Rongorongo - Die einzigartige Schrift von der Osterinsel

Rongorongo - Die einzigartige Schrift von der Osterinsel


Rongorongo


Briefmarke zum Thema Rongorongo SchriftAuf der Osterinsel hat sich in völliger Isulation eine Schrift entwickelt, die im ganzen polynesischen Raum einzigartig ist. Diese Schrift nennen die Rapa Nui "Rongorongo" und ist eine in Reihen angeordnete Symbolschrift bestehend aus Glyphen, die menschliche Figuren, anthropomorphe oder zoomorphe Wesen, Tiere, Pflanzen oder auch Körperteile, aber auch Gegenstände aus dem Leben der Rapa Nui darstellen. Teilweise sind die Ableitungen (beispielsweise aus der Natur) noch deutlich zu erkennen, andere Zeichen sind komplett abstrahiert.

Obwohl die Osterinsel bereits im Jahre 1722 von dem holländischen Admiral Roggeveen entdeckt wurde, stammen die ersten Berichte über eine Schrift der Rapa Nui vom Missionar Pater Eugéne Eyraud aus dem Jahre 1852; ein Jahr zuvor war eine Rapa-Nui-Schrifttafel in Neuseeland aufgetaucht. Einige Wissenschaftler gingen deshalb davon aus, dass es sich bei der Rapa-Nui-Schrift lediglich um eine Nachahmung aus europäischen Schriftdokumenten handelte. Speziell der Anthropologe Kenneth P. Emory vom Bernice P. Bishop Museum in Honolulu war der Meinung, die Glyphen seien mit Metallwerkzeugen europäischer Herkunft auf den Trägermaterialien (Holz) aufgebracht worden.

Die Thesen, die Rongorongo Schrift habe sich erst nach der Entdeckung der Osterinsel im Jahre 1722 entwickelt, ist von der Fachwissenschaft zwischenzeitlich komplett verworfen worden, obwohl ein hundertprozentiger Nachweis bisher nicht erbracht werden konnte. Mit Ausnahme einiger Glyphen auf Stein (z.B. in der Ana O Keke Höhle) sind die Rongorongo Zeichen vornehmlich auf ca. 1 Zentimeter dicke Holzplatten zu finden und das Alter dieser Hölzer konnte bisher nicht eindeutig bestimmt werden.

Einige Wissenschaftler sind der Meinung, sie könnten aus einigen dargestellten Zeichen nachweisen, dass die Rongorongo Schrift sich vor der Entdeckung der Europäer entwickelt hat, wie beispielsweise eine Darstellung von der Honigpalme (Zeichen 067) oder dem Brotfruchtbaum (Zeichen 034). Die Honigplame war schon vor 1722 auf der Osterinsel ausgestorben, den Brotfruchtbaum hat es nie auf der Osterinsel gegeben. Aber auch dies ist kein sicherer Nachweis, zumal die Fachwissenschaft nicht ausschließt, dass der Terminus "Rongorongo" erst von Pater Eugéne Eyraud um 1864 von Mangareva auf die Osterinsel gebracht wurde. Pater Eugéne Eyraud wirkte in den Jahren 1864 und 1866 bis 1868 auf der Insel.

Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass die Rongorongo Schrift sich erst durch europäische Einflüsse entwickelt hat, dazu hat es um 1870 einfach zu viele Schrifttafeln gegeben und die noch auf der Insel lebenden Rapa Nui konnten Pater Eyraud 1866/68 nicht helfen, die Schrift zu entziffern. Pater Sebastian Englert, der in der Zeit von 1937 bis 1969 auf der Osterinsel wirkte berichtete über einen alten Mann, der um 1930 noch Bewohner kannte, die als Schüler diese Schriftzeichen lernen mussten. Nach diesen Berichten hatten die Schüler in strenger Disziplin die Texte zu lernen. Sie durften während der Lernphase weder spielen noch sprechen, hatten auf den Knien zu sitzen und die Hände vor der Brust zusammenzulegen. Nach einer gewissen Zeit der Unterweisung hatten die Kinder die Zeichen zu rezitieren und mussten anfangen die Zeichen auf Bananenblättern zu kopieren. Erst wenn sie ein gewisses Maß an Vollkommenheit in ihren Kenntnissen und Ausführungen nachweisen konnten durften sie anfangen, die Zeichen auf hölzernen Tafeln einzuritzen.

Der Terminus "Rongorongo" stammt wie gesagt von der Insel Mangareva und ist vermutlich erst durch Pater Eugéne Eyraud um das Jahr 1864 auf die Osterinsel gekommen. Ob die Rapa Nui dieser Schrift zuvor einen Namen gegeben haben und wie dieser möglicherweise gelautet hat, ist nicht bekannt. Auf Mangareva bezeichnet das Wort "RongoRongo" einen Elitekreis von ausgewählten Personen die in der Lage waren, heilige Gesänge und Rezitationen während eines Ritualfestes zu zelebrieren. So ist mit RongoRongo auch "Gesang", "Rezitation" oder "Vortrag" gemeint.

