschädigungen an den ausgebrochenen Schmalseiten und kerbenartigen Verletzungen der Schriftflächen. Ob es sich um das Bruchstück einer größeren Tafel handelt, ist nicht auszumachen.

Das Holz stammt von Podocarpus latifolia. Nach dem Befund im Herbst 1954 hat sich der Erhaltungszustand seit dem vorigen Jahrhundert nicht verändert.

Auf der einen Seite befinden sich 6, auf der anderen Seite mindestens 7 Zeilen Text, dessen Umfang Imbelloni auf 182 Zeichen beziffert. Einschließlich der beschädigten Formen sind tatsächlich noch ca. 270 Elemente zu erkennen. Der Stil ist klassisch, aber nicht sehr elegant, und zeichnet sich durch einige singuläre Zeichenkonstruktionen aus. Eine Abbildung der aus Menschenhaar geflochtenen Schnur, mit welcher die Tafel umwickelt war, findet sich bei Stephen-Chauvet fig. 151.


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Exemplar E TOP

Abb.: Weisser-Ms. 1877–19, 74 (Recto)
Jaussen-Ms. 1886, 82
Thomson 1891 pl. 36–37, 46
Lavachery 1933 fig. 2–3
Stephen-Chauvet 1935, Hg. 157 bis – 157 ter, 158–159
Lit.: Croft 1874 (vide Churchill 1912)
Palmer 1876
Park Harrison 1876
Jaussen-Ms. 1886, 266ff.
Jaussen-Alazard 1893, 17
Harlez 1896
Lavachery 1933, 101–102
Ropiteau 1935, 518
Stephen-Chauvet 1935, 73–75
Heine-Geldern 1938, 845, 851
Métraux 1940, 393
Imbelloni 1951, 98, 105
Lanyon-Orgill, 1953, 10

Exemplar E wird im Jaussen-Ms. bezeichnet als "Tablette Keiti, du nom de l’artiste", bei Jaussen-Alazard als "La Tablette Vermoulue". Thomson nannte diese Tafel "Apai" (Günther hat darauf aufmerksam gemacht, daß "Apai" als 5. Wort im zugehörigen Gesang von Urevaeiko vorkommt, und damit die Frage Heine-Gelderns nach Bedeutung und Herkunft des Namens beantwortet). Das Exemplar E wurde im Jahre 1868 zusammen mit vier anderen Stücken von P. Roussel auf der Osterinsel erworben und nach Tahiti an den Bischof von Axieri geschickt. Nach Imbelloni kam dann die Tafel 1888 nach Paris, befand sich nach Alazard ab 1889 in Braine-le-Comte und wurde schließlich 1894 bestimmungsgemäß der Universitätsbibliothek zu Löwen (Louvain) übergeben. Im ersten Weltkrieg zerstörte der Brand der Universität 1914 das Original. So ist heute die Textanalyse nur noch nach Abgüssen, Fotos und Abreibungen möglich. Besonders wertvoll ist eine Aufnahme, die J. Weisser um 1882 vom Recto der Tafel auf Tahiti machte bzw. erwarb, und die heute im Hamburger Museum für Völkerkunde aufbewahrt wird.

Als Größenmaße der Tafel werden übereinstimmend 39 × 13 cm angegeben.

Die Form ähnelt in etwa der von Exemplar B. Eine weitere Übereinstimmung zwischen diesen beiden Stücken liegt in der besonderen Textanordnung: jeweils eine nicht über die ganze Tafelbreite verlaufende Zeile ist zwischen normale Zeilen "eingeklemmt".

Die Holzart ist unbekannt.

Die Tafel besaß 8 resp. 9 Zeilen Text auf jeder Seite, nach Jaussens Zählweise insgesamt 822 Schriftzeichen. Nach der hier benutzten Systematik trug sie ca. 880 Elemente. Die Zeichen sind im klassischen Stil ausgeführt.


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Exemplar F TOP

Abb: Stephen-Chauvet 1935 fig.154 (nur eine Seite abgebildet!)
Lit.: Stephen-Chauvet 1935
Heine-Geldern 1938, 895
Métraux 1940, 393
Imbelloni 1951, 99


Im Jaussen-Ms. zu Grottaferrata befindet sich, eingeklebt in die Innenseite des Vorderdeckels, ein Zettel mit der Notiz: "6. Un débris aux côtés ... d’environ 12 × 8 cm, couvert de 99 signes, venant également de Mgr Jaussen, cédé au Dr. Stephen-Chauvet, 35, rue de Granade, Paris (aout 1930) en échange d’autres objets".

Nach Chauvet handelt es sich bei Exemplar F um das von Thomson als 7. Tafel des Bischofs bezeichnete Bruchstück. Das Objekt wurde nach Jaussens Tod in Braine-le-Comte aufbewahrt und 1932(?) an die Privatsammlung Stephen-Chauvet (Paris), zusammen mit einem Tahonga, einem Reimiro und einem Rapa, übereignet.

Die Größe wird mit 11.5 cm × 8 cm bestimmt. Es handelt sich um ein unregelmäßig geformtes Bruchstück aus einem nicht näher bekannten Holz, das auf jeder Seite 6 Zeilen trägt. Bisher ist nur die eine Seite des Exemplares F abgebildet worden. Die Schriftzeichen weisen einen ganz rohen, unbeholfenen Stil auf, der wohl als Verfallsform der klassischen Linienführung zu bewerten ist. Höchstens 40 Elemente sind (ganz oder teilweise) zu erkennen.

Wenn die Angabe eines Gesamttextes von 99 Zeichen zutreffen soll, müßte die nicht bekannte 2. Seite der Tafel eine größere Textdichte besitzen. Trotz des primitiven Duktus ist nicht an eine Fälschung zu denken. Die Zeichenvergesellschaftungen sind von der gleichen Art wie in nachweislich echten Texten aus klassischer Zeit.


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Exemplar G TOP

Abb.: Philippi 1870, VII
Park Harrison 1874, pl. 21–22
Philippi 1875, B1–B2
Thomson 1891, pl. 47–48
Knoche 1925, Abb. 54
Stephen-Chauvet 1935, fig. 160–161
Imbelloni 1951, lám. III, V
Lit.: Philippi 1870, 469–470
MAGW II, 1872, 312
Park Harrison 1874, 370
Palmer 1876, 255 (betr. Gana "Memoria", vgl. Philippi 1875, 676)
Stephen-Chauvet 1935, 74–75
Heine-Geldern 1938, 894–895
Métraux 1940, 392
Imbelloni 1951, 99
Lanyon-Orgill 1953, 11


Das Exemplar G wird in der Literatur gewöhnlich "Kleine Santiagotafel" ("tablilla menor", "la petite tablette de Santiago") genannt. Stephen-Chauvet bezeichnet die unter fig. 160–161 abgebildete Tafel fälschlich als von der "Topaze" nach Washington gebracht; er verwechselt sie wohl mit dem Exemplar R.