Obwohl die Schrift bzw. die Schriftzeichen bis heute nicht eindeutig entziffert sind nimmt die Fachwissenschaft an, dass die RongoRongo Schrifttafeln ausschließlich zum rezitieren religiöser Monologe dienten und auch nur einem elitären Kreis von hochrangigen Persönlichkeiten (Priester? und Priesterschüler?) zugänglich waren. Die Meister gaben ihr Wissen dann mündlich an ausgewählte Schüler weiter. Dabei war die wort- und deutungsgetreue Wiedergabe der Zeichen von höchster religiöser Wichtigkeit.

Nach den mündlichen Überlieferungen der Rapa Nui wurden die Rongorongo Holztafeln in Binsenmatten eingerollt und in den Paenga-Häusern aufbewahrt. Diesen Tafeln heftete etwas Heiliges an, durften nur von geweihten Priestern bzw. Stammesfürsten berührt werden und wurden nur zu besonderen Anlässen und Riten öffentlich gezeigt. Selbst das Lesen dieser Tafeln war ausschließlich den "Tangata Rongorongo" vorbehalten, also den Schriftgelehrten aus den Familien der Häuptlinge. Der letzte heilige Tangata Rongorongo war "Ariki Ngaara" aus dem ehemals mächtigen "Miru-Clan". Ariki Ngaara soll im Besitz von mehreren hundert Schrifttafeln gewesen sein. Die letzten Rapa Nui die die Rongorongo Schrift noch lesen und deuten konnten, wurden in den Jahren 1659 bis 1663 von Sklavenhändlern für den Guano-Abbau nach Peru verschleppt und sind dort zumeist nach wenigen Monaten ums Leben gekommen.

Laut Pater Eugéne Eyraud sollen sich die RongoRongo Schrifttafeln 1864 so gut wie in jeder Hütte der Insulaner befunden haben, deuten und lesen konnte sie in diesen Jahren jedoch niemand mehr. Eyraud sollte dann leider auch die Vernichtung der meisten Schrifttafeln zu verantworten haben:

In seinem Ankunftsjahr 1864 konnte Eyraud das Vertrauen der auf der Osterinsel verbliebenen Rapa Nui nicht gewinnen, waren doch von Dezember 1862 bis März 1863 insgesamt 2225 Inselbewohner von Sklavenhändler verschleppt worden. Nach zehnmonatigem Aufenthalt auf der Insel musste Eyraud im Oktober 1864 nach Tahiti fliehen, weil die Rapa Nui ihm im wahrsten Sinne des Wortes ans Leder wollten. Die Insulaner rissen ihm nach der Gefangennahme sämtliche Kleider vom Leib, stahlen ihm die Schuhe und zerrissen seine Bibel. 1866 kam Eyraud unter Zuhilfenahme dreier Eingeborener aus Mangareva und zweier weiterer Missionare (Kaspar Zumbohlen und Theodul Escolan) zurück und wirkte dort bis zu seinem Tod im Jahre 1868. In diesen zwei Jahren stellte Eyraud mit seinen zwei Glaubensbrüdern die gesamte alte Kultur auf die westliche Lebensweise und den christlichen Glauben um. Er brachte eine Schiffsladung Schafe Schweine, Pferde, Rinder, Affen, Katzen, Hasen und Tauben mit auf die Insel, ließ Häuser nach europäischem Vorbild bauen, eröffnete ein Spital und taufte am 14. August 1868 alle (800) noch auf der Insel wohnenden Rapa Nui. Während dieser Zeit wurden dann leider auch die RongoRongo Schrifttafeln so gut wie komplett vernichtet. Pater Zumbohlen berichtete seinem Bischoff Jaussen auf Tahiti, dass die Eingeborenen auf der Insel ihre "Herdfeuer jetzt mit Rongo-Rongo Brettern heizen". Bischoff Jaussen bat daraufhin Zumbohlen, ihm fünf von diesen Brettern zu besorgen; sie sind heute Teil der noch insgesamt 25 erhaltenen Schrifttafeln weltweit.

Aufgrund der wenigen erhaltenen Schrifttafeln wird man die Rongorongo Glyphen wohl niemals mehr komplett lesbar entziffern können. Die heute noch vorhandenen Texte enthalten lediglich 14.000 Zeichen, darin finden sich rund 600 verschiedene Symbole die sich auf 120 Grundbestandteile reduzieren lassen.

Die Schriftzeichen werden von links nach rechts gelesen, allerdings von der unteren Zeile nach oben, wobei am Ende einer Zeile die Tafel umzudrehen ist und die nächst höherer Zeile wieder von links nach rechts gelesen wird. Ist der Leser am letzten Zeichen der oberen Zeile angelangt so wird die Tafel umgedreht, wobei sich der Text ohne Unterbrechungen dann auf der oberen Zeile fortsetzt und nun von oben nach unten weiter gelesen wird.