Das Objekt wurde zusammen mit dem Exemplar H und einem dritten, später v e r l o r e n g e g a n g e n e n S t ü c k k u r z n a c h d e m B e s u c h d e s b r i t i s c h e n Kriegsschiffes ,,Topaze" (November 1868) von den Missionaren in einem der Steinhäuser (taura renga) gefunden, wo früher die Ariki residierten. Englert (1948, 501) übersetzt "taura renga" mit "cinturón bonito (de variados colores) o cordel que, colgando del cuello, servía a las mujeres para atar y llevar una carga sobre las espaldas". Es liegt nahe, "taura" als die alte polynesische Bezeichnung für "Priester''' aufzufassen. — Im Januar 1870 gelangten die Stücke G und H mit der chilenischen Korvette "O’Higgins" unter Kapitän Gana nach Santiago de Chile, wo sie seither im Museo Nacional de Historia Natural aufbewahrt werden. Exemplar G trägt die Katalognummer 314. Die "photolithographische Nachbildung eines Staniolabdruckes" der kleinen Santiagotafel war die erste in Europa bekannte Wiedergabe eines Schriftdenkmals von der Osterinsel.

Die Länge wird mit 31.7 cm (Imbelloni), 32 cm (Philippi), 32.5 cm (Chauvet) oder 35 cm (Métraux), die Höhe mit 12 cm angegeben. Die Holzstärke beträgt maximal 2 cm. Die Tafel hat etwa, rechteckige Form. Leichte Beschädigungen stammen wohl aus der Zeit, ehe die Schriftzeichen eingeritzt wurden. Beim Holz dürfte es sich um Sophora toromiro handeln.

Auf jeder Seite befinden sich 8 Zeilen mit Schriftzeichen, deren Gesamtzahl Philippi auf rund 500 berechnet. Tatsächlich sind ca. 720 Elemente vorhanden. Der Stil entspricht der besten klassischen Tradition. Inhaltlich stimmt das Recto weitgehend mit dem Text auf dem Exemplar K überein.


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Exemplar H TOP

Abb.: Philippi 1875, C1-C2
Thomson 1891, pl. 47–48
Knoche 1925, Abb. 54
Macmillan Brown 1925, 94
Olderogge 1949 (partielle Umzeichnung)
Imbelloni 1951, lám IV, V
Lit.: Park Harrison 1874, 370
Philippi 1875, 676–677
Stephen-Chauvet 1935, 74
Heine-Geldern 1938, 894
Métraux 1940, 392
Imbelloni 1951, 99
Lanyon-Orgill 1953, 11


Das Exemplar H wird, zur Unterscheidung gegenüber Exemplar G, die "Große Santiagotafel" ("tablilla mayor", "grande tablette") genannt. Die Geschichte des Stückes entspricht jener der kleinen Santiagotafel. Exemplar H wird unter der Katalognummer 315 im Museo Nacional de Historia Natural zu Santiago de Chile aufbewahrt.

Philippi gibt als Größenmaße 11.5 cm × 45 cm, Imbelloni 12.3 cm × 47.5 cm. Die Holzstärke der Tafel ist sehr unterschiedlich, zwischen 1 und 2.3 cm schwankend. Die Form ist leicht geschwungen; die Vorderseite zum Teil durch Feuer zerstört. Eine Randzeile des Verso ist beschädigt. Auf jeder Seite stehen 12 Zeilen Text. Philippi beziffert die Anzahl der Schriftzeichen irrtümlich mit 688. Von dem ursprünglichen Text sind heute noch 1580 Elemente erhalten. Rechnet. man die zerstörten Passagen mit Hilfe der Parallelstellen auf den Leningrader Tafeln hinzu, so kommt man auf einen ursprünglichen Umfang von ca. 1770 Elementen. Der Verlust auf dem Recto beträgt ca. 164, auf dem Verso ca. 26 Zeichen.

Der Stil ist elegant und sicher und kann als gutes Beispiel für die klassische Schreibweise gelten. Die besondere Bedeutung des Textes auf der großen Santiagotafel liegt darin, daß es sich um einen langen Gesangszyklus handelt, von dem zwei weitere (kürzere) Versionen auf den Exemplaren P und Q existieren.


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Exemplar I TOP

Abb.: Philippi 1875, A
Carroll 1892 (partiell nach Philippi)
Knoche 1925, Abb. 52–53
Macmillan Brown 1925, 88, 92, 96 (nach Philippi)
Lit.: Philippi 1875, 676–678 (zitiert Gana)
Bibliothek W. Lehmann, Iberoamerikanische Bibliothek Berlin, Mss. y1584/y1585 8°
Stephen-Chauvet 1935, 75
Métraux 1940, 393
Imbelloni 1951, 99–100
Lanyon-Orgill 1953, 11


Exemplar I, der sogenannte "Santiago-Stab", ist das einzige Überbleibsel einer ganzen Gruppe von Schriftdenkmälern, die zur Zeit Eyraud's noch allgemein vorhanden waren (vgl. Ann. Prop. Foi Vol. 38, 71). Er wurde 1870 beim Besuch der "O’Higgins" von dem französischen Kolonisten Dutroux-Bornier übergeben, der erklärte, es handele sich um einen Besitz eines Ariki. Mutmaßlich sei der Stab als Waffe benutzt worden. Der Kapitän der chilenischen Korvette fragte mehrere Osterinsulaner nach der Bedeutung. Diese wiesen zum Himmel und zeigten solche Ehrfurcht vor den Schriftzeichen des Stabes, daß Kapitän Gana zu dem Schluß kam, es handele sich um ein sakrales oder zeremonielles Objekt. Dieses Unicum befindet sich heute im Museo Nacional de Historia Natural zu Santiago de Chile.

Die Länge des Stabes wird verschieden angegeben: 1.125 m (Philippi), 1.235 m (Imbelloni), 1.25 m (Métraux) und 1.28 (Chauvet). Sein Durchmesser beträgt etwa 6 cm. Der Stab ist an den Enden gerundet und verdickt sich nach der einen Seite. Nach Chauvet handelt es sich um Toromiro-Holz. Die zylinderartige Oberfläche wird von 13 Schriftzeilen bedeckt, zu denen am dickeren Ende des Stabes noch eine kurze 14. Zeile hinzukommt. Philippi numerierte die Zeilen von einem willkürlichen Einsatzpunkt an mit I, II etc. — möglicherweise waren Anfang und Ende des Textes durch die Gabelung der Zeilen XIII–XIV festgelegt. Im Unterschied zu allen sonstigen Inschriften von der Osterinsel finden wir hier kleine, senkrechte Striche zwischen verschieden langen Zeichenfolgen, die der Schreiber augenscheinlich zur Trennung und Untergliederung eingeritzt haben muß. Philippi berechnete die Zahl der Schriftzeichen mit rund 1500; der Gesamttext besteht aber aus ca. 2320 Elementen. Der Stil ist vorzüglich und weist viele singuläre Konstruktionen auf.