Versuche die Schrift zu entziffern hat es schon viele gegeben. Der erste Nachweis über eine Erklärung der Rongorongo-Schrift findet sich in einem Brief von Pater Eugéne Eyraud an seine Ordensoberen. Er berichtete dass sich in allen Häusern hölzerne Täfelchen oder Stäbe befanden die mit "vielerlei hieroglyphischen Zeichen bedeckt sind". Lesen oder deuten konnten die auf der Insel verbliebenden Rapa Nui die Zeichen nicht wussten aber zu berichten, dass jedes dieser Zeichen einen eigenen Namen hatte.

In der Fortführung versuchte Bischoff Jaussen mithilfe eines Rapa Nui, der als Plantagenarbeiter der auf Tahiti zu arbeiten hatte, die Schrift zu entziffern doch mit mäßigem Erfolg. Der Rapa Nui kam bei denselben Glyphen zu unterschiedlichen Aussagen.

1886 nahm der Amerikaner William Thomson Fotografien von den Schrifttafeln mit auf die Osterinsel und zeigte sie einem altem Rapa Nui. Die Lesungen wurden zwar ins Englische übersetzt, doch die Wissenschaft stuft die übersetzten Texte als kaum brauchbar ein.

Die ersten ernsthaften Versuche, die Schrift unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu entziffern, unternahm der Ethnologe Alfred Métraux in den 1930er und 40er Jahren. Das einzige was er dabei feststellen konnte war, dass die Schriftzeichen keine phonetische Funktion hatten und es somit unmöglich sein würde, die Zeichen wortgetreu zu lesen und zu übersetzen.

1943 konnte der russische Ethnograph Kudrjawzew Textparallelen auf verschiedenen Schrifttafeln nachweisen; 1956 äußerten die Ethnologen Nikolai Butinov und Juri Knorosov die Vermutung, die kleine "Santiagotafel" enthalte Namen und Titel ehemaliger Herrscher.

Das bis heute weitgehend gültige Grundwerk zur Kartographierung der Rongorongo Schriftzeichen lieferte 1958 der deutsche Ethnologe Thomas Barthel von der Eberhard Karls Universität in Tübingen unter der Bezeichnung "Grundlagen zur Entzifferung der Osterinselschrift". Dieses Werk listet erstmalig alle bekannten Schrifttafeln mit einer grafischen Aufbereitung der Texte sowie einer Klassifizierung und Kategorisierung der Schriftzeichen auf. Hierbei werden die Zeichen in folgende dreistellige Zahlenfamilien eingeteilt:

Zeichen 001 - 099 grafische Symbole, Pflanzen, Objekte der Natur
Zeichen 100 - 199 seltene geometrische Formen und Personifizierungen
Zeichen 200 - 299 anthropomorphe Figuren, Kopf in Vorderansicht
Zeichen 300 - 399 anthropomorphe Figuren, Kopf in Seitenansicht
Zeichen 400 - 499 Kopf in Seitenansicht auf diversen Körperformen und Gestalten mit Pantomimik
Zeichen 500 - 599 besondere Kopfformen
Zeichen 600 - 699 Vogel-Gestalten
Zeichen 700 - 799 sonstige Tierformen

Barthel war der Meinung, dass die Zeichen eine Art Gedächtnisstütze im Telegrammstil darstellen, um mündlich überlieferte Informationen möglichst Detailgetreu wiedergeben zu können. Außerdem äußerte er die Vermutung, dass die so genannte "Mamari"-Tafel einen Mondkalender enthalte, da in den Zeilen 6 bis 9 auffallend viele astronomische Zeichen und Mondsymbole abgebildet seien. Barthels Vermutung vom Mondkalender nahm der Franzose Jacques Guy auf, meinte aber, dass es sich hier zwar um astronomische Zeichen bzw. Symbole handle, insgesamt aber kein Kalender im eigentlichen Sinn darstellt. Dabei verwies er auf die Erkenntnisse des Amerikaners William Thomson aus dem Jahre 1886, der sich seinerzeit die Zeichen von einem alten Rapa Nui hatte rezitieren lassen. Dieser Rapa Nui hatte nachvollziehbare astronomische Mondphasen mit Mythen verknüpft.

1995 publizierte der Amerikaner Steven Fischer eine Abhandlung in der er sich ebenfalls auf Erkenntnisse von William Thomson stützte. Fischer meint, die Zeichen auf dem so genannten "Santiago"-Stab gäben eine "Atua mata riri" genannte Rezitation-Form wieder, die auch Thomson im Jahre 1886 von dem alten Rapa Nui dokumentiert hatte. Hierbei geht es um den Schöpfungsmythos über den Ursprung verschiedener Pflanzen, Tiere und Gegenstände die in einem Art Gesang rezitiert werden. Es sind standardisierte Verse die sich ständig wiederholen und aussagen, dass die Gottheit "A" mit "B" einen Zeugungsakt vollzieht und daraus "C" entsteht.

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