Fotografische Wiedergaben des Santiagostabes fehlen — bis auf einen kleinen Ausschnitt bei Knoche — bis heute ganz. Die Anfertigung eines Gipsabgusses scheiterte an der ungewöhnlichen Form. Bleistiftabschreibungen, die Walter Lehmann im Jahre 1929 in Santiago de Chile anfertigte, waren leider unter seinem Nachlaß nicht, mehr aufzufinden. Zeitweilig arbeitete Sr. Cathalifaud auf Anregung von Prof. Imbelloni an einer neuen, sorgfältigen Umzeichnung des Textes. Philippis Zeichnungen können aber noch heute als vorbildlich gelten und sind so sorgfältig, daß ein hoher Grad von Sicherheit bei der Zeichenanalyse gewährleistet ist.


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Exemplar J TOP

Abb.: Edge-Partington 1890, tab. III fig. 1
Lit.: Lanyon-Orgill 1953, 11
Lanyon-Orgill, briefliche Mitteilung 19. 1. 1955


Das Exemplar J gelangte bereits 1870 als Geschenk in das British Museum zu London. Es wurde von Dr. Comrie erworben "from the master of a vessel who brought it from Easter Id".

Nach Lanyon-Orgill könnte es sich entweder um Schiffsarzt Palmer von der "Topaze", die 1868 Rapanui anlief, oder um Leutnant Matthew Harrison von H.M.S. "Malacca" gehandelt haben.

Das Stück ist ein hölzerner Brustschmuck (Reimiro) mit geschnitzten Köpfen an beiden Enden. Seine Länge beträgt 27 Zoll. Das Londoner Rei-Miro I besteht aus hartem, braunem Holz, welches nahe der Mitte zwei Durchbohrungen zum Umhängen aufweist. Während die Rückseite nur eine flache Einkerbung besitzt, befinden sich auf der Vorderseite zwei Schriftzeichen von zweifelsfrei klassischem Typus. Lanyon-Orgill sah in Exemplar J anfangs ein Falsifikat, hat aber inzwischen (nach brieflicher Mitteilung) diese Auffassung revidiert.


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Exemplar K TOP

Abb.: Dalton 1904, 1 pl. A
Corney 1908, 128
Routledge 1919, fig. 98 (recto)
Stephen-Chauvet 1935, fig. 164
Billimoria 1939, bei p. 96
Lit. : Dalton 1904, 1
Stephen-Chauvet 1935, 74
Heine-Geldern 1938, 899
Métraux 1940, 392
Métraux 1938, 1
Imbelloni 1951, 100
Lanyon-Orgill 1953, 10

Exemplar K, die "Londoner Tafel", wurde am 25. 11. 1903 als persönliches Geschenk von O. M. Dalton dem British Museum übergeben (Katalog-Nr. 1903–150). Nach brieflicher Mitteilung von Lanyon-Orgill scheint der Museumsmann das Objekt um die Jahrhundertwende in einem Antiquitätenladen des Londoner Hafengebietes erstanden zu haben. Dalton erwähnt, daß die Tafel über 30 Jahre in den Händen des Vorbesitzers gewesen sei. Nimmt man also an, das Stück sei bereits zu Beginn der 70er Jahre in England gewesen, so erscheinen zwei Herkunftshypothesen plausibel: nach Imbelloni könnte es sich um jene "dritte Tafel" handeln, die 1870 auf der "O’Higgins" mitgeführt wurde und später auf dem Wege nach Paris verloren ging. Größere Wahrscheinlichkeit hat vielleicht die Vermutung, daß Exemplar K zur Sammlung Palmer gehörte, die auf den Besuch der "Topaze" 1868 zurückgeht. Die Londoner Tafel ist 21 cm (8.6 inches) lang und 7.3 cm hoch. Ihre Umriss ergeben ein schmales, längliches Rechteck. Das harte, dunkle Holz dürfte Toromiro sein. Das Stück wirkt ziemlich abgegriffen, möglicherweise durch häufigen Gebrauch. Jede Seite ist mit drei kompletten und zwei unvollständigen Randzeilen beschrieben. Der Textumfang wird in der Literatur mit ca. 150 Zeichen angegeben. Ursprünglich dürfte es sich um etwa 290 Elemente (davon etwa 120 in den Randzeilen) gehandelt haben, wie sich aus den parallelen Passagen vom Recto des Exemplares G errechnen läßt. Métraux bezweifelte aus stilistischen Gründen die Authentizität der Londoner Tafel. Zwar sind die Zeichen nicht so elegant wie auf den meisten anderen klassischen Schriftdenkmälern ausgeführt; an der inneren Zugehörigkeit zur alten Kultur der Osterinsel ist jedoch kein Zweifel möglich. So handelt es sich keineswegs um eine bloße Kopie von Exemplar G, sondern um eine eigenständige Paraphrase der dortigen Tradition mit bemerkenswerten Nuancen. Das vermutliche Alter des Stückes spricht auch gegen die Vermutung Heine-Gelderns, es könne beispielsweise von Tomenika zu Verkaufszwecken hergestellt worden sein. Auch als bloße Schülerarbeit möchten wir die Londoner Tafel nicht abtun.


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Exemplar L TOP

Abb.: Stolpe 1883, 169
Ratzel 1886, Bd. II, Kap. 11 (Zeichnung)
Dalton 1904, pl. A
Corney 1908, 14
Routledge 1919 fig. 115
Stephen-Chauvet 1935, fig. 84
Lavachery 1939, 11
Lit.: Dalton 1904
Stephen-Chauvet 1935, 75
Métraux 1940, 393
Imbelloni 1951, 100–101
Lanyon-Orgill. 1953, 11, 83–85


Das Exemplar L, ein Reimiro-Brustschmuck, wurde 1875 von Dr. W. S. Simpson für die Christy Collection in London erworben und befindet sich unter der Katalognr. 9295 im British Museum.

Das Londoner Reimiro II ist 53 cm lang und durchschnittlich 11 cm breit. Es trägt an seinen beiden Enden bärtige Köpfe — mit ähnlichen Gesichtszügen wie die Moai-kavakava — und ist aus Toromiroholz verfertigt. Im Gegensatz zur glatten Rückseite sind in die Vorderfläche in einer Zeile Schriftzeichen mit maximal 50 Elementen eingeritzt. Der Stil ist klassisch und weist eine Reihe singulärer Formen auf. Möglicherweise diente der Text als Vorbild für die nachträglich eingeritzten Zeichen auf dem sogen. "australischen Reimiro".

Zum weiteren Verständnis der Exemplare J und L vgl. die Ausführungen über derartigen Brustschmuck bei Métraux 1940, 230–232; Stephen-Chauvet 1935, 53–54; Lanyon-Orgill 1953; Lavachery 1939.


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Exemplar M TOP

Abb.: Haberlandt 1886, Tafel X Fig. 1
Lit.: Haberlandt 1886, 101–102
Stephen-Chauvet 1935, 75
Heine-Geldern 1938, 834
Métraux 1940, 392
Imbelloni 1951, 101–102
Lanyon-Orgill 1953, 10
Briefliche Mitteilung des Wiener Völkerkundemuseums (19. 8. 1953)


Exemplar M, die große Wientafel, stammt aus der Sammlung des k. u. k. Vizekonsuls Heinrich Freiherr von Westenholz in Hamburg und wurde 1886 durch die Firma Klee & Kocher in Hamburg für das Museum für Völkerkunde zu Wien erworben. Das Stück führt die Inventar-Nr. 22869. Seine Größe beträgt 28.5 cm × 14 cm. Die Rückseite des stark beschädigten Exemplares ist vollständig zerstört, das Recto trägt noch Überreste einiger Schriftzeichen. Während als Material ursprünglich Toromiroholz genannt wird, sprechen spätere Untersuchungen der beiden Tafeln zu Wien von Thespesia populnea resp. Podocarpus latifolia.

Haberlandt zählte 61 Zeichen und Reste von solchen. An einem Gipsabguß ließen sich maximal 50 Elemente erkennen. Ursprünglich dürfte eine Seite der Tafel mindestens 9 Zeilen zu 40–50 Elementen besessen haben. Der Stil ist klassisch und der autonome Text sicherlich echt. Ein "Andreaskreuz" in der Randzeile hat Anlaß zu Zweifeln an der Authentizität des Stückes gegeben. De facto handelt es sich um unser Zeichen 14, das aus mehreren alten Texten belegt ist. Bei dem geringen Umfang der erhaltenen Passagen dürfen aus dem spärlichen Vorkommen menschenförmiger Zeichen keine Folgerungen hinsichtlich einer Sonderstellung von Exemplar M gezogen werden.


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Exemplar N TOP

Abb.: Haberlandt 1886, Tafel X, Fig. 2, 2a
Lit.: Haberlandt 1886, 102
Stephen-Chauvet 1935, 75
Heine-Geldern 1938, 834
Métraux 1940, 392
Imbelloni 1951, 101
Lanyon-Orgill 1953, 10
Briefliche Mitteilung des Wiener Völkerkundemuseums (19. 8. 1953)


Exemplar N, die kleine Wientafel, gehörte ebenso wie Exemplar M zur Sammlung Westenholz und kam 1886 von Hamburg nach Wien. Die Tafel wird dort unter der Inv.-Nr. 22870 aufbewahrt. Ihre Ausmaße betragen 25.5 cm × 5.2 cm. Von dem länglich-rechteckigen, leicht gewölbten Brettchen sind zumindest an einem Ende Teile abgesplittert. Das Holz dürfte Thespesia populnea oder Podocarpus latifolia sein. Stilistisch gehört der Text zweifellos in die klassische Zeit. Haberlandt zählte 173 Zeichen und Zeichenreste. Jede Seite besitzt fünf Zeilen, die — nach Prüfung an einem Gipsabguß — ca. 220 Elemente umfassen.


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Exemplar O TOP

Abb.: Bastian 1883, Cap. VII (Zeichnung. Vgl. ZfE XV, 195)
Imbelloni 1951, lám. VIII a, b
Fotos Nachlaß W. Lehmann
Fotos nach Diapositiven im Berliner Museum für Völkerkunde
Lit.: Métraux 1940, 392
Imbelloni 1951, 101
Lanyon-Orgill 1953, 10


Exemplar O, die Berlintafel, wurde 1883 dem Kgl. Museum für Völkerkunde zu Berlin vom deutschen Konsul in Valparaiso Schlubach zum Geschenk gemacht. Das Stück ist 1.03 m lang und etwa 13 cm breit. Die gekrümmte Form läßt vermuten, daß es sich um ein Kanuteil handelte. Leider ist der Erhaltungszustand äußerst schlecht. Die Rückseite ist gänzlich zerstört; die Vorderseite enthält Reste von Schriftzeichen in wenigstens sieben Zeilen. Mutmaßlich waren es einst 10 Zeilen mit einem Textumfang von 1200 bis 1300 Elementen — heute können nur noch rund 7% davon mit einiger Sicherheit definiert werden (bestenfalls 90 Elemente). Selbst diese Reste beweisen noch, daß es sich a) um einen selbständigen Text, b) um die klassische Schreibweise handelt. Das Stück befindet sich — nach einer vorübergehenden Auslagerung nach Celle — wieder im Berliner Museum für Völkerkunde.


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Exemplar P TOP

Abb.: Piotrowski 1925 Pl. 1
Olderogge 1949
Fotos Nachlaß W. Lehmann (von Gipsabguß VI 20210 MV Berlin, durch Austausch
von Prof. v. Luschan erworben)
Lit.: Miklukho-Maklaj 1872, 79
Piotrowski 1925, 425--431
Stephen-Chauvet 1935, 74
Heine-Geldern 1938, 893, 895
Métraux 1940, 392–393
Olderogge 1947, 234–238
Olderogge 1948, 85–90
Olderogge 1949, 222–236
Imbelloni 951, 102
Lanyon-Orgill 1953, 10


Der russische Ethnograph Miklukho-Maklaj erhielt im Juli 1871, während des Aufenthalts der Korvette "Vitias" vor Papeete, von Bischof Jaussen das Exemplar P. Es gehörte zu jener Gruppe von Tafeln, welche P. Roussel drei Jahre zuvor nach Tahiti geschickt hatte (A, B, C, E). Die Exemplare P und Q waren die ersten Originale, die in Europa eintrafen. Nach dem Tode Miklukho-Maklajs 1891 gingen mit dessen Sammlung auch die beiden Schrifttafeln in Museumsbesitz über. Exemplar P befindet sich heute unter der Katalognummer 402-13a im Museum für Anthropologie und Ethnographie der Akademie der Wissenschaften der UdSSR zu Leningrad. Der wirkliche Name der Tafel ist unbekannt. Piotrowski nannte sie "tablette A"; Kudrjawzew "MAE II". Zur Unterscheidung von Exemplar Q empfiehlt sich die Bezeichnung "Große Leningradtafel".

Ihre Länge beträgt 62 cm, die Maximalbreite 14 cm. Das griffartige Ende ist ca. 24 cm lang und 8–10 cm breit. Die größte Stärke beträgt 2.5 cm. Ihre Form entspricht im Typus einer extremen Variation der Exemplare B und E. Die große Leningradtafel besteht aus Toromiroholz und ist, abgesehen von geringfügigen Beschädigungen am oberen Rande durch Löcher, Gruben und Einkerbungen, gut erhalten.

Jede Seite ist mit 11 Zeilen beschrieben, davon jeweils 8 auf dem schmaleren Griff. Der Textumfang beläuft sich auf 1540 Elemente, die im klassischen Stil ausgeführt sind. Inhaltlich handelt es sich um eine Paraphrase der Traditionen auf Exemplar H bzw. Exemplar Q (letztere Stücke stehen sich näher).


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Exemplar Q TOP

Abb.: Piotrowski 1925 Pl. 2
Olderogge 1949
Fotos Nachlaß W. Lehmann (von Gipsabguß VI 20211 MV Berlin)
Lit.: Miklucho-Maklaj 1872, 79
Piotrowski 1925, 425–431
Stephen-Chauvet 1935, 74
Heine-Geldern 1938, 893, 895 Métraux 1940, 392–393
Olderogge 1947, 234–238
Olderogge 1948,85–90
Olderogge 1949, 222–236
Imbelloni 1951, 102
Lanyon-Orgill 1953, 10


Exemplar Q, die "Kleine Leningradtafel" (Piotrowski: "tablette B", Olderogge "MAE I"), stammt aus der Sammlung Miklucho-Maklaj und wird heute unter der Katalognr. 402-13b im Leningrader Ethnographischen Museum aufbewahrt. Miklucho-Maklaj erwarb das Stück 1871 auf der Reise der "Vitias" durch Polynesien; vermutlich nicht unmittelbar auf der Osterinsel (wo die russische Korvette nur wenige Stunden in der Bucht von Hangaroa vor Anker lag), sondern in Mangareva (von P. Roussel ?) oder Tahiti. An beiden Orten lebten zu jener Zeit Gruppen von Osterinsulanern, die möglicherweise noch im Besitz von Schrifttafeln waren.

Exemplar Q ist unvollständig — das eine Ende muß ursprünglich mehrere cm länger gewesen sein. Je nach Berücksichtigung der Krümmung beläuft sich die Länge auf 42–44 cm, die maximale Breite auf 9 cm. Das Holz ist bis zu 30 mm stark und stammt von der Sophora tetraptera. Die krumm-stumpfwinklig gebogene Tafel dürfte beim Kanubau Verwendung gefunden haben und erinnert in ihren Umrissen an das Exemplar O. Das Objekt weist verschiedene Beschädigungen unmittelbar auf den Planseiten auf. Recto und Verso tragen je acht durchlaufende Zeilen nebst einer kurzen Zeile am mittleren Rand der konvexen Längsseite. Die Schriftzeichen gehören stilistisch zur klassischen Schule, sind allerdings etwas gröber ausgeführt als in den parallelen Texten auf den Exemplaren H und P. Heute sind noch ca. 900 Elemente zu lesen; früher dürften es 1100–1200 gewesen sein.


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Exemplar R TOP

Abb.: Thomson 1891, pl. 38–39
Stephen-Chauvet 1935, fig. 165–166
Ross 1940, pl. 1–2
Smithsonian Institution Neg. No. 31150-B, - C
Lit.: Thomson 1891, 514
Stephen-Chauvet 1935, 73, 75
Heine-Geldern 1938, 895
Métraux 1940, 392
Ross 1940, 556–563
Imbelloni 1951, 103
Lanyon-Orgill 1953, 17–28


W. J. Thomson, Schiffszahlmeister der nordamerikanischen "Mohican", erwarb das Stück im Dezember 1886 auf der Osterinsel von einem Eingeborenen und schenkte es später dem US National Museum zu Washington. Dort befindet es sich unter der Katalognr. 129773 in der Obhut der Smithsonian Institution. Nach den Anfangsworten von Ure-Vaeikos Gesang wird Exemplar R gewöhnlich als "Atua-mata-riri" bezeichnet. Zwischen jener mündlichen Tradition und dem Tafeltext besteht jedoch kein Zusammenhang. Erinnert man sich daran, daß Thomson ja bei seiner nächtlichen Befragung dem Ure-Vaeiko nur Fotos von den in Tahiti befindlichen Stücken vorlegte, so bleibt unerfindlich, auf Grund welcher Verwechslung es zu der irreführenden Namengebung für das Exemplar R kam, welches überhaupt erst zum selben Zeitpunkt auf der Osterinsel erstanden wurde! Es empfiehlt sich, die neutrale Bezeichnung "kleine Washingtontafel" anzuwenden.

Exemplar R ist maximal 24 cm (9½ inches) lang und 9 cm (3½ inches) breit. Die Holzstärke beträgt; bis zu 18 mm; die Holzart wurde bisher nicht eindeutig identifiziert ("Toromiro" nach Thomson; "Hartholz" nach Museumsexperten in Washington). Die gestreckte Form der Tafel mit abgerundeten Ecken ist unvollständig. Nach dem abgebrochenen schmalen Ende zu urteilen, dürfte das Objekt einstmals mehrere cm länger gewesen sein. Auch die Schriftflächen sind an verschiedenen Stellen beschädigt. Jede Seite der kleinen Washingtontafel weist acht vollständige Zeilen Text auf; über die leicht konkave Längskante ist möglicherweise eine 9. Zeile "gekippt" worden. Der Textumfang beträgt heute rund 460 Elemente (gegenüber ursprünglich ca. 600). Der klassische Stil ist formschön und sicher in seiner Linienführung.


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Exemplar S TOP

Abb.: Thomson 1891 pl. 40–41 (Gipsabguß mit schwarz nachgezogenen Schriftzeichen, vgl.
Smithson. Inst. Neg. No. 5750)
Imbelloni 1953, lám. VIII c, d (nur partiell)
Smithsonian Institution Neg. No. 31150, -A
Lit.: Thomson 1891, 514
Stephen-Chauvet 1935, 75
Heine-Geldern 1938, 834
Métraux 1940, 392
Imbelloni 1951, 103
Lanyon-Orgill 1953, 10


Thomsons Benennung für das Exemplar S, "Eaha to ran ariiki kete" nach den Anfangsworten eines Ure-Vaeiko-Gesanges, ist so wenig gerechtfertigt wie seine Namengebung für das Exemplar R. Auch in diesem Falle war die Tafel weder unmittelbare Vorlage noch enthält sie den aufgezeichneten Gesangstext. Im Gegensatz zur "kleinen Washingtontafel" erscheint für sie der Terminus "große Washingtontafel" am Platze. Das Stück wurde im Dezember 1886 beim Besuch der "Mohican" auf der Osterinsel erworben und 1890 von Thomson dem United States National Museum zu Washington überlassen, wo es heute in der Smithsonian Institution unter der Cat. No. 129774 aufbewahrt wird.

Die große Washingtontafel ist 63 cm (25 inches; nicht 80.8 cm, wie Imbelloni meint) lang und 12 cm (4? inches) breit. Das Holz ist bis zu 16 mm stark und gehört zu Podocarpus latifolia. Exemplar S hat den Umriß eines länglichen Brettes, das sich nach einer Seite hin zuspitzt. Vermutlich wurde das Holzstück für den Kanubau verwendet. Bei der dafür notwendigen Bearbeitung ging dann ein Teil der rechteckigen Ursprungsform verloren. Beide Schriftflächen sind in erheblichem Umfang durch Brand beschädigt. Der Textverlust ist beklagenswert hoch. Auf Seite a befinden sich acht, auf Seite b mindestens neun Zeilen. Insgesamt lassen sich heute noch ca. 720 Elemente identifizieren. Das unbeschädigte Stück dürfte einen Textumfang von ca. 1200 Elementen besessen haben. Aufnahmen der Smithsonian Institution lassen erkennen, daß die große Washingtontafel ein Produkt der besten klassischen Schreiberschule war (in Thomsons Wiedergabe kommt der elegante Stil nicht zur Geltung).


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Exemplar T TOP

Abb.: Métraux 1938, fig. 1
Foto B. P. Bishop, Museum, Honolulu
Lit.: Stephen-Chauvet 1935, 75
Métraux 1938, 1
Heine-Geldern 1938, 899
Métraux 1940, 393
Imbelloni 1951, 103–104
Lanyon-Orgill 1953, 11
E. H. Bryan, Jr. (briefliche Mitteilung vom 8. 12. 1954)


Das Exemplar T kam gemeinsam mit den Stücken U und V im August 1920 in den Besitz des Bernice P. Bishop Museums zu Honolulu. Vorher gehörte es zur Sammlung J. L. Young in Auckland, Neuseeland. Zeit und Art der Erwerbung durch Young sind nicht bekannt. Das Fragment trägt die Katalognr. B. 3629. Das Exemplar T befindet sich in einem sehr schlechten Erhaltungszustande. Die eine Seite ist vollständig, die andere zum großen Teil durch Witterungseinflüsse und Insektenfraß zerstört. Métraux vermutet, daß sich das Objekt in einem Höhlenversteck befand und die dem feuchten Erdboden zugekehrte Fläche vermoderte. Außerdem sind Brandspuren zu erkennen. Das Bruchstück hat folgende Dimensionen: 30 cm Länge, 9 cm Breite und 18 mm Stärke. Die Holzart steht nicht fest.

Der Originaltext umfaßte 11 Zeilen, von denen noch etwa 140–150 Schriftelemente identifizierbar sind. Ursprünglich dürften wenigstens 400 Zeichen zu einer Seite gehört haben. Die Sorgfalt des klassischen Stils ist noch deutlich zu erkennen. Thematisch ist die Tafel B. 3629 eng mit dem Text des Santiagostabes verwandt.


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Exemplar U TOP

Abb.: Métraux 1938, fig. 2
Foto B. P. Bishop Museum, Honolulu
Lit.: wie Exemplar T


Auch das Exemplar U stammt aus der Sammlung Young und befindet sich seit dem Jahre 1920 unter der Katalognr. B. 3623 in Bernice P. Bishop Museum zu Honolulu. Seine Länge beträgt 68 cm, seine Breite 8 cm. Das Holz unbekannter Provenienz ist 22 mm stark. Die Umrisse dieses Objektes gleichen einem länglichen Holzstreifen mit ausgefransten Enden. Auf der flachen Rückseite sind keine Zeichen mehr erhalten. Die konvexe Vorderseite zeigt rund um ein Astloch, wo die Verwitterung nicht so rasch fortschreiten konnte, noch 20–30 ganze oder unvollständige Schriftelemente. Der Stil wirkt etwas nachlässig. — Ursprünglich scheint eine Seite sechs Textzeilen mit 400–500 Elementen besessen zu haben.


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Exemplar V TOP

Abb.: Foto B. P. Bisbop Museum, Honolulu
Lit.: wie Exemplar T


Exemplar V gehört als drittes Schriftdenkmal zur Sammlung Young; seit 1920 unter der Katalognr. B. 3622 zum Bernice P. Bishop Museum.

Métraux verzichtete auf eine nähere Beschreibung, weil ihm die Authentizität des Objektes fraglich erschien. Obgleich die 22 Zeichen mit einem Stahlwerkzeug in ungelenker Linienführung eingeritzt sind, liegen später zu erörternde Anhaltspunkte dafür vor, daß es sich keineswegs um eine Fälschung, sondern um den Sonderfall eines schrifttragenden Stückes handeln dürfte.

Das recht gut erhaltene Holzstück ist 71 cm lang, 8 bis 9 cm breit und maximal 3 cm stark. Ohne die sonst übliche Vorbereitung des Untergrundes durch eine Längskerbe sind auf der Vorderseite 20 Elemente der klassischen Schrift eingeritzt, denen am Mittelteil des oberen Randes zwei etwas größere Zeichen folgen.


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Exemplar W TOP

Abb.: Métraux 1938, fig. 3
Lit.: wie Exemplar T


Das Exemplar W wurde im Jahre 1886 beim Besuch der "Mohican" von Leutnant Symonds auf der Osterinsel erworben. 1914 gelangte es dann als Geschenk der Familie Gifford in das Bishop Museum, wo es die Katalognr. B. 445 erhielt. Es handelt sich um ein bloßes Tafelfragment von 6 cm Länge und 2 cm Breite, auf dem lediglich drei Schriftzeichen stehen.


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Exemplar X TOP

Abb.: Linton-Wingert 1946, p. 44
Wolff 1948, Pl. XV d unveröffentlichte Zeichnung des American Museum of Natural
History, New York (erhalten mit Brief vom 24. 1. 1955)
Lit.: Heine-Geldern 1938, 896
Métraux 1940, 256, 393
Lanyon-Orgill 1953, 11, 87–88


Das Exemplar X stellt einen sogenannten "Vogelmann" (bird-man; manu miro = "Vogel-Holz" nach Lanyon-Orgill) dar, der unter der Katalognummer S. 5309 im AMNH zu New York aufbewahrt wird. Dieser Vogelmann besteht aus Toromiroholz und ist 44 cm hoch.

In verschiedene Körperteile sind kurze Inschriften eingeritzt. Die Zeichen sind sorgfältig und im klassischen Stil ausgeführt, bestehen aber aus so feinen Linien, daß diese bei der Kopie mitunter nicht in vollem Umfange verfolgt werden konnten.

Der Gesamttext dürfte maximal 35–40 Elemente betragen haben. Er verteilt sich auf kurze Abschnitte mit Längen von 2 bis 12 Schriftzeichen. Sämtliche Texte befinden sich rechts von der Körperachse, und zwar auf: Schnabel, Hinterkopf, Nacken, Brust, Kreuz, Unterleib und Oberschenkel.

Die Abbildungen bei Linton-Wingert und Wolff lassen die minutiös eingeritzten Inschriften nicht erkennen.


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Gefälschte ObjekteTOP

Die lebhafte Nachfrage nach Objekten mit Inschriften führte bereits im vorigen Jahrhundert dazu, daß auf der Osterinsel Fälschungen hergestellt wurden. Gewerbsmäßig und in Zusammenarbeit mit Kunsthändlern sind eingeborene Handwerker jedoch erst seit ungefähr 30 Jahren tätig. Heute findet man in den verschiedensten Sammlungen Falsifikate aus Holz oder Stein, von denen der Wissenschaft nur ein Bruchteil bekannt sein dürfte. Eine merkwürdige Situation ist in einem Falle gegeben, wo ein altes Ethnographicum erst nachträglich mit Schriftzeichen versehen worden ist.

Beim Besuch der "Hyäne" im September 1882 erwarb J. Weisser von Salmon einen hölzernen Brustschmuck, ein Reimiro, das als authentisches Stück aus dem Besitz der früheren Könige galt 1). Form und Erhaltungszustand des Objektes sprechen dafür, daß es sich wirklich um ein altes Reimiro handelt, daß längere Zeit in einem Versteck gelegen haben muß. Das Exemplar wurde dann später an das Australian Museum in Sidney verkauft 2).

1) Geiseler 1883, 35
2) Geiseler 1883, 49; Thorpe 1924, 149–150; Heine-Geldern 1938, 836, 899; Métraux 1938, 1; Lanyon-Orgill 1953,
    11, 85–86.

Es ist 32 cm lang und zwischen 7.5 und 9 cm breit. Seine Vorderseite trägt eine Anzahl ungewöhnlicher Schriftzeichen, die sich nach Anordnung und Ausführung deutlich von anderen Schriftdenkmälern unterscheiden 1). Die Art der Liniengebung läßt klar erkennen, daß die Schriftzeichen mit einem stählernen Werkzeug eingeschnitten wurden. Die Vögel und geometrischen Figuren wirken wie die Arbeit eines Schülers oder Laien; die Formen gehören weder zur klassischen Osterinselschrift noch zur Tau-Schrift. Interessant sind drei Motive, die an Zeichen 51 erinnern, denn dieses Zeichen hat die Eigenart, nur außerhalb normaler Schrifttafeln Verwendung zu finden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ein Reimiro mit echter Inschrift als Vorlage benutzt wurde, doch wird sich wohl nie klären lassen, ob damit die magische Kraft der echten Schriftzeichen auf den im Original inschriftenleeren Brustschmuck übertragen oder ob lediglich der Handelswert erhöht werden sollte.

Einen ähnlich unbeholfenen Stil weisen fünf Zeichen auf, die in einen gelblichen Holzstab von der Osterinsel (Berliner Museum für Völkerkunde, Katalognummer VI 4872) eingeritzt sind. Nach Walter Lehmann handelt es sich bei dem Stück um den "Griff für eine Obsidianbeilklinge aus dem 19. Jahrhundert" 2). Ein echter Text liegt auch hier nicht vor. An Beispielen für rezente Fälschungen sind bisher bekannt:

a.) Die Tafel Nr. 6442 im Lateran-Museum zu Rom: Eine plumpe Nachahmung aus Apfelbaumholz 3).

b) Die Tafel des Museums von Concepción in Chile. Im Januar 1939 konnte Imbelloni sich durch Augenschein vergewissern, daß sie zum Typ der für Turisten hergestellten groben Falsifikate gehört 4). TOP

e) Die Tafel Nr. 391841 im United States National Museum zu Washington. Dem Verfasser wurden Photographien und anderes Quellenmaterial von der Smithsonian Institution zur Beurteilung überlassen. Das Objekt wurde am 17. 1. 1932 bei dem Antiquitätenhändler Paul I. Nordmann in Papeete erworben und am 17. 11. 1948 von Mr. Bissel dem United States National Museum geschenkt. Nach einer Photokopie des Verkaufsbriefes zu urteilen, stammt dieses Exemplar angeblich aus dem Besitz der Familie Salmon-Brander auf Tahiti. Der Text auf den beiden Tafelseiten besteht aus je vier Zeilen und ist mit einem Stahlwerkzeug eingeschnitten worden. Die Anordnung im Bustrophedon fehlt; die Details der Schriftzeichen sind ungenau und ohne Kenntnis der klassischen Schreibregeln ausgeführt. Als Quelle für den Text kann Zeile 11 des Santiagostabes nachgewiesen werden. Der Fälscher benutzte als Vorlage bei seiner Arbeit vermutlich das Buch von Macmillan Brown 5) und versuchte eine Verschleierung, indem er die dort abgebildete Reihenfolge umkehrte.

d) Eine Tafel von der Form eines Fisches wurde durch Captain A. W. Fuller (London) als Musterbeispiel für eine rezente Fälschung erworben 6).

1) Zeichnung bei Geiseler 1883, Tafel 21; Photographie bei Thorpe 1924, 149.
2) Notiz und Skizze vom 4. 2. 1932 im Nachlaß.
3) Métraux 1940, 392; Lanyon-Orgill 1953, 11.
4) Imbelloni 1951, 97; Lanyon Orgill 1953, 11.
5) Macmillan Brown 1925, Abbildung bei S. 81. Vgl. hierzu auch Barthel 1956c.
6) Heine-Geldern 1938, 897; Lanyon-Orgill 1953, 11. Nach brieflicher Mitteilung vom 19.1. 1955 fehlt gegenwärtig von
    diesem Stück jede Spur. Vgl. aber auch Métraux 1956 p. 15
.

e) Eine kleine Steintafel in der Sammlung Reed (Valparaíso) 1). Auf der einen Seite stehen fünf Zeilen mit Schriftzeichen, auf der anderen vier Figuren nach Art der Petroglyphen in Orongo. Die Vorlage für diesen "Text" findet man in dem populärwissenschaftlichen Buch von Schulze-Maizier 2); der "terminus post quem" kann daraus bequem abgeleitet werden 3).

Nach Heine-Geldern 4) wurde dem British Museum in den 30er Jahren ein ähnliches Falsifikat angeboten. Die franko-belgische Osterinsel-Expedition konnte an Ort und Stelle beobachten, wie steinerne Schrifttafeln hergestellt wurden.

1) Nach brieflichen Mitteilungen durch Imbelloni vom 1. 4 und 5. 5. 1954.
2) o. J., Tafeln 21 (beide oberen Zeilen) und p. 193 (fig. 16–19 nach Balfour).
3) Vgl. auch Imbelloni 1953–54, 231–234 und fig. 3 und 4.
4) Heine-Geldern 1938, 897. Ferner briefliche Mitteilung Métraux. TOP


Verluste und Hoffnungen

Durch das gewaltsame Ende der alten Osterinsel-Kultur hat der Bestand an Schriftdenkmälern unersetzbare Verluste erlitten. Freilich waren Tafeln auch in der klassischen Periode vor 1862 häufig in Stammesfehden der Vernichtung ausgesetzt, doch sicherte damals die Existenz von Schreibschulen ein Kontinuum literarischer Zeugnisse. Auffällig ist die Tatsache, daß unter den zwei Dutzend erhaltenen Exemplaren nicht weniger als fünf Fälle von Textparaphrasen vorkommen 5). Diese Lage läßt sich nur damit erklären, daß die alten Traditionen immer wieder in kaum abgewandelten Fassungen auf neue Unterlagen geschrieben wurden und so "alter Wein in neuen Schläuchen" vorrätig blieb. Noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts müssen Hunderte von Schriftdenkmälern auf der Osterinsel vorhanden gewesen sein. Schon damals wurden Tafeln nach dem Tode ihres Besitzers verborgen, entweder als Beigaben in den Grabkammern der Ahu oder in einem der zahlreichen Höhlenverstecke.

Im Jahre 1864, also bereits nach dem verheerenden Überfall der peruanischen Menschenjäger, berichtete Eyraud, daß Tafeln und Stäbe mit Schriftzeichen in allen Häusern vorkämen. Ob sich die Missionstätigkeit dahin auswirkte, daß Tafeln — als Zeugnisse des besiegten Heidentums — von den Osterinsulanern selbst verbrannt wurden, läßt sich heute nicht mehr entscheiden. Mit dem Erlöschen der literarischen Traditionen verloren die Schriftdenkmäler jedenfalls ihre Sonderstellung und wurden schließlich für den Kanubau und als Brennholz verwendet. Die letzten Reste hielten sich bis zum Jahre 1886, als Thomson die authentischen Tafeln R und S erwerben konnte. Beim Besuch der "Hyäne" im September 1882 waren noch zwei Schrifttafeln im Besitz des Häuptlings Hangéto. Da der geforderte Preis zu hoch erschien, wollte Salmon die Stücke kaufen und dann an den Konsul Godeffroy in Tahiti zur Weiterleitung nach Deutschland übersenden 6). Vermutlich hat es sich dabei um die beiden im Jahre 1886 von Hamburg nach Wien gelangten Fragmente M und N gehandelt. Knoches Bemühungen vor dem ersten Weltkrieg (1911) blieben bereits ohne Ergebnis 7).

5) H, P und Q sowie G und K.
6) Geiseler 1883, 24.
7) Knoche 1925, 242. TOP

Nicht einmal die geringe Zahl der im vorigen Jahrhundert von Europäern gesammelten Exemplare ist heute noch vorhanden. Während von der Tafel "Keiti", die 1914 beim Brand der Universität Löwen vernichtet wurde, wenigstens der Text durch Gipsabguß und Photographie für die Wissenschaft bewahrt blieb, fehlen von mehreren anderen Objekten jegliche Abbildungen oder detaillierte Beschreibungen:

a) Beim Besuch der "O’Higgins" im Jahre 1870 übergaben die Missionare außer den Exemplaren G und H noch eine dritte Schrifttafel, die sie in einem Steinhaus gefunden hatten, an Kapitän Gana zur Weitersendung nach Paris. Dieses Stück hat jedoch niemals seinen Bestimmungsort erreicht. Sollte es in den Wirren des deutsch-französischen Krieges verloren gegangen sein? 1)

b) Croft berichtet in einem Brief aus Papeete an die "California Academy of Sciences" von einer Schrifttafel, in deren Besitz sich der amerikanische Maat Calligan als Schiffbrüchiger auf der Osterinsel gesetzt und die er seiner Frau nach Kalifornien geschickt habe 2). Auf diese "San Francisco-Tafel" wies später Tregear hin 3). Nach Imbelloni ging das Stück dann bei dem großen Brand von San Francisco im Jahre 1906 verloren 4).

c) Thomson behauptet, er habe eine mit Inschriften bedeckte Kalebasse erworben, die er als ein "very old specimen from an ancient tomb" beschreibt. 5). Seine Sammlung im United States National Museum enthält aber lediglich eine Kalebasse ohne Schriftzeichen 6). Von Ross im Jahre 1936 veranlaßte Recherchen brachten kein Ergebnis. Die weitere Suche nach dem merkwürdigen Unicum wäre äußerst wichtig. So hätte man zu prüfen, ob das Stück versehentlich in das Magazin der botanischen Abteilung des Museums geraten ist.

d) Nach Katalogangaben aus den Jahren 1912 und 1922 soll sich im Museo Nacional zu Lima eine Schrifttafel von der Osterinsel befunden haben. Nachforschungen von Ross (1936) und Lanyon-Orgill (1948) blieben ergebnislos 7). TOP

Welche Hoffnungen bleiben der Wissenschaft, weitere Überreste jener alten hölzernen Literatur aufzufinden? Von Tafeln in Höhlenverstecken der Osterinsel wird mehrfach berichtet 8). Tatsächlich konnte im Jahre 1938 das Fragment einer "Ta'u"-Tafel im Gebiet von Poike entdeckt werden 9). Die Aussichten auf Funde guterhaltener Stücke müssen leider pessimistisch beurteilt werden, da die Bodenfeuchtigkeit alle verborgenen Schrifttafeln im Verlauf der letzten 70–90 Jahre unbrauchbar gemacht haben dürfte. Theoretisch wäre denkbar, daß sich auch in Grabkammern der Ahu noch Beigaben solcher Art fänden 10).

1) Dalton 1904, 2; Métraux 1940, 393.
2) Datiert 30. 4. 1874, bei Churchill 1912, 319.
3) Tregear 1892, 101.
4) Imbelloni 1951, 97.
5) Thomson 1891, 535.
6) Heine-Geldern 1938, 836
7) Lanyon-Orgill 1953, 11. Briefliche Mitteilung vom 19. 1. 1955.
8) Routledge 1919, 247; Estella 1921, 23; Lavachery 1935, 56, 58, 95–98.
9) Imbelloni 1951.
10) Heine-Geldern 1938, 896.

Einen weiteren Anhaltspunkt für die Suche bilden die Gruppen von Osterinsulanern, die um 1870 nach Mangareva und Tahiti auswanderten. Jedenfalls schreibt Croft 1), daß Plantagenarbeiter in Papeete zu Beginn der 70er Jahre mehrere Tafeln ("a number of blocks") besessen und dem Kaufmann Parker vergeblich zu hohen Preisen zum Verkauf angeboten hätten. Crofts Suche verlief damals erfolglos. Es erscheint aber nicht ausgeschlossen, daß sich gegenwärtig noch Schriftdenkmäler in Privatbesitz auf Tahiti befinden.

Schließlich führt eine dritte Spur nach Europa. Die bisherige Forschung scheint die sich hier bietenden Möglichkeiten ganz außer acht gelassen zu haben. Den Ansatzpunkt bildet eine Diskussionsbemerkung von H. O. Forbes über den Schiffsarzt der "Topaze", J. L. Palmer 2): "One of the greatest losses to Easter Island ethnography, which can never be repaired, was the disposal by auction of Fleet-Surgeon Palmer’s unique collection made on his different visits to the island close on fifty years ago. He possessed, I recollect, a larger number of inscribed tablets than any collection I know of. This collection was offered by his family to me as Director of Museums for Liverpool, but my trustees declined the purchase of "objects from such a remote and uninteresting place”. It was probably declined elsewhere, since it was dispersed by auction ...”

Palmers Sammlung muß vom Besuch der "Topaze" im Jahre 1868 stammen, aus einer Zeit, als noch in größerem Umfang alte Schriftdenkmäler auf der Osterinsel vorhanden gewesen sein müssen. Wenn Forbes Aussagen zutreffen, so dürfen die größten Hoffnungen darauf gesetzt werden, daß zukünftig in Großbritannien noch vergessene Tafeln zum Vorschein kommen mögen. Für die britische Forschung stellt sich hier eine Aufgabe, die mit Spürsinn, Takt und Hartnäckigkeit gelöst werden kann.

1) Churchill 1912, 319.
2) Routledge 1917, 346.
TOP


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